Am Leipziger Hauptbahnhof verläuft sich vieles, die Schlange aber ist nicht zu übersehen. Sie reicht vom einen Ende der Halle bis zum anderen, mit einem kleinen, von Sicherheitskräften frei gehaltenen Schlupfloch in der Mitte, damit die Reisenden von den Bahnsteigen in die Stadt entweichen können. Eine Clubnachtschlange ist das nicht mehr, auch keine Blockbusterkunstausstellungsschlange, es ist schon eine kleine Wallfahrt, die sich an diesem wintergrauen Samstagnachmittag gebildet hat, den Blick erwartungsvoll auf eine Tür in der Wand gerichtet: Durch diese Pforte muss er kommen, der Graf.

Autogrammstunden hat man sich anders vorgestellt. Doch ob Leipzig , Fürth , Köln oder Stuttgart : Wo immer der Mann, den alle nur respektvoll den Grafen nennen, auftaucht, herrscht Massenauflauf. Der Andrang vor den großen Elektromärkten, vor deren Toren er Hof hält, ist inzwischen so groß, dass ihm nur noch mit ausgefeilter Logistik zu begegnen ist. Bitte nicht drängeln! Rollstuhlfahrer zuerst. Bloß ein Autogramm und ein Foto pro Person. Auch wechselt der Graf neuerdings wie ein Simultanschachspieler zwischen zwei Tischen: Während er am einen signiert, stellt die Crew am zweiten schon mal die Digitalkameras ein. Ein Lächeln, ein Klick, dann kommt schon der Nächste. Der Euphorie tut das alles keinen Abbruch. Hauptsache, einmal in seiner Nähe gewesen sein.

Es ist eine Schattenwelt des Pop , die hier aus der Unsichtbarkeit hervortritt, Männer in Goretexjacken, Vorstadtblondinen, unscheinbare Jugendliche mit Miroslav-Klose-Frisur, ganze Familien samt Omi und Enkel, aber auch Einbeinige, Kleinwüchsige, Grauhäutige, Fettleibige oder sonst wie vom Leben Versehrte, Leute in Klamotten von KiK , Leute, die aussehen, als hätten sie das Ende der DDR verschlafen, nicht zu vergessen die echten Nachtschattengewächse, nietenbeschlagen, schnallenbewehrt, in Kutten bis zum Boden, aber offenbar genauso trostbedürftig. Und obwohl der Graf jedem der Dürstenden nur eine Kurzaudienz gewähren kann, gehen sie an Leib und Seele erquickt nach Hause. Dass dieser Mann Charisma hat, ist offensichtlich. Wo er es hernimmt, schon weniger.

Bis vor Kurzem fristete er ein Nischendasein: Bernd Heinrich Graf aus Würselen bei Aachen . Was an gesicherten Erkenntnissen über ihn vorliegt, lässt sich an einer Hand abzählen. Unauffälliges Elternhaus, Zeitsoldat bei der Bundeswehr, Ausbildung zum Hörgerätetechniker. Litt in seiner Jugend unter Balbuties, besser bekannt als Stottern. Von 2000 an erste Versuche als professioneller Musiker. Es gibt eine Familie, aber er kommentiert das nicht weiter, er könnte Ende dreißig sein, doch das genaue Alter bleibt sein Geheimnis. Nicht einmal seinen bürgerlichen Namen mag er bestätigen. Der Graf ist ein öffentliches Gespenst, eine Kunstfigur, die von sich selbst in der dritten Person spricht und immer in exakt der gleichen Erscheinungsform auftritt: schwarzer Anzug, weißes Hemd, dunkle Krawatte, den Kopf zur Glatze geschoren und um die Mundwinkel dieses Dreiecksbärtchen. Es hebt ihn aus der Menge der Kahlköpfigen hervor, Kritiker haben darin beim Headbangen versehentlich nach unten gerutschte Teufelshörnchen erkennen wollen. Sein Alleinstellungsmerkmal jedoch ist eine Zahl.

