BioprodukteKann Bio uns alle satt machen?

Der Ökolandbau bringt heute noch 20 Prozent weniger Ertrag als die herkömmliche Landwirtschaft. Doch der Rückstand ließe sich aufholen. von 

Ist Bio nur Luxus für das Manufactum-Publikum? Die Weltbevölkerung wächst, Ackerland wird knapp, die Lebensmittelpreise steigen – schwer vorstellbar, dass Deutschland, geschweige denn die ganze Menschheit, auf Biolebensmittel umsteigen könnte.

Oder doch? Nehmen wir den Kattendorfer Hof , einen Ökohof im Hamburger Umland. Auf 150 Hektar Land produziert er so ziemlich alle Grundnahrungsmittel: Getreide, Gemüse, Kartoffeln, Fleisch, Wurst, Eier, Milch, Käse und Butter. 700 Menschen könnte die Hofgemeinschaft damit nach eigener Schätzung versorgen. Nach Kattendorfer Maßstäben würden für 82 Millionen Deutsche demnach 17,6 Millionen Hektar Acker- und Weideland gebraucht. 17 Millionen Hektar werden gegenwärtig landwirtschaftlich genutzt – der Größenordnung nach reicht das Ackerland also. Die Flächen für Agrarsprit (gut zwei Millionen Hektar) müssten wohl schrumpfen. Allerdings kann man Biolandbau auch intensiver betreiben, als es in Kattendorf geschieht.

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Eine andere Frage ist, ob die Deutschen das alles wollen. Normalverbraucher müssten sich auch an knappe Fleischrationen gewöhnen, und im Winter kann der Speiseplan eintönig ausfallen: immer nur Kartoffeln, Kohl, Rüben und Rote Beete.

Klicken Sie auf das Bild, um zur ZEIT-Serie über Lebensmittel aus dem Ökolandbau zu gelangen.

Klicken Sie auf das Bild, um zur ZEIT-Serie über Lebensmittel aus dem Ökolandbau zu gelangen.  |  © misterQM/photocase.com

Gegenwärtig importiert Deutschland mehr Lebensmittel, als es ausführt. Auch ein Bundes-Kattendorf müsste Kaffee, Tee, Kakao und Südfrüchte weiterhin im Ausland kaufen, wäre im Übrigen aber halbwegs autark und würde die Weltmärkte daher zunächst sogar entlasten. Auf lange Sicht reicht das allerdings nicht aus: Bevölkerungswachstum und globale Erwärmung werden die Entwicklungsländer in einigen Jahrzehnten zu Nettoimporteuren machen, deren wachsenden Bedarf die Regionen mit gemäßigtem Klima ausgleichen müssen. Heute hat Deutschland gewaltige Reserven. Es verfüttert mehr Weizen, als es zu Lebensmitteln verarbeitet, und importiert für sein Vieh dazu noch große Mengen Soja . Weniger Fleisch und ein Ende der Wegwerfkultur (die uns bis zu einem Drittel allen Essens kostet), und wir könnten viel mehr Lebensmittel exportieren, als wir einführen.

Ökodeutschland hätte für die Armen der Welt deutlich weniger übrig, wie der Blick auf den Kattenhof zeigt. Der Viehbestand lässt sich dort kaum weiter verringern, weil der Mist als Dünger gebraucht wird. Und weggeworfen wird schon heute nichts: Fällt der Sommer trocken aus, bekommen die Kunden eben Kartoffeln im Kirschformat.

Die konventionelle Landwirtschaft ist einfach produktiver – und zwar im Schnitt um 20 Prozent, wie eine niederländische Metastudie ergab, die im Januar in der Fachzeitschrift Agricultural Systems veröffentlicht wurde und Daten aus 362 Untersuchungen aus aller Welt vereint. Diesem Vorsprung stehen allerdings gewaltige Kosten gegenüber. Der Weltagrarbericht der Weltbank von 2008 listet sie auf: überdüngte, verarmte, erodierte Böden, sinkende Grundwasserspiegel, nitratverseuchtes Oberflächenwasser, schwer abbaubare Pestizide und zunehmend resistente Schädlinge – Probleme, die der Kattendorfer Hof nicht kennt. Der Produktivitätsrückstand lässt sich zudem wahrscheinlich aufholen: 20 Prozent sind wenig, bedenkt man, dass die Welt ihre Agrarerträge zuletzt binnen weniger Jahrzehnte vervielfacht hat.

