MonogamieDie große Lüge

Nicht Untreue zerstört unser Beziehungsleben, sondern falsch verstandene Treue. Das muss sich ändern. Ein Manifest von Michèle Binswanger

Er wolle keine Beziehung, sagte mir der Mann, in dessen Bett ich nach einer feuchtfröhlichen Nacht gelandet war. Ich war achtzehn Jahre alt, er siebenundzwanzig – und mir war das recht. Ich sagte ihm, ich käme selber gerade aus einer Beziehung. Wolle mich einfach ein bisschen rumtreiben ohne Verpflichtungen. Wir waren uns einig und trafen uns wieder. Wir kochten zusammen, machten ausgedehnte Touren mit dem Bike, besuchten Konzerte und lagen lange Sonntage im Bett. An einem dieser Sonntage, ich war inzwischen zwanzig, sprachen wir über unser Verhältnis. Unsere Beziehung. Ob es in diesen Jahren daneben vielleicht noch andere gegeben habe. Es hatte. Erst schilderte er mir ein paar Liebesabenteuer. Dann gab ich meine Handvoll zum Besten. Worauf er schweigsam wurde, sich schließlich anzog und mich verließ. Nach zwei Wochen kam er zurück und bat mich, es nochmals zu versuchen. Ich lehnte ab. Nicht wegen seiner anderen Geschichten, sondern weil er unsere Abmachung verraten hatte: Wir sind zusammen, weil wir uns viel bedeuten. Treue ist dafür keine Bedingung.

In der Schweiz befinden sich rund drei Viertel der Bevölkerung in einer Partnerschaft. Die meisten wünschen sich, dass diese Beziehung ihnen alles bietet, eine emotionale Heimat, Stabilität und sexuelle Erfüllung. Die Liebe ist, wie Paartherapeut Klaus Heer sagt, monogam. Nur der Mensch ist es nicht. In Umfragen geben 36 Prozent der Frauen und 44 Prozent der Männer an, Sex außerhalb der festen Beziehung gehabt zu haben. Ganze 72 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer verrieten, dass sie es gern tun würden, wenn sie Gelegenheit hätten. Manche Experten sprechen davon, dass 90 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens fremdgehen, bei den Frauen sind es drei Viertel. Untreue ist denn auch einer der Hauptgründe, warum Ehen in den westlichen Industrienationen reihenweise kollabieren. 50 Prozent beträgt die Scheidungsrate in der Schweiz, dazu werden immer weniger Ehen geschlossen, und die Beziehungen sind heute kürzer und serieller. Untreue zerstört Vertrauen, zerbricht Hoffnungen, Herzen und Familien. Die entscheidende Frage ist aber nicht, warum wir eigentlich nicht treu sein können. Sondern warum unser Beziehungsideal auf einer Lüge gründet. Die Lüge, dass wir uns immer treu sein werden.

Anzeige

Denn sexuelle Treue im umfassenden Sinn ist unmöglich. Wir können uns die Lust versagen, wir können so tun, als gäbe es sie nicht. Aber es ist eine Täuschung. Als Liebende halten wir uns für die vornehmen Protagonisten einer Verfilmung von Romeo und Julia. Was die menschliche Sexualität angeht, wird aber Planet der Affen gespielt. Trotz ihrer romantischen Veranlagung, ist unsere Spezies reichlich sexbesessen. Weltweit fließen täglich Milliarden in den industriellen Komplex, der Sexualität verkauft. Pornografie und Prostitution, Partnerbörsen und Seitensprungportale, Pharmaindustrie und Paartherapeuten verdienen daran, die Symptome unserer Krankheit zu lindern. Aber zur Ursache stoßen sie nicht vor. Der moderne PR-Manager, der zu seinem Pediküre-Termin einen veganen Lunch bestellt, hat nämlich mehr mit seinen behaarten Urahnen gemein, als er es wahrhaben möchte. Dies ist auch der Grund, warum unsere kulturellen Modelle so zuverlässig scheitern.

Wir pathologisieren Fremdgeher, dabei sind sie doch der Normalfall

Nach meinem Erlebnis mit dem eifersüchtigen Mann habe ich studiert, einen Beruf erlernt, zwei Kinder geboren und viele Krisen gemeistert. Noch mehr Krisen habe ich passiv miterlebt, von Freundinnen und Freunden. Und immer geht es um dasselbe. Insbesondere wenn Kinder im Spiel sind, erlahmt die Lust auf den Partner mit den Jahren. Nicht aber der Appetit auf Sex. Und wenn wir auch einige Monate, vielleicht sogar Jahre gut mit unseren Lügen leben können, so kann es das Leben nicht lassen, uns stets aufs Neue herauszufordern.