Unheilig ist eine Projektionsfläche. Hinter die Leinwand gelangt man nicht

1,66 Millionen Exemplare hat er von seinem Album Große Freiheit verkauft, das ist nicht nur mit Abstand der größte Erfolg, den der deutschsprachige Pop in den letzten 20 Jahren verzeichnen konnte. Die Zahl hat auch einen gewissen Erklärungsnotstand hervorgerufen, bei den professionellen Deutern, bei der Plattenfirma, nicht zuletzt beim Grafen selbst. Unruhig rutscht er auf dem viel zu beigen Designersessel herum, auf dem er zum Interview empfängt, während er laut nachdenkt, wie alles gekommen ist. 100.000 schien eine realistische Zahl, dann war es plötzlich eine halbe Million, und dann ging das Ding ab wie eine Rakete. Was da auf einen einprasselt, muss man erst einmal verdauen: die vielen Menschen, die Aufmerksamkeit. Wie er so dasitzt im Büro des Branchenriesen Universal, wirkt der Graf wie ein aus seiner dunklen Ecke aufgescheuchtes Tier.

»Ich bin für alles offen«, hat er gleich zur Begrüßung gesagt, als sei Angriff die beste Verteidigung. Tatsächlich gibt es wenig, was er auf seinem Weg nach oben nicht mitgemacht hat, von Konzerten in Möbelhäusern bis zu Großkochveranstaltungen mit Alfons Schuhbeck , von Gastspielen bei Ilona Christensen bis hin zum Auftritt im Big Brother- Container. Sich so weit zu öffnen hat Kraft gekostet, schließlich liegen die Anfänge des Unternehmens Unheilig im Düsterpop der Gothic-Szene, und die ist nicht gerade für ihre Weltzugewandtheit bekannt. Was die meisten da draußen nicht wissen: In Kooperation mit dem Verein Herzenswünsche hilft Unheilig krebskranken Kindern. Der Graf könnte noch viel mehr erzählen, »ich hab einen Lkw an Geschichten«, sagt er, doch je länger man ihm zuhört, desto klarer wird, dass das Plaudern seine Methode ist, möglichst wenig von sich preiszugeben. Dieser ganz in Schwarz-Weiß gehaltene Mensch ist einfach nicht zu fassen.

Unheilig-Songs funktionieren wie ein musikalischer Rorschachtest

Stattdessen beginnt man sich zu fragen, an wen er einen erinnert. Die rheinisch-joviale Art, mögliche Einwände schon im Vorfeld zu entkräften, hat etwas von Reiner Calmund , dem größten Volksschauspieler des deutschen Fußballs. Die Große Freiheit zitiert Hans Albers . Dahinter aber scheinen andere, weniger gemütliche Figuren herauf. Ähnlich bedrohliche Schatten hat Max Schreck als Nosferatu geworfen, wie er in Walter Murnaus Stummfilmklassiker an Bord eines Geisterschiffs in den Hafen von Wismar einfährt. Die Aura von Unheimlichkeit, die sein Einsatz für humanitäre Zwecke eher steigert als auslöscht, lässt an Karl-Theodor von und zu Guttenberg denken: Wie der Freiherr ist auch der Graf ein Populist neuen Typus, sein Aufstieg steht in direktem Verhältnis zum Niedergang der großen Volksparteien Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg.

Es ist etwas Krisengeborenes um diesen Fürsten der Dunkelheit und des Lichts, etwas, das an die großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts erinnert, an die Sehnsüchte, die sie erzeugten, und die Heilsgestalten, die gestärkt daraus hervorgingen. Sogar den Grafen selbst wundert, was täglich an Post bei ihm eingeht, nicht selten von Todkranken: Lieber Graf, ich muss sterben. Bitte besuch mich, bevor es so weit ist, denn du hast mir viel gegeben mit deiner Musik. »Da verabschiedest du dich von ’nem Menschen, den du gar nicht kennst«, sagt er, und man meint, ein leichtes Schaudern ob der Tragweite des Sachverhalts aus seiner offensiv sonoren Stimme herauszuhören, doch das kann täuschen. Unheilig ist eine Projektionsfläche. Hinter die Leinwand gelangt man nicht.

