Bioprodukte : Biofertigessen, was taugt das?

Auch wer Fertiggerichte mit Biosiegel kauft, sollte auf die Zutatenliste achten. Darüber, ob ein Lebensmittel gesund ist, sagt "bio" nichts aus.
Bio-Cornflakes dürfen nur 50 von 300 zugelassenen Zusatzstoffen enthalten.

Die frischen Erdbeeren auf der Packung sehen lecker aus, tatsächlich enthalten die Frühstücksflocken Erdbeer-Crunchy aber kaum Früchte, gerade mal zwei Prozent. Von der Tüte Honig-Poppies, die zu gut einem Drittel aus Zucker bestehen, winkt eine Comic-Biene – vor allem Kindern – entgegen. Ihren Eltern verspricht der Hersteller, Süßspeisen oder Joghurt ließen sich per Amaranth-Honig-Poppies "ernährungsphysiologisch aufwerten".

Manipulationen dieser Machart sind Kunden von den großen Lebensmittelkonzernen gewohnt. Bei Erdbeer-Crunchy und den Honig-Poppies handelt es sich jedoch um Produkte der Biofirmen Dennree und Allos. Die Branche hat sich verändert, auch was die Inhalte betrifft. Ursprünglich sollte Bio naturbelassen bedeuten. Heute bieten viele Hersteller auch hochverarbeitete Lebensmittel an: Fertigsuppen, Fertigbackmischungen, Wurst, Gewürzmischungen, Süßigkeiten...

"Gerade im Bereich der stark verarbeiteten Lebensmittel hat Bio mit der ursprünglichen Idee von Bio nur noch wenig zu tun", schimpft Thilo Bode , der Gründer von Foodwatch . Zwar würden auch die Zutaten für Biofertigprodukte ökologisch erzeugt. Aber "insgesamt haben sich die Bioproduzenten leider mehr den konventionellen Strukturen angepasst, als dass es ihnen gelungen wäre, die konventionelle Lebensmittelwirtschaft zu ökologisieren". In Biofrühstücksflocken sei viel Zucker versteckt, Bio-Müsli-Riegel seien voller Fett und Zucker, zählt Bode auf, "und auch die Werbetricks sind dieselben, zum Beispiel wenn Zuckerbomben als Gesundheitsprodukte beworben werden". Dabei entscheiden sich ja viele Käufer gerade deswegen für Bio, weil sie es für gesünder halten.

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Trotzdem: Dass es Biofertigprodukte gibt und dass diese ansprechend vermarktet werden, findet Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg an sich nicht bedenklich: "Es ist doch gut, wenn Bio endlich ganz aus der Müsli-Ecke rauskommt." Zwar sei Bio nicht frei von Mogeleien , "es kommt hier aber deutlich seltener als in der konventionellen Lebensmittelindustrie vor, dass Verbraucher getäuscht werden."

Und punkten können ökologisch hergestellte Fertigprodukte etwa bei den Zusatzstoffen: Während in Deutschland mehr als 300 Zusatzstoffe zugelassen sind , dürfen Biohersteller nur etwa 50 davon verwenden. Somit fallen viele potenzielle Risikofaktoren von vornherein weg, etwa umstrittene künstliche Farbstoffe.

Azorubin, Chinolingelb oder Gelborange S zum Beispiel, die Wassereis und Bonbons zum Leuchten bringen, können Allergien auslösen. Außerdem stehen sie im Verdacht, bei Kindern Konzentrationsprobleme und Hyperaktivität zu verstärken. Deswegen muss auf Produkten mit dem Hinweis "Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen" gewarnt werden. Da sind ökologische Farbstoffe aus Pflanzenauszügen eindeutig gesünder.

Die Linie zwischen gut und schlecht verläuft aber nicht immer trennscharf zwischen bio und konventionell, wie ein viel diskutiertes Beispiel zeigt: Der Geschmacksverstärker Glutaminsäure, der in vielen konventionellen Fertigprodukten enthalten ist, gilt als Auslöser des "China-Restaurant-Syndroms" – Kopf- und Gliederschmerzen, Taubheit im Nacken und Übelkeit. Wissenschaftlich bestätigt ist das noch nicht, viele Menschen meiden Glutaminsäure trotzdem. Und Biohersteller ersetzen es oft durch Hefeextrakt, etwa in Gemüsebrühe. Das klingt natürlicher und muss nicht als Zusatzstoff angegeben werden, sondern nur als Zutat. Doch Hefeextrakt enthält, wenn auch in geringerer Dosierung, selbst Glutamat und ist somit keine Alternative für jene, die sich vor dem Geschmacksverstärker fürchten. Auch das Verdickungsmittel Carrageen (E 407) und der Konservierungsstoff Natriumnitrit (E 250), der in Nitritpökelsalz vorkommt, sind – obwohl umstritten – in Bioprodukten zugelassen.

Für den Verbraucher heißt das: Wie bei anderen Fertigprodukten auch muss er bei den Bio-Convenience-Produkten genau aufs Kleingedruckte der Zutatenliste achten. Ökologische Fertiggerichte sind eben keineswegs naturbelassen, sondern hoch verarbeitet.

Vorsichtigen oder Puristen bleibt da nur die Faustregel des amerikanischen Ernährungs-Apostels Michael Pollan . Mit Blick auf Fertigessen aus Schachteln, Tüten und Dosen rät er: "Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte."

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

leckaaa

"Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte" mit manchen exotischen aber eigentlich gesunden Gerichten wäre dann Schluß. Ich weiss nicht, ob meine Großmutter etwas mit allen bei der Zeit veröffentlichen Rezepten etwas hätte anfangen können. Andrerseits kannten oder kennen auch Großmütter Maggi-fix und Brühwürfel.

Überschrift

"Darüber, ob ein Lebensmittel gesund ist, sagt "bio" nichts aus.

Klar, so weit ich weiß, ist ein Knollenblätterpilz 100%ig "BIO"."

Nur daß ein Knollenblätterpils überhaupt kein Lebensmittel ist.

Fertiglebensmittel sind eben weniger gesund. Zudem schmecken sie schlechter. Einziger Vorteil ist die Zeitersparnis des Kochens, was für Leute wie mich kein Vorteil ist, weil ich Kochen - vor allem am Wochenende - als Erlebnis habe und gerne koche.