Michèle Binswanger

Die Autorin, 2010 zur Schweizer "Journalistin des Jahres" gewählt, hat zusammen mit Nicole Althaus das Buch Macho Mamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollen geschrieben. Es erscheint Mitte April bei Nagel & Kimche.

Ich habe viele Beziehungen am Problem falscher Treueerwartungen zerbrechen sehen. Und so frage ich mich heute: Ist es vielleicht gar nicht die Untreue, die Ehen kaputt macht, sondern die unrealistische Erwartung, dass Sex nur innerhalb der Ehe stattfinden soll? Warum pathologisieren wir Fremdgeher und stigmatisieren sie moralisch, wenn sie doch eigentlich der Normalfall sind? Warum halten wir es für normaler, von einer monogamen Kurzzeitbeziehung zur nächsten zu eilen, als außereheliche sexuelle Kontakte in Kauf zu nehmen? Warum halten wir dieses als serielle Monogamie bekannte Muster für tauglicher, als uns vom Dogma der Monogamie zu verabschieden? Ist es vielleicht gar nicht der Partner, der uns betrügt, sondern die Liebe selbst? Zerstört uns also nicht die Untreue, sondern die Treue?

Ich stellte diese Frage dem Sexualtherapeuten und Autor Ulrich Clement. "Unser Liebesmodell stammt aus Bürgertum und Romantik", sagte er. In vormodernen Ehen gehörte Untreue dazu, zumindest die des Mannes. Doch dann wurde die Liebe zunehmend zum romantischen Ideal verklärt, die innereheliche Sexualität wurde aufgewertet, die außereheliche sanktioniert. Im Verlaufe des zwanzigsten Jahrhunderts verlor die Ehe ihre wirtschaftliche und soziale Bedeutung zunehmend. Übrig blieb das romantische Phantasma, scharf bewacht von der Eifersucht. Ohne Eifersucht gäbe es kein Anspruch auf Exklusivität, kein Treueproblem, keine am Küchentisch durchdiskutierten Nächte, keine unversöhnlichen Trennungen. Eifersucht, so Clement, ist ein kulturübergreifender Reflex. Doch die Bewertung des Gefühls variiert kulturell beträchtlich. In patriarchalen Kulturen, welche die Ehre des Mannes an die Treue der Frau knüpfen, kann sie mörderische Konsequenzen haben. Denn die Frau gehört dem Mann, sie soll ihre Sexualität ihm allein vorbehalten.

Leserkommentare
  1. wir rammlend wie die Kaninchen und völlig eifersuchtsfrei in unseren Beziehungen blieben?

    Witzige Idee, denn wie erklärt man der beziehungssuchenden anderen Person, dass es nur ein Ausdruck vorsiedelnder Menschen ist und man zu den Ursprüngen zurück geht mit seiner Partnerschaft.

    Fein wäre es, wenn sich nicht eifersüchtige, sexuell ausser häusig Aktive mit Menschen gleicher Sehnsüchte zusammen täten und sich ausleben. Eine Art Päärchenclub ohne Paare oder so ähnlich.

    Leider klappt es nicht einmal wenn die Leute sich angeblich ohne Eifersucht ins Getümmel begeben und die Beziehungen scheitern an ganz anderem nach Jahren.

    Da ist keine Eifersucht sondern nur noch Sprachlosigkeit, Beziehung nur noch über den Kreditvertrag und die Kinderaufzucht definiert. Sie kümmert sich nach Feierabend um die familiären Belange und er hat Kondome im Gepäck wenn er von Geschäftsreise zurück kehrt. Sie nicht eifersüchtig bis dahin, ruft im Hotel an und erfährt, dass der Gatte ein Doppelzimmer mit seiner "Frau" hatte.... ab da war meine Freundin eifersüchtig und zur Sprachlosigkeit kam der Anlass, der zur endgültigen Trennung führte.

    Sex und Eifersucht waren nicht die Gründe, können aber von wohlmeinenden Untersuchern als Gründe ausgemacht und für solche Artikel genutzt werden, um zu begründen, was andere Wurzeln hat - die Trennung von langjährigen oder auch kürzeren Beziehungen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ich glaube, die aussage des artikels ist vielmehr die dass wir die eifersucht als normalen teil der beziehung akzeptieren müssen und damit auch anders mit ihr umgehen.