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Leserkommentare
    • Oddray
    • 29. März 2012 11:21 Uhr

    Am Beispiel Etagenanbau kann man sehen, dass ökologische Bewirtschaftung sogar zu Ertragssteigerungen führen kann.
    http://de.wikipedia.org/w...(Regenwald)

    Ein weiteres Beispiel ist Terra Preta:
    http://de.wikipedia.org/w...
    Durch einbau von organischem Material und Holzkohle in die Bodenmatrix können die Qualitäten des Bodens deutlich verbessert werden (nutzbare Feldkapazität (Wasser), pH-Pufferung, Ionenaustauscher (vor allem Anionenaustauscher wie P,N) uvm...).
    Mineralischer Dünger insbesondere der enthaltene Stickstoff führen zu einem 'idealen' Verhältnis für Mikroorganismen um die organischen Bestandteile abzubauen.
    Im globalen Maßstab wäre dies eine enorme CO2-Senke.
    Man könnte meinen dies müsste zum Gesetz erklärt werden oder zumindest in einem enormen Ausmaß gefördert werden.
    Bitte um Abhilfe ;)

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    • RoH
    • 29. März 2012 11:53 Uhr

    Wie übertragen Sie den Etagenanbau auf die gemäßigte Klimazone?

    Woher sollen all die Rohstoffe, vor allem die Unmengen Holzkohle für eine flächendeckende Terra-Preta-Versorgung kommen?

    • RoH
    • 29. März 2012 11:51 Uhr
    2. Nein.

    Die Produktivität von bio reicht bei weitem nicht an die konventionelle Landwirtschaft heran.
    Auch wenn man es sich schön rechnet, dass die Flächen ja reichen würden, ist wie oben beschrieben, das Bevölkerungwachstum und der steigende Bedarf an nachwachsenden Rohstoffen noch nicht eingerechnet.
    Außerem sollten wir uns eher bemühen, wieder weniger Fläche für die Landwirtschaft zu nutzen.

    Am besten ist aber der letzte Satz. Natürlich wurden die Agrarerträge in den letzten Jahrzehnten gesteigert. Das passierte aber vor allem durch moderne Züchtung, Pflanzenschutz und Dünger. Alles Dinge, auf die man bei bio ja verzichten will.
    Und ohne diese Mittel den Ertrag deutlich steigern, das möchte ich sehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Gegenwärtig reicht die Produktivität von Bio flächenmässig nicht an die von konventioneller Agrarindustrie heran. Und ja, der Wechsel zu Kunstdünger etc. hat einen beispiellosen Boom in der Lebensmittelproduktion verursacht. Unter anderem aufgrund dieser Tatsache haben wir die komplette Macht der wissenschaftlichen Methode nahezu ausschliesslich auf diese Techniken verwendet und das Optimierungspotenzial der biologischen Landwirtschaft brachliegen lassen. Doch heutzutage besteht die klassische Landwirtschaft hauptsächlich aus dem am Leben erhalten toter Böden unter erheblichen, zerstörerischen Aufwand, nur wo frische Erde zur Verfügung steht kommen wir noch auf beeindruckende Steigerungen. Oder halten sie 20% Mehrproduktion unter Einsatz von 200 Jahren intensiver Forschung für signifikant und uneinholbar? Nur um ein paar der Schrauben zu nennen, an denen gedreht werden kann: Der Stickstoff und generelle Nährstoffhaushalt wird von der richtigen Zusammensetzung von Pilzen, Würmern und sonstigen Mikroorganismen im Boden bestimmt (alle tot in klassischer Industrie), lebendige Böden halten Wasser länger, Biodiversität verringert Schädlingsbefall, viele Pflanzen leben in unberücksichtigten Symbiosen mit anderen Pflanzen - wir haben die Mittel dies alles zu erforschen und umzusetzen! Stellen Sie sich vor wir verzichten auf teure Kunstdünger, Chemikalien und tonnenschwere Maschinen und steigern dennoch landwirtschaftliche Effizienz. Nachhaltig.

