Christoph, 47, seit 26 Jahren verheiratet, drei Kinder

Ich habe meine Frau zivil geheiratet, es gab keinen Treueschwur. Wir haben nie darüber gesprochen, was Heiraten bedeutet oder welche Konsequenzen es hat. Auch über Treue haben wir uns nie unterhalten. Nach der Geburt der Kinder ist unser Sexualleben eingeschlafen. Das lag auch an mir. Die Mutter deiner Kinder ist als Lustobjekt schwierig.

Ich schätze, dass es während etwa der Hälfte unserer Ehe immer irgendwo eine andere Frau gab, in die ich verliebt war, auch wenn meistens nichts passiert ist. Ich hatte immer die Vorstellung, dass da doch noch etwas sein muss, es war eine Sehnsucht. Sex stand dabei nicht im Vordergrund, spielte aber sicher eine Rolle.

Nach einigen harmlosen Schwärmereien für Frauen traf ich bei einer Tagung Susanne. Zunächst war der Kontakt rein freundschaftlich. Nach der Tagung blieben wir in Kontakt. Es entstand ein reger Austausch von E-Mails, ohne dass wir uns wieder getroffen hätten. Meine Frau wusste nichts davon, denn ich hielt es noch immer nicht für etwas Amouröses – und glaubte also, es tangiere auch meine Ehe nicht.

Irgendwann trennte Susanne sich von ihrem Mann und ging eine sexuelle Beziehung mit einem Freund ein. Das trieb mich die Wände hoch, und ich musste mir eingestehen, dass sie mehr war als nur eine Schwärmerei. Ich suchte mit meiner Frau das Gespräch, erst nur ganz allgemein. Ich wollte über Monogamie reden. Meine Frau wusste zwar von Susanne, aber erst im Verlaufe der Auseinandersetzung realisierte sie, wie intensiv die Beziehung war. Da wurde es sehr schwierig. Wir suchten nach Lösungen, gingen zu einem Therapeuten. Irgendwann kam ich zum Schluss, dass ich die Beziehung zu Susanne ausleben will. Und zwar nicht heimlich, sondern offen. Wir wurden ein Liebespaar.

Ich sagte: Ich will diese Beziehung nicht aufgeben, will aber auch die Beziehung mit meiner Frau nicht beenden. Meine Frau war unerfreut, aber wir legten Regeln fest: Montag bis Donnerstag verbrachte ich bei Susanne, den Rest bei mir. Es war schwierig, weil meine Frau ihren Frust und ihre Verletzung an mir auslebte. Dagegen hatte ich keine Probleme damit, mit zwei Frauen gleichzeitig eine Beziehung zu haben. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas Falsches zu machen. Es ging zu Ende, als Susanne schließlich auch mehr, mich also ganz wollte. Ich sagte ihr, das gehe nicht, da beendete sie die Beziehung.

Vera, 41, seit 22 Jahren in einer festen Beziehung, zwei Kinder

Ich bin seit 22 Jahren mit meinem Mann zusammen, 20 davon arbeiteten wir in der gleichen Firma. Als wir nicht mehr jeden Tag zusammen arbeiteten, löste das auch in der Beziehung etwas aus. Ich habe viele homosexuelle Freunde, und mich hat immer fasziniert, wie variantenreich Beziehungen dort gelebt werden, von der monogamen Zweierbeziehung über die offene Beziehung bis hin zur Polyamorie, also wenn jemand mehrere feste Beziehungen parallel lebt. Darüber sprach ich auch wiederholt mit meinem Mann. Und vor dem Hintergrund unserer neuen beruflichen Situation merkten wir, dass beide auch ein Bedürfnis haben, aus dem kleinen Kreis von Job, Partnerschaft und Familie auszubrechen.

Voraussetzung war, dass unsere Beziehung dadurch nicht infrage gestellt wird und wir offen kommunizieren. So begannen wir zu experimentieren, machten beide unsere Erfahrungen, und es funktionierte gut. Wir leben es zwar etwas unterschiedlich aus, er sucht eher das rein sexuelle Erlebnis, erzählt mir viel, möchte auch von mir mehr wissen. Für mich ist auch das Emotionale wichtig, und ich bin beim Erzählen zurückhaltender.

Die Erfahrung hat unserer Beziehung mehr Tiefe und Sicherheit gegeben. Wir reden mehr über Beziehungen, auch über Sex, Sachen, die man ausprobiert. Ich glaube, dadurch dass wir intensiv zusammen gearbeitet haben und eine Familie haben, mussten wir unsere Beziehung etappenweise immer wieder neu verhandeln. Das war wie ein Trainingscamp für die Erfahrungen, die wir jetzt machen.

Mein Umfeld weiß nichts davon. Ich erzählte es mal einer Freundin, aber sie reagierte schockiert, weil es unserer Norm zuwiderläuft – und gleichzeitig war sie auch fasziniert. Aber sie warnte mich: Das geht bestimmt schief.

Natürlich gibt es gewisse Risiken. Der andere kann sich verlieben, oder man selbst. Aber das kann ja ohnehin passieren. Ich empfand es immer als Privileg, eine solche Beziehung führen zu können, hatte aber nie das Gefühl, dass meine Beziehung in Stein gemeißelt ist. Die Erlaubnis, etwas anderes auszuprobieren, trägt man wieder zurück in die Beziehung und integriert diese Erfahrungen. Das macht die Beziehung wieder neu und spannend.