Ganz ähnlich verhält es sich mit seiner Musik: Sie erinnert immer an etwas anderes, das Dräuende an schwarzromantische Bands wie Wolfsheim, die hunnenhaft hereinbrechenden Heavy-Metal-Gitarren an Rammstein , die balladesken Passagen an Grönemeyer. »Im Prinzip ist das die Döner-Pizza«, sagt der Graf, »sieht komisch aus, schmeckt aber lecker.« Erst mit den Texten wird daraus echter Unheilig. Das Schreiben hilft, es ruft Visionen in ihm wach, auf Lichter der Stadt, dem soeben erschienenen neuen Album, hat er versucht, seinen wiederkehrenden Selbstzweifeln eine Form zu geben. Am Ende steht das, was er »großes Kopfkino« nennt. Richtig ist: Unheilig-Songs funktionieren wie ein musikalischer Rorschachtest. Wie man hineinhorcht, so schallt es heraus.

Die Ballade vom Eisenmann etwa: Ihr Entstehungsgrund war die Angst, ohne Rüstung hinaus ins Scheinwerferlicht treten zu müssen, das Stück bleibt indes abstrakt genug, um alle Schüchternen anzusprechen. Herzwerk handelt davon, bloß ein Rädchen im Getriebe zu sein, ist aber zugleich eine Ode an die vielen starken Arme, die irgendwo im Verborgenen dafür sorgen, dass das große Ganze am Laufen bleibt. In ihrer vagen, aber doch stets himmelsstürmenden Metaphorik umkreisen alle Songs die Furcht vor einer technisierten, mit Siebenmeilenstiefeln über den Einzelnen hinwegschreitenden Zeit. Am Ende aber obsiegt immer die Hoffnung. »Wir wollen ein großes Leben / Im Lichterschein der Nacht / Und unsere Träume schmieden / Feuer für das Licht der Stadt« – wie in expressionistischen Gedichten steht hier ein Mensch in Flammen. Doch auch das sind nur Bilder.

Wer den Grafen in seinem Element erleben will, muss seine Konzerte besuchen. Die Bühne: ein in fahles Licht getauchtes Jammertal. Der Prospekt: eine maritime Szene, die von einem majestätischen Schiffsbug beherrscht wird. Wer will diesen Riesendampfer noch steuern? Da kommt wie aus dem Nichts der Held hereingestürzt und fragt in den Jubel hinein: »Wollen wir gemeinsam nach den Sternen greifen? Seid ihr bereit zu fliegen?« Was dann folgt, ist eine Mischung aus Erweckungsgottesdienst und schwarzer Messe, bei der heidnische und christliche Symbolik wundersam zusammenfinden, Kerzen brennen und Kinderchöre erklingen, während der Graf sich im Dienst seiner Mission so verausgabt, dass er immer wieder verschwinden muss: hinter die Bühne, zum Sauerstofftanken. Auf dem Höhepunkt des Geschehens wird er den Boden küssen, als sei er der Papst persönlich.

Der Graf ist Seelsorger, Bruder und leuchtendes Beispiel für alle

Natürlich ist die Spontaneität gespielt: Unheilig-Konzerte sind durchchoreografierte Ereignisse, die immer gleich ablaufen, Illusionstheater aus der Retorte. Es wäre leicht, sich über den Budenzauber lustig zu machen, der hier entfacht wird, das Überplakative der Bilder, das Scharlataneske der Hauptfigur, die Mechanik unter der Schminke, doch für Ironiker ist diese Show nicht gedacht. Die glänzenden Augen, in die man schaut, gehören den Dunkelziffermenschen, Leuten, die sonst bloß als statistische Größe auftauchen, die sich von den traditionellen Sinngebungsinstanzen verlassen fühlen und sich doch nichts so sehr wünschen, wie in ihrer Bedeutung wahrgenommen zu werden. Ihnen spricht der Graf aus dem Herzen, indem er alles zugleich für sie ist, Seelsorger, Bruder und leuchtendes Beispiel. Seht her, sagt dieses wandelnde Gesamtkunstwerk aus Würselen: Wenn ein Niemand wie ich hier oben steht, dann kann auch für euch nicht alles zu spät sein.