    "Fein wäre es, wenn sich nicht eifersüchtige, sexuell ausser häusig Aktive mit Menschen gleicher Sehnsüchte zusammen täten und sich ausleben. Eine Art Päärchenclub ohne Paare oder so ähnlich."

    gibt es.
    swinger-clubs.
    lecker.
    / ironie off

  2. Alles was wirklich wert hat in meinen Leben (bin verheiratet,und wir haben 3 Kinder) und mich glücklich macht war mit Anstrengung und Opfer verbunden. Auch wenn unser Körper zerstörerische Lüste hat, sie sind es nicht wert ausgelebt zu werden, weil der emotionale Schaden bei denen die wir lieben viel größer ist. Ich empfinde diesen Artikel als völlige Verharmlosung von Ehebruch. Nur weil es viele tun ist es OK. So sind wir halt... . Dann kann man gleich weitermachen, Kriege führen, Menschen töten, andere übervorteilen, lügen, ... so sind wir halt. Wir sollten also nicht dagegen ankämpfen, sondern uns unserer Natur hingeben ?! Völliger Unsinn! Wir haben die Freiheit uns zu entscheiden, uns moralisch richtig zu verhalten. Daraus entspringt langwährendes Glück, was ich niemals für ein kurze Befriedigung meiner Gelüste aufs Spiel setzen würde!

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wir haben die Freiheit uns zu entscheiden, uns moralisch richtig zu verhalten. Daraus entspringt langwährendes Glück, was ich niemals für ein kurze Befriedigung meiner Gelüste aufs Spiel setzen würde!

    Das klingt sehr ignorant und anmaßend. Wer gibt Ihnen das Recht darüber zu urteilen, was "moralisch richtig" ist? Wir haben schließlich auch die Freiheit zu entscheiden, dass es moralisch vertretbar sein kann, Seitensprünge zu haben. Menschen sind in dieser Gesellschaft sehr verschieden und haben unterschiedliche Auffassungen. Das sollten auch Sie akzeptieren, wenn Sie sich zu dieser Gesellschaft zugehörig fühlen möchten. Man kann auch langwährendes Glück trotz kleiner Seitensprünge haben, wenn beide Partner Treue als Verpflichtung dem anderen gegenüber zu verstehen, für Sicherheit zu sorgen, in schweren Zeiten beizustehen und der Beziehung bzw. der Familie die höchste Priorität einzuräumen. Sex ist heute Dank Kondome und Pille eine unverbindliche Angelegenheit, die nicht zu Verpflichtungen führt. Wenn beide Partner diese Umstände verinnerlicht haben und ein paar kleine Regeln befolgen, dann spricht doch nichts dagegen Seitensprünge in der Ehe zu haben.

    Opferbereitschaft ist für eine Familie natürlich unerlässlich, aber es ist nicht festgeschrieben, dass sich das auf den Sex beziehen muss. Große Opfer kann man bringen, indem man sämtliche Freizeit und finanzielle Mittel der Erziehung der Kinder widmet. Dagegen ist das Opfer »Sex« Pillepalle.

    Es tut mir ausgesprochen leid, dass sie sich durch ihre eingeprägten gesellschaftlichen Normen genötigt fühlen, Ihr Beziehungsleben mit dem Konzept des Opfers zu verbinden.

    Selbstverständlich sind Kompromisse in einer Beziehung lebenswichtig und unvermeidbar - aber was Sie hier beschreiben, klingt schon nach dem Festhalten am eigenen Unglück im Dienste eines fragwürdigen Ideals.

    Eine offene Beziehung ist nicht mit Ehebruch gleichzusetzen: es findet kein Vertrauensbruch statt, niemand fühlt sich genötigt, sich zu verstellen oder zu lügen - und trotzdem ist eine tiefe, dauerhafte Verbindung zwischen den Partnern möglich. Alles, was es dazu braucht ist die Erkenntnis, dass Liebe nicht nach den Gesetzen einer Mangelökonomie funktioniert.

    • Tammy
    • 27. März 2012 14:22 Uhr

    @Junger Papa. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass der Quell immerwährenden Glücks auf immer sprudeln möge. Jedoch habe ich schon mehr als einen Mitmenschen grandios an den eigenen Ansprüchen scheitern sehen.