    • Karl63
    • 29. März 2012 13:56 Uhr

    arbeiten die Bauern meistens ohne Kunstdünger / Pestizide, weil die Menschen dort nicht selten zu arm sind, um derartiges für die Landwirtschaft zu erwerben.
    Der massive Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden hat gerade in Europa zu einem System kontinuierlicher Überproduktion geführt. Es war lange Zeit gängige Politik erst mittels Subventionen diese Überproduktion zu fördern und hernach die Überschüsse mittels weiterer Subventionen auf dem Markt zu verkaufen. Leidtragende waren speziell die Bauern in Afrika, weil die gegen die künstlich verbilligten Überschüsse aus der EU nicht ankommen.
    Für die Zukunft stellt sich die Frage, wie lange die hiesigen Böden diese Form der Intensivlandwirtschaft noch mitmachen. In den letzten 50 Jahren ist es wohl noch gut gegangen, aber wir wissen seitdem auch sehr viel mehr über das sehr komplexe Zusammenspiel der Organismen im Boden, welches unsere Nutzpflanzen erst gedeihen lässt.

    • RoH
    • 29. März 2012 11:53 Uhr

    Wie übertragen Sie den Etagenanbau auf die gemäßigte Klimazone?

    Woher sollen all die Rohstoffe, vor allem die Unmengen Holzkohle für eine flächendeckende Terra-Preta-Versorgung kommen?

    Antwort auf "produktiv"
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    • Oddray
    • 29. März 2012 12:33 Uhr

    Wie man den Etagenanbau bau auf die gemäßigten Breiten überträgt ist irrelevant wenn es um die Welternährung geht, da sich diese ja trivialerweise nicht nur in den gemäßigten Breiten stattfindet...

    Zur Holzkohle: Holz ist ein nachwachsender Rohstoff - sprich auch Holzkohle - würde sie schneller abgebaut als Holz aufgebaut wäre das ganz natürlich nicht mehr nachhaltig. Aber die Terra Preta im Amazonasgebiet ist nach 500 Jahren ungenutzt immer noch erhalten: dies ist ein aufbauender Prozess.
    Sollte man natürlich jeden Acker und jede Wiese sofort mit Holzkohle versorgen, würde es tatsächlich ein Problem geben.
    Aber irgendwo muss man ja anfangen oder (wie wäre es mit dem Gemüsebeet)?

    @NicolaiP
    Ist eine hohe Bevölkerungsdichte überhaupt wünschenswert?
    Was passiert wenn der Kunstdünger knapp wird ( Siehe Peak-Phosphor: http://de.wikipedia.org/w... )?

  1. ... Mittelalter ( 3-Felder-Wirtschaft ), als alle wirklich von "bio" lebten?
    Um wieviel stieg die Bevölkerungsdichte, nachdem der Kunstdünger eingeführt wurde?

    • thbode
    • 29. März 2012 12:15 Uhr

    Die Wissenschaft, bzw. die Gesellschaft allgemein, sollte sich dringend der Frage widmen woran es liegt dass offensichtlich sinnvolle, manchmal sogar zwingend Notwendige Maßnahmen, nicht oder so schleppend umgesetzt werden. Damit man erheblich mehr Dynamik reinbringt. Sonst stehen wir bald vor einem Scherbenhaufen.
    Konventionelle Landwirtschaft ist entgegen ihrem süßlichen Bauern-Image, der Umweltkiller Nr. 1.
    Im Artikel ist das ja gelistet. Konventionelle Nahrungsmittel-Produktion wie Fisch- und Shrimps-Farmen, Rinderzucht, "Bio"-Sprit, Palmöl, Holzwirtschaft gehören auch dazu. Wir schlagen ringsum die Natur zu Brei, den wir uns dann reinlöffeln und wieder aussch....n.
    Am Beispiel Schwarz-Gelb sieht man diese Mentalität des 20. Jahrhunderts, Trägheit, falsch verstandene Wirtschaftsfreundlichkeit (falsch wegen der versteckten Kosten), Lobby-Politk, allgemein Mangel an Einsicht und Leidenschaft.

    • Oddray
    • 29. März 2012 12:33 Uhr

    Wie man den Etagenanbau bau auf die gemäßigten Breiten überträgt ist irrelevant wenn es um die Welternährung geht, da sich diese ja trivialerweise nicht nur in den gemäßigten Breiten stattfindet...

