Aus dem eben erschienenen Buch Der Kulturinfarkt von Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel und seinen deutschen Mitstreitern lässt sich vor allem eines lernen: die Kunst des schrecklichen Vereinfachens, auch Populismus genannt. Knüsel gefällt sich seit Langem in der Rolle des bad guy, der den behäbigen und verwöhnten Kulturbetrieb aufschreckt. Doch nach jedem Einsatz hat er feststellen müssen, dass sich trotz seiner Attacken nichts änderte.

Statt sich zu fragen, ob seine Polemiken zu unscharf sind, gibt er nun noch mehr Zunder: Die Subventionskultur in der heutigen Form gehört für Knüsel & Co. abgeschafft. Die Autoren greifen, ohne das historisch Prekäre ihres Tons zu erkennen, zur alten »Das Boot ist voll«-Rhetorik: Die Hälfte aller subventionierten Museen und Theater seien die Folge einer »kulturellen Flutung«, die in den siebziger Jahren unter dem Leitspruch »Kultur für alle« begann. All diese Häuser könnten ruhig wieder verschwinden, denn geschwunden sei inzwischen auch der »Glaube an die Gestaltungskraft der Kultur«.

An die Künstler und Kulturvermittler ergeht die Forderung, marktgerecht zu produzieren. Sie sollen sich nicht länger gegen das Kommerzdenken sträuben, sondern wie Unternehmer denken, die immer und zuerst die Nachfrage im Auge haben. Es bringt aber nichts, den Künstlern, die ja überwiegend Einzelgänger sind, meist in sehr limitierten Verhältnissen leben und nicht von vornherein wissen, was bei ihrer Arbeit herauskommt, mit der reinen Wirtschaftslogik der Konzernchefs, Manager und Sanierer Dampf zu machen. Und es ist einmal mehr Populismus, wenn im Kulturinfarkt der Eindruck erweckt wird, als führten die Kulturproduzenten alle ein behagliches Leben auf Staatskosten.

Gefährlich wird es, wenn die Autoren den Künstlern einen Vorwurf machen, weil sie den Finanzkapitalismus, der sie füttert, »fleißig« zu beißen wagen, statt die Ökonomisierung der Kunst voranzutreiben. Frei heraus will der Kampfbund um Knüsel der Kultur zwar keinen Maulkorb umbinden, aber seine Argumentation läuft darauf hinaus. Die Gesellschaft soll sich keine Kunst oder Literatur mehr leisten, die Kritik an ihr äußert, sie mit sperrigen, fremden, unverwertbaren, ungenehmen Erfahrungen und Erkenntnissen konfrontiert.

Das Ressentiment gegen staatlich geförderte Hochkultur ist in der Streitschrift allgegenwärtig. Ja, es gibt Beispiele von Künstlern, die ohne Subventionen bedeutende Arbeiten hervorbrachten. Aber es gibt ungleich mehr Fälle, die ohne Unterstützung verhindert worden wären. Das trifft auch auf Leuchttürme wie Friedrich Glauser, Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt zu.

Seit er 2002 Direktor ist, hat Pius Knüsel manche Anstrengung unternommen, um Pro Helvetia zeitgemäßer zu machen: Er fördert Volksmusik und Videogames. Das ist schön und gut, aber gemessen wird seine Organisation primär daran, was sie in den etablierten Sparten leistet. Und da ist Pro Helvetia weder flexibler noch vielfältiger geworden. Die künstlerische Originalität und der Leistungsausweis zählen nach wie vor weniger als Konformität oder gar föderalistische Gesichtspunkte.

Was die Argumentation der abbaufreudigen Kulturmanager um Knüsel entwertet, ist nicht die Tatsache, dass sie selbst von staatlichen Geldern leben. Damit würde man nur genauso kleingeistig denken wie sie. Ärgerlich ist vielmehr, dass die Autoren so unbeleckt, historisch fahrlässig, fidel resigniert und rechtspopulistisch daherschwatzen, als würden sie einen weiten Bogen um jedes Kunstereignis machen. Das ist das Problem ihres Pamphlets: Sie reden einem Publikum nach dem Mund, das Kultur ignoriert, im Grunde gar verachtet.

Den Theaterrebellen der achtziger Jahre wird süffisant zu verstehen gegeben, sie seien heute fest im System etabliert. Ihre Provokationen seien bloß »ein Sturm im Wasserglas« gewesen. Immerhin gebe es jetzt mehr nackte Haut in der Oper. Wer mit solchen Schenkelklopfer-Plattitüden aufwartet, darf sich nicht wundern, wenn man nur über ihn, aber nicht über seine Botschaft debattieren kann.

Ein einziges Mal wird Knüsel konkreter, und sofort wird es interessant: Er fragt sich, warum Zürich verschiedene Bühnen wie das Theater am Neumarkt oder die Gessnerallee durchfüttert, obwohl sich ihr Profil kaum mehr unterscheiden lasse und sie nach seiner Halbierungsthese also zusammengelegt werden könnten. Hier ließe sich gut streiten.

Sonst bleibt Der Kulturinfarkt über weite Strecken vage. Zum Beispiel, wenn die Autoren fordern, die »Kulturprodukte« müssten »dem laufenden Wirklichkeitstest unterworfen werden«. Ja, schon die Sprache verrät viel! Warum gleich Unterwerfung? Man unterzieht sich normalerweise einem Test. Soll also die Kultur mit Hilfe des Subventionsabbaus gefügiger und genehmer und entsprechend harmloser werden? Dann würde der herbeigeredete Kulturinfarkt allerdings zur Wirklichkeit. Und man könnte gleich für die Abschaffung der Kultur plädieren.