Man ist ja schließlich auch nur Mensch

Es ist der Trost des Schlagers, der aus ihm spricht: Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Nur dass man ihn kaum wiedererkennt, diesen Bruder Leichtfuß. Nichts ist geblieben von der alten Bembelseligkeit, mit der Generationen sich in die Besinnungslosigkeit schunkelten, dem Heißa hoch auf dem gelben Wagen, der Fröhlichkeit mexikanischer Feste und griechisch inspirierter Besäufnisse, der ganzen bestialisch gemütlichen Blaumacherei vergangener Zeiten: Komm, gib mir deine Hand, denn heute feiern wir! Der Horizont dessen, was einmal volkstümliche Musik genannt wurde, hat sich verdüstert: Wer hier sein Heil sucht, der weiß, dass die heile Welt immer woanders liegt.

Während Opas Schlager präindustrielle Idyllen heraufbeschwor, befinden wir uns mit diesen Liedern mitten im Gespensterstadl: Dahin die Gewissheiten, die Vampire sind unter uns. Geboren um zu leben heißt der größte Unheilig-Hit, als sei auch das inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn das Stück alle Mühseligen und Beladenen auf ein prekäres Happy End einstimmt – »Wir war’n geboren, um zu leben, mit den Wundern jeder Zeit / Sich niemals zu vergessen, bis in alle Ewigkeit« –, weiß man noch immer nicht, was jeden Einzelnen in der wogenden Menge zum Feuerzeug greifen lässt, und ist doch um eine Erkenntnis reicher: Um die psychologische Verfasstheit eines Landes, das solcher Trostbotschaften bedarf, kann es nicht zum Besten bestellt sein.

Macht es Angst, als Erlöserfigur wahrgenommen zu werden? Der Ausdruck »Erlöser« gefällt dem Grafen nicht, selbst ihm schwingt zu viel Pathos darin mit, er sieht sich als Mann aus dem Volk, der nur ein bisschen zielstrebiger zu Werke gegangen ist, vielleicht ein bisschen mehr Einsatz nach vorn gezeigt hat als andere. Vorbild, das trifft es schon eher, man trägt ja Verantwortung, man darf sich nicht gehen lassen, wer das unter »deutsche Tugenden« verbucht, bitte schön, »da hab ich gar kein Problem mit«. Aus all diesen Gründen führt er auf Tour ein rigides Regime, ein Feierabendbier, ja, aber kein Alkohol auf der Bühne. Das gilt für die gesamte Crew bis runter zum Ordner, denn nichts ist peinlicher, als wenn ein Kind im Publikum die Frage stellt: Papa, warum stinkt der Mann so?

Um seinen Überzeugungen Nachdruck zu verleihen, hat der Graf ein Buch verfasst, Bis zur Großen Freiheit , eine Zeitreise zurück zu den Wurzeln, »voller Rechtschreibfehler, weil ich’s selber geschrieben hab«, doch vielleicht kann ja mancher sich darin wiedererkennen. Gleich hinter das Vorwort hat er ein Zitat gestellt, einen Spruch des stellvertretenden Direktors seiner Schule. »Suche dir einen Beruf, in dem du mit niemandem reden musst und keinen Kontakt mit Menschen hast«, gab dieser Pädagoge ihm auf den Lebensweg mit, »irgendwas im Büro oder so ... denn sie werden dich nur auslachen und niemals ernst nehmen.« Im Nachhinein kann einem der Mann natürlich nur leidtun.

Während sein Blick nach draußen schweift, hin zu Berlins bescheidener Skyline, beginnt der Graf vom Stottern zu erzählen, das ihm die Kindheit versauert hat: Menschen können grausam sein, selbst der Gang zum Dorfbäcker war eine Tortur. Heute hat sich das weitgehend gelegt, doch los wird man so eine Geschichte nie ganz, in Drucksituationen hilft noch immer nur Selbstüberwindung. Ein suchender Blick, ein Seufzer aus gestärkter Hemdbrust: »Man ist ja schließlich auch nur Mensch.« Es klingt, als habe gerade Bernd Heinrich Graf gesprochen. Beschwören möchte man es aber nicht.