    Zur Holzkohle: Holz ist ein nachwachsender Rohstoff - sprich auch Holzkohle - würde sie schneller abgebaut als Holz aufgebaut wäre das ganz natürlich nicht mehr nachhaltig. Aber die Terra Preta im Amazonasgebiet ist nach 500 Jahren ungenutzt immer noch erhalten: dies ist ein aufbauender Prozess.
    Sollte man natürlich jeden Acker und jede Wiese sofort mit Holzkohle versorgen, würde es tatsächlich ein Problem geben.
    Aber irgendwo muss man ja anfangen oder (wie wäre es mit dem Gemüsebeet)?

    @NicolaiP
    Ist eine hohe Bevölkerungsdichte überhaupt wünschenswert?
    Was passiert wenn der Kunstdünger knapp wird ( Siehe Peak-Phosphor: http://de.wikipedia.org/w... )?

    Antwort auf "Wie umsetzen?"
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    • Oddray
    • 29. März 2012 13:11 Uhr

    Achso übrigens braucht man nicht unbedingt Holz um (Holz)Kohle zu produzieren:
    http://www.ted.com/talks/...

  2. 7. Stimmt

    Gegenwärtig reicht die Produktivität von Bio flächenmässig nicht an die von konventioneller Agrarindustrie heran. Und ja, der Wechsel zu Kunstdünger etc. hat einen beispiellosen Boom in der Lebensmittelproduktion verursacht. Unter anderem aufgrund dieser Tatsache haben wir die komplette Macht der wissenschaftlichen Methode nahezu ausschliesslich auf diese Techniken verwendet und das Optimierungspotenzial der biologischen Landwirtschaft brachliegen lassen. Doch heutzutage besteht die klassische Landwirtschaft hauptsächlich aus dem am Leben erhalten toter Böden unter erheblichen, zerstörerischen Aufwand, nur wo frische Erde zur Verfügung steht kommen wir noch auf beeindruckende Steigerungen. Oder halten sie 20% Mehrproduktion unter Einsatz von 200 Jahren intensiver Forschung für signifikant und uneinholbar? Nur um ein paar der Schrauben zu nennen, an denen gedreht werden kann: Der Stickstoff und generelle Nährstoffhaushalt wird von der richtigen Zusammensetzung von Pilzen, Würmern und sonstigen Mikroorganismen im Boden bestimmt (alle tot in klassischer Industrie), lebendige Böden halten Wasser länger, Biodiversität verringert Schädlingsbefall, viele Pflanzen leben in unberücksichtigten Symbiosen mit anderen Pflanzen - wir haben die Mittel dies alles zu erforschen und umzusetzen! Stellen Sie sich vor wir verzichten auf teure Kunstdünger, Chemikalien und tonnenschwere Maschinen und steigern dennoch landwirtschaftliche Effizienz. Nachhaltig.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Nein."
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    • RoH
    • 29. März 2012 13:14 Uhr

    Wir brauchen insgesamt eine neue Landwirtschft, die nachhaltig den Ertrag erhöht, um für Bevölkerungwachstum und nachwachsende Rohstoffe gewappnet zu sein.

    Die Agrarwissenschaften wurden sträflich vernachlässigt.

    Natürlich gehört zu dieser Nachhaltigkeit, vom Kunstdünger (endliche Ressourcen und hoher Energieaufwand bei Produktion) wegzukommen.
    Und natürlich bietet der Biolandbau auch einige Methoden für diese Art der Landwirtschaft. Zum Beispiel die reduzierte Bodenbearbeitung, die zumindest bei uns in der Magdeburger Börde von fast allen konventionellen Landwirten angewendet wird.
    Aber zur Bodenschonung gehören zum Beispiel auch große Machinen. Sie haben ein deutlich geringeres Leistungsgewicht als kleine und benötigen für die gleiche Fläche weniger Überfahrten (= weniger Bodenverdichtung).

    Aber diese neue Landwirtschaft darf eben nicht bedeuten, dass wir uns wieder abhängig von Schädlingsbefall machen und so Missernten und vegiftete Nahrungsmittel (Schimmel, EHEC) riskieren.
    Nachhaltigkeit bedeutet auch Nahrungsittelsicherheit (Qualität und Quantität).

    Und wenn wir fossile Rohstoffe durch nachwachsende ersetzen wollen, können wir nicht riskieren, dass diese durch Missernten nicht zur Verfügung stehen.

  3. Das traue ich sogar einen großen Koalition zu.

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