Buchkunst-StudiumBuchstäbliche Kunst

Auch im digitalen Zeitalter werden in Leipzig Bücher noch per Hand gesetzt – manchmal. Doch die Studenten können auch anders. von Greta Taubert

Wer den Studiengang Buchkunst kennenlernen will, muss nicht unbedingt an der Druckerpresse anfangen. In einer Seitenstraße der Leipziger Südvorstadt leuchten zwei Schaufenster in das Dunkel des Abends. Im MZIN, einer Mischung aus Magazinladen, Buchhandlung und Projektraum, sitzen mehrere junge Frauen auf einem Fensterbrett und gucken auf eine Wand, an der selbst gezeichnete Plattencover, Plakate und Single-Schallplatten hängen. Als Elektropunk-Beats aus den Boxen wummern, lächelt Stefanie Schöpke. Ihr Kopf mit den kurzen Haaren und der farbspritzerdekorierten Mütze nickt im Takt. Das ist die Musik zu ihrem Cover: Das bunte Quadrat, auf dem einem schmierigen Mann die Grabbelhände abgehackt sind und einer jubelnden Frau Flitter aus den Fingern fließt, soll den feministischen Elektropop der Band Le Tigre optisch übersetzen.

Die 26-Jährige studiert im dritten Semester Buchkunst/Grafik-Design an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Die Ausstellung im MZIN schließt den Kurs »Zeichnen und Komposition« ab, den Schöpke als Teil ihres Grundstudiums besucht hat. »Ich hab eigentlich Fotografin gelernt, aber in den letzten Jahren wollte ich immer mehr zeichnen«, sagt sie. Ihre Bewerbungsmappe genügte den hohen Ansprüchen der Kommission, danach wurde sie zur Aufnahmeprüfung eingeladen. Von etwa 300 Bewerbern schaffen es jedes Jahr nur 15 bis 18 in den begehrten Studiengang. Sie habe unbedingt hergewollt, sagt Schöpke – »weil Leipzig toll ist, die Hochschule einen super Ruf hat und die Atmosphäre so familiär ist«.

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Wenige Schritte entfernt steht Schöpkes Mentor Markus Dreßen und trinkt ein Bier. »Wir haben hier an der Hochschule ein sehr intensives Betreuungsverhältnis«, sagt der Professor für Grafikdesign. »Die Studierenden müssen sich mit ihrem Mentor und seiner Kritik immer wieder auseinandersetzen, sich mit dessen Kritik konfrontieren und als künstlerische Persönlichkeit stellen – das ist hier kein Schnupperkurs.« Im Gegensatz zu den meisten Hochschulen hat die HGB ihre Studienabschlüsse nicht auf Bachelor und Master umgestellt. Vor dem Examen steht zunächst ein zweijähriges Grundstudium, in dem Basiswissen des Fachs vermittelt wird. Anschließend entscheiden sich die Studenten für eine der Vertiefungen: Systemdesign, Typografie, Illustration oder Schrift.

Die Werke, die dabei entstehen, präsentieren die Studierenden der Öffentlichkeit beim alljährlichen »Rundgang« in der Akademie. Die Rektorin spricht dann von einem Ort, der in der Hochschullandschaft eine Sonderrolle beanspruche, weil Ausnahmekünstler eben Ausnahmebedingungen brauchten. Das Gründerzeitgebäude der Hochschule liegt zwischen dem US-Konsulat, dem Bundesverwaltungsgericht und dem Deutschen Literaturinstitut. Im kunstvoll gekachelten Lichthof sammelt sich das Publikum.

An der HGB sollten sich Studierende jenseits der Zwänge des Kunstbetriebs und Arbeitsmarktes entwickeln dürfen, fährt die Rektorin fort. Hinter ihr erklären Professoren, was das, bezogen auf ihr Fach, bedeutet. »Wir glauben, dass ein Buch immer noch ein guter Aufbewahrungsort ist für Informationen oder Poesie«, sagt Thomas Matthaeus Müller. Zwischen zwei Buchdeckeln sei so ziemlich alles möglich. Man wolle den Studenten das Metier des Büchermachens von seinen Ursprüngen her begreifbar werden lassen. Auch mit den Händen. Deswegen beginnt das Studium als Buchkünstler in den grafischen Werkstätten der HGB, wo Bücher noch per Hand gesetzt, gedruckt und gebunden werden.

Leserkommentare
  1. Nein, werte ZEIT-Redaktion, ihre Analyse, die DDR hätte die polygrafische Industrie und das Verlagswesen zu Grunde gerichtet, ist nicht tragbar. Erst die Art und Weise der Privatisierung der vielen Verlagsanstalten hat den Fortgang der Großen aus Leipzig ermöglicht.

    Es wird nicht richtiger, auch wenn Sie noch so oft schreiben mögen, die DDR hat das Leipziger Verlagswesen nicht zerstört. Sicher, viele Verlage waren überkommen und unproduktiv, aber westdeutsche Verlage haben sich gütlich an der Übernahme von Verlagslizenzen getan, Editionen fortan ortsfremd verlegt und dann bspw. Reclam Leipzig geschlossen.

    Wenn politischer Wille vorhanden wäre, könnten Verlage auch nach Leipzig zurück geholt werden. Denn an Orten wie Stuttgart fehlt, mit Verlaub, das intellektuelle Potenzial und die freigeistige Atmosphäre, die es in diesem Gewerbe nun einmal braucht.

    So bestaunenswert die Relikte der intelletuellen Blüte des deutschen Verlagswesens für Redakteure in Hamburg, Frankfurt oder München auch sein mögen, polygrafische Institute, akademische Ausbildung der Buchgestaltung, des Schreibens oder Verlegens lassen sich nicht einfach importieren oder aufkaufen wie die ach so ruinierte Ost-Wirtschaft. Leipzig kommt wieder und man wird erkennen, dass die DDR nicht Schuld war am temporären Niedergang des Verlagsstandortes Leipzig, sondern konkrete Strukturpolitiken, die nicht im Sinne der Region waren.

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