    • drcmda
    • 29. März 2012 21:01 Uhr

    Ihr müsst doch irgendwie komplett kirre sein. Natürlich sollte eine Gesellschaft feste Werte kultivieren, warum denn auch nicht? Als Kind waren wir alle froh eine Famlie zu haben, Eltern die sich aufopfern und zu denen man aufschauen kann. Wenn ich mich in meinem persönlichen Umfeld umschau', dann kann ich garnicht anders als feststellen, dass die meisten bereits in keinen Famlien mehr großgeworden sind und womöglich auch keine mehr gründen werden. Ja wir sind so modern und moral hat ausgedient und wir ficken wen wir wollen und haben keine Reue und wenn etwas zu anstrengend wird, gehn wir einfach weiter und ficken einen anderen. Ich finde das einfach nur leer und traurig. Ich muss an Tiere denken.

    @dfskljdskldjs: Klar, ist es wichtig, dass Kinder mit Werten wie Verlässlichkeit etc. aufwachsen. Ich wüsste nicht, warum dies nicht möglich sein sollte, nur weil man ein anderes Konzept als die Monogamie lebt. In Beziehungsformen wie z.B der Polyamorie gibt es auch Werte oder Regeln. Studien haben zeigen können, dass z.B Ehemänner, die außereheichen Verkehr haben, die liebevolleren, geduldigeren Familieväter sind. Das einzig moralisch verwerfliche hieran ist, dass es hinter dem Rücken des Anderen geschieht. Die Menschen sollten sich also eher fragen, warum sie lügen müssen und nicht sie selbst sein können. Häufig trennen sich Paare, da ein Seitensprung auffliegt. Würden die menschlichen Bedürfnisse nach quantitativer Sexualität berücksichtigt werden, würde der Trennungsgrund Seitensprung wegfallen. Dann wäre es nämlich keine Untreue mehr. Paare sollten eher ihre Eifersucht bzw. Besitzansprüche reflektiern. In Bezug auf die Frage, warum immer weniger Kinder geboren werden bzw. weniger Familien gegründet werden, hat dies sicher viele Gründe. Ein Grund könnte zumindest sein, dass Menschen Angst haben solch einem engen Beziehungskorsett nicht gerecht werden zu können.

    • thwe74
    • 27. März 2012 7:59 Uhr

    wenn "aufklärte" Menschen/Autoren Ihren Mitmenschen die Welt bzw. das Sexualleben erklären wollen.

    Prinzipiell gilt: Jeder muss selbst entscheiden wie er durch das Leben geht bzw. sich durch's Leben schläft.

    Ob als wilder "Rammler" oder als Treueboltzen. Ob es immer die Ehe sein muss oder eine Beziehung die das ganze Leben hält müssen die Partner selbst entscheiden.

    Ich bewundere Partner, die Ihr Leben lang, auch in schlechten Zeiten wie es so schön heisst, alles zusammen durchgestanden haben.
    Ich habe aber auch Respekt vor jedem Menschen, der mutig und ehrlich eingesteht, wenn eine Beziehung nicht mehr funktioniert und diese löst.

    Aber:
    Ich halte überhaupt nichts davon, das man Treue (immer im Zusammenhang mit Vertrauen) immer wieder versucht als etwas spiessiges, langweiliges, etc. darzustellen und das freie Sexverhalten als moderne Errungenschaft preist.
    Desweiteren gehört Sex in unser Leben und in die jeweiligen Beziehungen, aber man sollte immer aufpassen das man diesem Thema nicht das ganze Leben unterordnet.

    Ausserdem sollten wir uns überlegen, was uns, den Menschen eigentlich ausmacht. Auch wenn ich an die Evolutionstheorie glaube und das wir vom Affen abstammen und auch finde, das wir uns im normalen Leben eigentlich viel oft unnatürlich benehmen, so finde ich das wir Menschen mehr sind als nur sexbessene, paarungswillige Wesen.
    Das Thema Partnersuche und Fortpflanzung nimmt zwar in unserem Leben einen wichtigen Stellenwert hat, aber da gibts es noch anderes.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich halte es für nicht sehr objektiv, den primitiven Trieb, den es zu überwinden gilt auf den Sex zu schieben. Viel primitiver ist der Trieb der Eifersucht und den zu überwinden hat eine weitaus größere Qualität. Sex außerhalb einer Beziehung schadet niemandem. Aber Eifersucht geäußert in Drohungen, emotionalen Ausbrüchen ist definitiv schädlich. Man sollte im Rahmen toleranten Denkens immer mit der Frage anfangen, welches Verhalten anderen Schaden zufrügt und welches nicht.

