DIE ZEIT: Ihr Dokumentarfilm über den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, der nun auf DVD erscheint, heißt Und wir sind nicht die Einzigen. Diesen Satz schrieben zwei Opfer Ende der neunziger Jahre an ihre ehemaligen Lehrer. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum damals niemand nachfragte?

Christoph Röhl: Mehrere frühere Lehrer und Mitarbeiter haben mir gesagt, dass sie den Satz damals schlicht überlesen haben. Das Thema sexueller Missbrauch ist so abscheulich, dass die Menschen lieber weggucken. Sie wollen nichts damit zu tun haben. Lieber grenzen sie die Opfer aus und stigmatisieren sie als Störenfriede als ihre Welt in Frage zu stellen.

ZEIT: Mit Ihrem Film wollten Sie die Geschehnisse so begreifbar machen wie möglich. Ist Ihnen das gelungen?

Röhl: Ich glaube ja. Das ist aber nicht mein Verdienst, sondern der der betroffenen Männer, die vor laufender Kamera mit einer unglaublichen Ehrlichkeit und Authentizität über das Erlittene gesprochen haben. Nachdem der Film im Fernsehen lief, haben sich etliche Betroffene gemeldet und sich dafür bedankt, dass wir ein Thema zur Sprache gebracht haben, unter dem Hunderttausende so lange im Stillen gelitten haben.

ZEIT: Viele behaupten heute noch, sie hätten damals von den Geschehnissen nichts bemerkt. Glauben Sie ihnen?

Röhl: Sie hatten die Möglichkeit, zu erkennen was passiert. Viele haben auch etwas geahnt, aber aus dieser Ahnung nichts gemacht. Die Tragweite haben sie einfach nicht begriffen. Einige Lehrer und Mitarbeiter hätten es merken können und sollen, das steht für mich außer Frage. Das belegen die Aussagen in meinem Film.

ZEIT: Hat sich im öffentlichen Umgang mit dem Thema sexueller Missbrauch seit den Skandalen von 2010 etwas geändert?

Röhl: Eine Sensibilisierung fand sicher statt, aber Wesentliches hat sich nicht geändert. Das Thema wird weiter verdrängt und geleugnet. Mein Film wurde zum Beispiel auf einer Tagung gezeigt, an der 1500 Pädagogen teilnahmen. Etwas mehr als 100 sahen ihn sich an, die parallele Theateraufführung war überlaufen. Das hat mir gezeigt, wie groß die Hemmschwelle ist.

ZEIT: Was müsste, von Aufarbeitung und Entschädigung abgesehen, passieren?

Röhl: Einen Schritt weiter wären wir, wenn der Umgang mit sexueller Gewalt fester Bestandteil der Ausbildung von Lehrern, Ärzten oder Therapeuten würde. Bei aller Aufklärung geht es letzten Endes darum, Kinder zu schützen.

DIE ZEIT: Im Moment arbeiten Sie an einem Spielfilm zum Thema Odenwaldschule, der im kommenden Jahr gedreht werden soll. Warum nun noch ein Spielfilm?

Röhl: Ich hoffe, mit einem Spielfilm, also einer Fiktionalisierung, einen anderen wichtigen Aspekt des Themas beleuchten zu können, nämlich wie die Täter an der Odenwaldschule ihr Umfeld manipuliert haben, wie das System funktioniert hat. Die Odenwaldschule soll dabei exemplarisch sein. Denn das, was dort geschehen ist, passiert genauso in anderen Zusammenhängen.