BioprodukteBiofertigessen, was taugt das?

Auch wer Fertiggerichte mit Biosiegel kauft, sollte auf die Zutatenliste achten. Darüber, ob ein Lebensmittel gesund ist, sagt "bio" nichts aus. von Susanne Schäfer

Bio-Cornflakes dürfen nur 50 von 300 zugelassenen Zusatzstoffen enthalten.

Bio-Cornflakes dürfen nur 50 von 300 zugelassenen Zusatzstoffen enthalten.  |  © nghtynat/photocase.com

Die frischen Erdbeeren auf der Packung sehen lecker aus, tatsächlich enthalten die Frühstücksflocken Erdbeer-Crunchy aber kaum Früchte, gerade mal zwei Prozent. Von der Tüte Honig-Poppies, die zu gut einem Drittel aus Zucker bestehen, winkt eine Comic-Biene – vor allem Kindern – entgegen. Ihren Eltern verspricht der Hersteller, Süßspeisen oder Joghurt ließen sich per Amaranth-Honig-Poppies "ernährungsphysiologisch aufwerten".

Manipulationen dieser Machart sind Kunden von den großen Lebensmittelkonzernen gewohnt. Bei Erdbeer-Crunchy und den Honig-Poppies handelt es sich jedoch um Produkte der Biofirmen Dennree und Allos. Die Branche hat sich verändert, auch was die Inhalte betrifft. Ursprünglich sollte Bio naturbelassen bedeuten. Heute bieten viele Hersteller auch hochverarbeitete Lebensmittel an: Fertigsuppen, Fertigbackmischungen, Wurst, Gewürzmischungen, Süßigkeiten...

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"Gerade im Bereich der stark verarbeiteten Lebensmittel hat Bio mit der ursprünglichen Idee von Bio nur noch wenig zu tun", schimpft Thilo Bode , der Gründer von Foodwatch . Zwar würden auch die Zutaten für Biofertigprodukte ökologisch erzeugt. Aber "insgesamt haben sich die Bioproduzenten leider mehr den konventionellen Strukturen angepasst, als dass es ihnen gelungen wäre, die konventionelle Lebensmittelwirtschaft zu ökologisieren". In Biofrühstücksflocken sei viel Zucker versteckt, Bio-Müsli-Riegel seien voller Fett und Zucker, zählt Bode auf, "und auch die Werbetricks sind dieselben, zum Beispiel wenn Zuckerbomben als Gesundheitsprodukte beworben werden". Dabei entscheiden sich ja viele Käufer gerade deswegen für Bio, weil sie es für gesünder halten.

Klicken Sie auf das Bild, um zur ZEIT-Serie über Lebensmittel aus dem Ökolandbau zu gelangen.

Klicken Sie auf das Bild, um zur ZEIT-Serie über Lebensmittel aus dem Ökolandbau zu gelangen.  |  © misterQM/photocase.com

Trotzdem: Dass es Biofertigprodukte gibt und dass diese ansprechend vermarktet werden, findet Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg an sich nicht bedenklich: "Es ist doch gut, wenn Bio endlich ganz aus der Müsli-Ecke rauskommt." Zwar sei Bio nicht frei von Mogeleien , "es kommt hier aber deutlich seltener als in der konventionellen Lebensmittelindustrie vor, dass Verbraucher getäuscht werden."

Und punkten können ökologisch hergestellte Fertigprodukte etwa bei den Zusatzstoffen: Während in Deutschland mehr als 300 Zusatzstoffe zugelassen sind , dürfen Biohersteller nur etwa 50 davon verwenden. Somit fallen viele potenzielle Risikofaktoren von vornherein weg, etwa umstrittene künstliche Farbstoffe.

Azorubin, Chinolingelb oder Gelborange S zum Beispiel, die Wassereis und Bonbons zum Leuchten bringen, können Allergien auslösen. Außerdem stehen sie im Verdacht, bei Kindern Konzentrationsprobleme und Hyperaktivität zu verstärken. Deswegen muss auf Produkten mit dem Hinweis "Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen" gewarnt werden. Da sind ökologische Farbstoffe aus Pflanzenauszügen eindeutig gesünder.