    • Mari o
    • 27. März 2012 8:01 Uhr

    Cum pleno titulo ist Eifersucht des Teufels Zuflucht, und fast in der ganzen Welt kein größere Torheit als diese. Abraham a Santa Clara, (1644 - 1709)

    manche scheinen ja mächtig stolz auf ihre Torheit zu sein

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dacapo
    • 27. März 2012 21:34 Uhr

    ........ Nichttorheit des Foristen Mari.o. Glückwunsch.

  3. Auch meiner Meinung nach ist das gegenwärtige Beziehungsmodell überholt und ich finde es sehr gut, wenn dieses Thema diskutiert wird.
    Allerdings fehlt in vielen Diskussionen darüber leider ein Aspekt, der dem Modell der Polygamie zwei ganz verschiedene „Geschmäcker“ geben kann: Selbstsucht.
    Wenn man sich eingesteht, dass Liebe oder zumindest sexuelles Verlangen nicht exklusiv ist, wenn man dennoch eine feste (aber sexuell freie) Partnerschaft wählt und das Thema mit seinem Partner diskutiert und sich einig ist, dass Liebe und Vertrauen in der festen Partnerschaft dennoch möglich ist, dann ist das wie ich finde ein schönes Ideal.
    Wenn Menschen Versprechen geben und brechen weil sie nicht den Mut haben, offen zu ihren Bedürfnissen zu stehen. Wenn Menschen Vertrauen enttäuschen und ihren Partner tief verletzen wegen den kurzen Kicks eines Seitensprungs. Wenn Menschen ihrem eigenen Egoismus auf Kosten des Partners folgen. Dann reden wir doch wohl von einer ganz anderen Art von „freier Liebe“. Das ist dann wohl keine Liebe mehr sondern eher die reine Selbstsucht.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es geht ja darum, dass man solche Seitensprünge aktzeptiert. Ich glaube die wenigsten wollen nach dem Seitensprung den Partner verlassen, es ist eher eine Methode, sich abzureagieren. Das müssen dann natürlich beide unter sich ausmachen, aber besser, man klärt das am Anfang, als dass danach Unglück entsteht.

  4. Ihren Artikel habe ich neugierig gelesen; er ist gut geschrieben, deckt das Thema in guter Breite ab - und geht doch am Kern vorbei.

    Erstens ist das alles, was Sie zitieren, dem einigermaßen Kundigen lange schon bekannt. Es tat sich beim Lesen denn auch etwas Langeweile auf.

    Zweitens, so scheint es mir, haben Sie den Unterscheid zwischen Liebe und Sex, zwischen Zweisamkeit und Reproduktion nicht verstanden bzw. noch nie erlebt. Sonst wäre Ihr Text nicht so auffallend einseitig.

    Ich gehöre zu den Ausnahme-Männchen. Ich ging nie fremd und werde es auch nie tun. Nicht, weil ich eine "bürgerliche Moral" hätte, die mich einengen würde. Im Gegenteil: Ich sehe das Thema völlig unaufgeregt, wie Sie auch. Aber ich erlebe "Sex" ganz anders als Sie: Nämlich nicht allein (oder vorrangig) als körperliche Erfüllung, sondern (mindestens gleichrangig, wenn nicht sogar vorrangig) als seelisches Ereignis/Erlebnis.

    Noch nie (nach Abschluss meiner spätpubertären Selbsterkundungsphase) konnte ich mit einer Frau schlafen, mit der mich nicht ein tiefes Verständnis verband. Und "Sex" ist nichts anderes (für mich) als die fortsetzung des zuvor schon innigen Gesprächs und Verständnisses mit anderen Mitteln. Neben Worte als Mittel der gegenseitigen Mitteilung treten dann die Hände, die Haut, erst außen, dann innen, und am Ende steht der Orgasmus. Und nie kann ich meinen eigenen (männlichen) Orgasmus haben, bevor nicht die Frau zuvor ihren eigenen (und hoffentlich mehrfachen) hatte.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • bugme
    • 27. März 2012 20:28 Uhr

    Wer nicht versteht, dass Liebe nicht Triebbefriedigung ist wird nie die qualität der Liebe kennen und schätzen lernen.
    Nur mit dieser Erfüllung verzichtet man gern auf Seitensprünge, da der Sex nur ein schwacher Schatten der Liebe ist und nicht die Kerntriebfeder.

    Aber jeder soll es so halten wie er will, solange er mit seinem Partner(n) ehrlich umgeht. Wer in der Polygamie keine erfüllung findet kann ja mal nach dem Sinn des Lebens suchen und da eventuell auch die Liebe entdecken, die im Gegensatz zur Triebbefriedigung selbtlos ist.

