Ist Bio nur Luxus für das Manufactum-Publikum? Die Weltbevölkerung wächst, Ackerland wird knapp, die Lebensmittelpreise steigen – schwer vorstellbar, dass Deutschland, geschweige denn die ganze Menschheit, auf Biolebensmittel umsteigen könnte.

Oder doch? Nehmen wir den Kattendorfer Hof , einen Ökohof im Hamburger Umland. Auf 150 Hektar Land produziert er so ziemlich alle Grundnahrungsmittel: Getreide, Gemüse, Kartoffeln, Fleisch, Wurst, Eier, Milch, Käse und Butter. 700 Menschen könnte die Hofgemeinschaft damit nach eigener Schätzung versorgen. Nach Kattendorfer Maßstäben würden für 82 Millionen Deutsche demnach 17,6 Millionen Hektar Acker- und Weideland gebraucht. 17 Millionen Hektar werden gegenwärtig landwirtschaftlich genutzt – der Größenordnung nach reicht das Ackerland also. Die Flächen für Agrarsprit (gut zwei Millionen Hektar) müssten wohl schrumpfen. Allerdings kann man Biolandbau auch intensiver betreiben, als es in Kattendorf geschieht.

Eine andere Frage ist, ob die Deutschen das alles wollen. Normalverbraucher müssten sich auch an knappe Fleischrationen gewöhnen, und im Winter kann der Speiseplan eintönig ausfallen: immer nur Kartoffeln, Kohl, Rüben und Rote Beete.

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Gegenwärtig importiert Deutschland mehr Lebensmittel, als es ausführt. Auch ein Bundes-Kattendorf müsste Kaffee, Tee, Kakao und Südfrüchte weiterhin im Ausland kaufen, wäre im Übrigen aber halbwegs autark und würde die Weltmärkte daher zunächst sogar entlasten. Auf lange Sicht reicht das allerdings nicht aus: Bevölkerungswachstum und globale Erwärmung werden die Entwicklungsländer in einigen Jahrzehnten zu Nettoimporteuren machen, deren wachsenden Bedarf die Regionen mit gemäßigtem Klima ausgleichen müssen. Heute hat Deutschland gewaltige Reserven. Es verfüttert mehr Weizen, als es zu Lebensmitteln verarbeitet, und importiert für sein Vieh dazu noch große Mengen Soja . Weniger Fleisch und ein Ende der Wegwerfkultur (die uns bis zu einem Drittel allen Essens kostet), und wir könnten viel mehr Lebensmittel exportieren, als wir einführen.

Ökodeutschland hätte für die Armen der Welt deutlich weniger übrig, wie der Blick auf den Kattenhof zeigt. Der Viehbestand lässt sich dort kaum weiter verringern, weil der Mist als Dünger gebraucht wird. Und weggeworfen wird schon heute nichts: Fällt der Sommer trocken aus, bekommen die Kunden eben Kartoffeln im Kirschformat.

Die konventionelle Landwirtschaft ist einfach produktiver – und zwar im Schnitt um 20 Prozent, wie eine niederländische Metastudie ergab, die im Januar in der Fachzeitschrift Agricultural Systems veröffentlicht wurde und Daten aus 362 Untersuchungen aus aller Welt vereint. Diesem Vorsprung stehen allerdings gewaltige Kosten gegenüber. Der Weltagrarbericht der Weltbank von 2008 listet sie auf: überdüngte, verarmte, erodierte Böden, sinkende Grundwasserspiegel, nitratverseuchtes Oberflächenwasser, schwer abbaubare Pestizide und zunehmend resistente Schädlinge – Probleme, die der Kattendorfer Hof nicht kennt. Der Produktivitätsrückstand lässt sich zudem wahrscheinlich aufholen: 20 Prozent sind wenig, bedenkt man, dass die Welt ihre Agrarerträge zuletzt binnen weniger Jahrzehnte vervielfacht hat.