Die Linie zwischen gut und schlecht verläuft aber nicht immer trennscharf zwischen bio und konventionell, wie ein viel diskutiertes Beispiel zeigt: Der Geschmacksverstärker Glutaminsäure, der in vielen konventionellen Fertigprodukten enthalten ist, gilt als Auslöser des "China-Restaurant-Syndroms" – Kopf- und Gliederschmerzen, Taubheit im Nacken und Übelkeit. Wissenschaftlich bestätigt ist das noch nicht, viele Menschen meiden Glutaminsäure trotzdem. Und Biohersteller ersetzen es oft durch Hefeextrakt, etwa in Gemüsebrühe. Das klingt natürlicher und muss nicht als Zusatzstoff angegeben werden, sondern nur als Zutat. Doch Hefeextrakt enthält, wenn auch in geringerer Dosierung, selbst Glutamat und ist somit keine Alternative für jene, die sich vor dem Geschmacksverstärker fürchten. Auch das Verdickungsmittel Carrageen (E 407) und der Konservierungsstoff Natriumnitrit (E 250), der in Nitritpökelsalz vorkommt, sind – obwohl umstritten – in Bioprodukten zugelassen.

Für den Verbraucher heißt das: Wie bei anderen Fertigprodukten auch muss er bei den Bio-Convenience-Produkten genau aufs Kleingedruckte der Zutatenliste achten. Ökologische Fertiggerichte sind eben keineswegs naturbelassen, sondern hoch verarbeitet.

Vorsichtigen oder Puristen bleibt da nur die Faustregel des amerikanischen Ernährungs-Apostels Michael Pollan . Mit Blick auf Fertigessen aus Schachteln, Tüten und Dosen rät er: "Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte."

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Leserkommentare
    • Varech
    • 30. März 2012 13:17 Uhr

    ... sollte es beim so gesunden Bio-Essen nicht auch einen Placebo-Effekt geben?

    3 Leserempfehlungen
  1. "Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte" mit manchen exotischen aber eigentlich gesunden Gerichten wäre dann Schluß. Ich weiss nicht, ob meine Großmutter etwas mit allen bei der Zeit veröffentlichen Rezepten etwas hätte anfangen können. Andrerseits kannten oder kennen auch Großmütter Maggi-fix und Brühwürfel.

    3 Leserempfehlungen
  2. Klar, so weit ich weiß, ist ein Knollenblätterpilz 100%ig "BIO".

    5 Leserempfehlungen
    • kinnas
    • 30. März 2012 13:49 Uhr

    "Darüber, ob ein Lebensmittel gesund ist, sagt "bio" nichts aus.

    Klar, so weit ich weiß, ist ein Knollenblätterpilz 100%ig "BIO"."

    Nur daß ein Knollenblätterpils überhaupt kein Lebensmittel ist.

    Fertiglebensmittel sind eben weniger gesund. Zudem schmecken sie schlechter. Einziger Vorteil ist die Zeitersparnis des Kochens, was für Leute wie mich kein Vorteil ist, weil ich Kochen - vor allem am Wochenende - als Erlebnis habe und gerne koche.

    2 Leserempfehlungen
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    es ist eher ein Todesmittel.

    ... esssen, wenn man wüsste, dass es einer ist. Geht man aber davon aus, es sei ein Champignon ...
    Aber trotzdem ist der Knollenblätterpilz "BIO". Und: Nicht jeder isst auch alles, was "BIO" ist.

  3. ...ist nicht gesund? Und das sagt ihr mir jetzt?

