TanzLeidenschaft kommt von Leid

Viel Qual, viel Hingabe: Wie sich Balletttänzer in einem Masterstudium auf die Härte ihrer Branche vorbereiten von 

Langsam, sehr langsam hebt Yannick Neuffer ein Bein in den rechten Winkel und dehnt es weiter zum Oberkörper. Wortlos liegt er auf dem grauen PVC-Boden, starrt an die Decke des Ballettsaals im sechsten Stock der Mannheimer Musikhochschule. Der gestrige Tag steckt Neuffer noch in den Knochen – das Vortanzen für ein Engagement, die Fahrt zurück nach Mannheim . Und heute wieder Training. Doch seinen Kommilitonen geht es nicht besser: Wie so oft hatten sie bis halb zehn am Abend Probe in Karlsruhe für die Schwanensee-Aufführung am Badischen Staatstheater . Die meisten liegen in Trainingsanzügen auf Gymnastikmatten oder dehnen sich im Spagat. Kaum einer spricht. Eine junge Frau mit Dutt und in schwarzem Trikot, fast noch ein Mädchen, hilft einer anderen, die Füße mit Tape zu stabilisieren. »Schmerzen und müde Beine haben wir alle«, wird Yannick Neuffer später sagen. »Aber wenn ich tanze, bin ich so fasziniert, dass ich sie vergesse.«

Neuffer ist im letzten Jahr seines Studiums, dem Masterjahr. Er und die anderen sind in dieser Zeit nicht mehr verpflichtet, theoretische Fächer zu belegen. Für die meisten bedeuten die letzten Monate an der Hochschule deshalb: fünf Mal die Woche klassisches Ballett, Rollenstudium, zeitgenössische und länderspezifische Tanzformen, zum Beispiel aus Spanien und Russland . Dazu Proben und Auftritte, natürlich auch am Wochenende. Und die Masterarbeit: Dafür müssen die Studenten ein fünf- bis zehnminütiges Duett, ein »Grand Pas de Deux«, nach eigenen Ideen oder einer Vorlage einüben, mit der Kamera aufnehmen und die Umsetzung auf einigen Seiten schriftlich reflektieren.

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Geistes- und Naturwissenschaftler mag das befremden. Ein Masterstudium mit fast ausschließlich praktischen Inhalten, ein Studium quasi ohne Wissenschaft – kann man das überhaupt »Studium« nennen?

Einer, der solche Fragen kennt, ist Martin Ullrich, Vorsitzender der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen . »In Deutschland sind Wissenschaften und Künste verfassungsrechtlich gleichgestellt«, sagt Ullrich. »Es liegt in der Natur der Künste, dass ihre praktische Ausübung im Mittelpunkt der Ausbildung steht.« Aber warum das Ganze an einer Hochschule? Weil, so Ullrich, die praktische Ausbildung stets von wissenschaftlich-theoretischer Reflexion begleitet werde.

In Mannheim hat inzwischen Professor Vladimir Klos im Sakko mit Einstecktuch den Ballettsaal betreten und die Studenten mit väterlicher Strenge angewiesen, sich aufzustellen. Bald schon durchqueren sie den Saal mit Sprüngen und Pirouetten, exakt wie Nähmaschinenstiche. Nur im Sommer, wenn Hochschule und Bühne ihre Türen schließen, bleiben Yannick Neuffer und den anderen einige Wochen zur freien Verfügung – Zeit für Familienbesuche, in Japan , Korea oder Brasilien . Wie an Musikhochschulen so häufig, kommen in Mannheim zehn der elf Masterstudenten aus dem Ausland; der 21-jährige Yannick Neuffer ist der einzige Deutsche. »Mit Tanz kann man so viel ausdrücken, und jeder auf der Welt versteht es. Ich mag die Internationalität«, sagt er. Außerdem spreche es doch für die Ausbildung, wenn so viele Ausländer nach Deutschland kämen.

Neuffer war sechs oder sieben Jahre alt, als er mit dem Ballett anfing, so genau weiß er das nicht mehr. Mit zehn dann der Wechsel an ein Ballettförderzentrum, mit 16 die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Mannheim für den »Bachelor Tanz«. Jährlich bewerben sich hier etwa 80 Tänzer aus aller Welt, aufgenommen werden je nach Bewerberniveau etwa 20. An anderen Hochschulen, wie der Palucca Hochschule für Tanz Dresden , sind es sogar mehrere Hundert auf 20 Plätze. Die meisten sind erst 16 Jahre alt, manche sogar noch jünger. Ballett ohne Abitur zu studieren ist unter Tänzern mehr die Regel als die Ausnahme. Denn das Abi bedeutet Zeitverlust: Nur ein junger Körper kann die athletische Perfektion erreichen, die auf den Bühnen gefordert wird.

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