BioprodukteIst regional das neue Bio?

Die Definition, wann Lebensmittel "aus der Region" kommen, ist schwierig. Und nicht immer sind sie klimafreundlicher als importierte Ware. von Anne Kunze

Was ist eine "Region"? Eine Verwaltungseinheit? Oder eine Gegend, definiert durch Flora und Fauna? Wie viele Kilometer durchmisst Heimat? Über solche Fragen muss Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner derzeit nachdenken. Weil Käufer über "Region" nachdenken. So zeigt eine aktuelle Emnid-Studie, dass die Hälfte aller Verbraucher beim Einkaufen auf regionale Lebensmittel achtet . Gleichzeitig fühlt sich nicht einmal jeder Fünfte verlässlich informiert. Denn "regional" ist kein geschützter Begriff. Die Ministerin will deswegen ein "Regionalfenster" einführen, das offenlegt, welche Zutat woher kommt.

Lebensmittel aus der Umgebung, so argumentieren Nah-Esser, die sich auch Locavoren nennen, zeichneten sich durch verkürzte Transportwege , einen verringerten CO₂-Abdruck und eingesparte Energie aus. Es sind jene Argumente, die auch oft für Bioprodukte angeführt werden: Energie sparen plus Treibhausgase vermeiden gleich Klima schützen. Aber stimmen sie auch? Das hat umfassend Elmar Schlich , Prozesstechniker an der Uni Gießen, untersucht.

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In mehreren groß angelegten Studien zeigt er, dass regional nicht unbedingt klimafreundlicher ist. Äpfel aus der Region zum Beispiel müssen das ganze Jahr über in Kühlhäusern und unter sauerstoffarmer Atmosphäre gelagert werden, damit sie frisch bleiben. Ein Kilogramm regionaler deutscher Äpfel ist – abhängig von Jahreszeit und Betriebsgröße – mit 40 bis 200 Gramm CO₂ belastet. Wenn sie bis zum Frühsommer des nächsten Jahres gelagert werden, verbrauchen deutsche Äpfel ähnlich viel Energie wie der Schiffstransport frischer Äpfel von der Südhalbkugel. Es ist daher sinnvoll, darauf zu achten, welche Produkte gerade Saison haben.

Viele Ergebnisse aus Schlichs Studien überraschen: Das Fleisch von Rindern, die in Argentinien frei herumgelaufen sind, hat etwa einen geringeren ökologischen Fußabdruck als jenes von Rindern, die hierzulande auf einem kleinen Hof im Stall gehalten und womöglich noch mit Kraftfutter aus brasilianischen Sojabohnen gefüttert wurden. Erst ab einer Betriebsgröße von 400 Mastplätzen gleicht sich die Klimabilanz wieder aus. Wichtig für die CO₂-Bilanz sind auch die Betriebsgröße und der Flächenertrag. Also die Frage, wie viele Tonnen Lebensmittel pro Hektar erwirtschaftet werden können, wie Rasmus Prieß von der Plattform Klimaverträglicher Konsum bestätigt. Als Faustregel gilt: Große Höfe produzieren immer energieeffizienter, egal, wo.

Klicken Sie auf das Bild, um zur ZEIT-Serie über Lebensmittel aus dem Ökolandbau zu gelangen.

Klicken Sie auf das Bild, um zur ZEIT-Serie über Lebensmittel aus dem Ökolandbau zu gelangen.  |  © misterQM/photocase.com

Entscheidend, aber oft außer Acht gelassen, ist auch das Verhalten des Verbrauchers. Zwischen 20 und 40 Prozent beeinflusst dieser die Bilanz im Schnitt selbst, wie Jenny Teufel vom Öko-Institut herausgefunden hat. Wenn man etwa nur zum Einkaufen fährt, um einen Kasten Bier zu erstehen, ist man sogar für 63 Prozent von dessen Treibhausgasemission verantwortlich. Für alle Produkte gelten die Fragen: Was wird gekauft? Geht es per Auto, Rad oder zu Fuß ins Geschäft? Wie werden die Lebensmittel aufbewahrt? Auch ist eine energieeffiziente Zubereitung (Deckel auf den Topf!) wichtig – und, natürlich, dass so wenig wie möglich ungenutzt verdirbt.

Das Fazit: Regional ist nicht das neue Bio, vielmehr wollen beide überlegt genutzt werden.

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    • Serie Die Wahrheit über Bio
    • Schlagworte Ilse Aigner | Bioprodukt | Energie | Jahreszeit | Konsum | Region
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