    Eine Leserempfehlung
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    ist es evtl. für die Kakaoanbauer, die ihre Umwelt geringer mit Pestiziden belasten.

    ist genauso gesund und ungesund wie alle anderen Lebensmittel: gar nicht. Es gibt sie schlichtweg nicht und die Unterteilung von Lebensmittel in diese Wirkungsklasse ist haarsträubender Blödsinn.
    Dem einen schmeckt und bekommt ein Apfel, der nächste stirbt dran. Gesund oder ungesund?
    Der Brokkoli enthält ganz natürlich Dioxin. Gesund oder ungesund?
    Das können wir ohne Ende so weiterführen.

  4. es ist eher ein Todesmittel.

    Antwort auf "Überschrift"
  5. ist es evtl. für die Kakaoanbauer, die ihre Umwelt geringer mit Pestiziden belasten.

    Antwort auf "Bioschokolade..."
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    • Varech
    • 30. März 2012 21:54 Uhr

    Im Prinzio liegen Sie mit Ihrem Kommentar natürlich völlig richtig.

    Aber, und wenn hier davon nun schonmal die Rede ist, leiden die Kakaoanbauer genau wie unser Landvolk als "Pestizid"-Anwender unvergleichlich mehr unter diesen Stoffen als es dass es die Konsumenten der mehr oder weniger verarbeiteten Nahrungsmittel tun. Bei den Leuten, die mit "Pestiziden" von Berufs wegen Kontakt haben, geht es richtig happig an die Lebenserwartung. Von daher schon ist Biobauer-sein gesunder Eigennutz.

    Und übrigens, das Wort "Pestizid", ich war dabei als es vor Jahren frisch aus Amerika angekommen ist. Da wurde unterschieden z.B. zwischen fungicides, herbicides, insecticides usw. bis zu den Mitteln gegen Ratten und Mäuse und ähnliches Viehzeug: pesticides. Als "Pestizid", das Zeugs mit dem wir alle incl. Umwelt hinterhältig vergiftet werden, hat sich das Wort jetzt schädlingsgleich in der "engagierten" Laienwelt verbreitet. Nur, von Bio-Pestiziden habe ich noch nie gehört. Dabei sind auch "Bio"-Mittelchen nicht alle ganz ohne. Denken sie nur mal an Pyrethrum im Fischteich!

    Tatsächlich wäre es auf die Dauer doch besser, wir würden zwischen den Stoffen, die wir mit unserer Nahrung in Kontakt bringen, sogfältig unterscheiden. Damit könnte sehr zum Verständnis der Dinge beigetragen werden (falls gewünscht). Es ist eben nicht alles Jacke wie Hose, schon garnicht alles Pestizid.

  6. dass Hefeextrakt auch Glutamat enthält stimmt. Es ist aber eben schon ein Unterschied, ob ich Hefeextrakt zum Würzen nehme oder pures Glutamat in problematischen Mengen. Die Dosis macht das Gift.

    Es geht mir wahnsinnig auf die Nerven, dass es eine Neigung gibt, so zu tun, als gebe es keine Unterschiede - ob es um Essen geht, Parteien oder die Wahl der Verkehrsmittel "ja, mein Q7 verschmutzt die Umwelt aber dein Fahhrrad braucht ja auch einen Liter Öl auf 100.000 Kilometer, also isses ja eh wurscht (pseudobetroffenguck)"

    Das ist so ein Blödsinn, dass man gar nicht darüber reden / schreiben müsste, wenn er nicht regelmäßig medial und live im Gespräch verzapft würde.

    4 Leserempfehlungen
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    Denke ich auch. Außerdem ist Glutamat ein Bestandteil der Hefe, und damit molekular anders eingebettet in ein biologisches Umfeld. Das G., das man als Geschmacksverstärker benutzt, ist aber ein chemisch erzeugtes, wenn ich nicht irre. Das ist ähnlich den Vitaminpillen. Die sind längst nicht so wirkungsvoll, ja können sogar gesundheitsschädlich sein, als dieselben Vitamine in ihrer natürlichen Umgebung in Früchten und Gemüsen.

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  • Serie Die Wahrheit über Bio
  • Schlagworte Thilo Bode | Bioprodukt | Foodwatch | Hamburg
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