  5. Ich erlebe "Sex" als die vollkommene Hinwendung, und die Frau, die mich liebt, erlebt dies ganz genau so. Da ist kein Egoismus; es gibt nicht die eigene Lust, es gibt nur die gemeinsame Lust, und das tief-tief empfunden.

    Was Sie, Frau Binswanger, beschreiben, ist (polemisch übertrieben): Dass sich fremde Menschen (die sich nur einigermaßen sympatisch sind) gegenseitig erklären, damit einverstanen zu sein, sich gegenseitig zum Geschlechtsakt (und zur dualen Selbstbefriedigung) zur Verfügung zu stellen. Das ist mir völlig fremd. Es sei Ihnen gegönnt - mir wird einfach nur schlecht.

    "Sex" ist: Mit der Frau, die ich liebe, lange Stunden und Tage zu haben; Zeit für Gespräche, die wir sonst so nie führen würden; zwischendurch streicheln, küssen, lachen, in die Augen sehen, Beischlaf, Ruhe, Frühstück, wieder Gespräch und Lachen. Und über allem ruht: VERTRAUEN.

    Dieses tiefe Vertrauen, dass Voraussetzung und Folge von allem ist, kann weder in serieller Monogamie, noch in monogamer Untreue aufgebaut oder erreicht werden; weder ist es in diesen kranken Sex-Formen die Voraussetzung, noch die Folge. Wie leer, wie einsam, wie krank.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Sex" ist: Mit der Frau, die ich liebe, lange Stunden und Tage zu haben; Zeit für Gespräche, die wir sonst so nie führen würden; zwischendurch streicheln, küssen, lachen, in die Augen sehen, Beischlaf, Ruhe, Frühstück, wieder Gespräch und Lachen. Und über allem ruht: VERTRAUEN.

    Vielleicht sollten wir andere Wörter für »Sex« suchen. Der Biologe definiert Sex ungefähr als den Vollzug des Geschlechtsaktes zum Zweck der Fortpflanzung. Das ist nicht das, was derjenige tut, der einen Seitensprung begeht. Es ist auch nicht das, was Sie gerade beschrieben haben.

    Derjenige, der einen Seitensprung begeht, sucht »Spaß« oder eine gewisse Art von »Befriedigung«. Das was Sie genannt haben ist »Liebe« oder eine starke Form der »Zuneigung«.

    Sie sehen, wenn wir alle nur über »Sex« reden, aber gar nicht meinen, dann ist es vorprogrammiert, dass sich alle falsch verstehen und aneinander vorbei reden.

    • Knokkl
    • 27. März 2012 15:55 Uhr

    "Dieses tiefe Vertrauen, dass Voraussetzung und Folge von allem ist, kann weder in serieller Monogamie, noch in monogamer Untreue aufgebaut oder erreicht werden; weder ist es in diesen kranken Sex-Formen die Voraussetzung, noch die Folge. Wie leer, wie einsam, wie krank."

    Ist ihnen eigentlich klar wie selbstgefällig und abwertend Teile ihres Kommentares auf Leute wirken, auf die Ihre Definition von Sex und Partnerschaft nicht zutrifft ? Sie schreiben, dass sie der Autorin ihre Andersartigkeit gönnen, aber bezeichnen jenes Verhalten dennoch als krank, halten diese Lebensweise für einsam und leer. Das ist IHRE ganz persönliche Meinung, mit der sie sicher nicht alleine dastehen, aber wäre es zuviel verlangt, anzuerkennen, dass es Menschen gibt, die mit polygamen, bzw. polyamoren Lebensweisen glücklich sind, insbesondere glücklicher als diese Leute es mit jeder Art der Monogamie wären ?
    Ich habe das Gefühl, viele Leute die hier kommentieren fühlen sich persönlich angegriffen, und die 'Rechtmäßigkeit' ihrer gelebten Beziehungsform in Frage gestellt - meiner Meinung nach soll einfach nur (wieder mal) eine Lanze gebrochen werden für Menschen die merken dass sie in 100% monogamen Beziehungen nicht glücklich werden. Nicht mehr und nicht weniger.
    Ich widerstehe jetzt der Versuchung, meine persönliche Situation zu schildern, nur soviel: Ich kann mit der Autorin mitfühlen, ich fühle mich momentan sauwohl, aber ich musste auch lange ausprobieren bis ich wusste was ich eigentlich will.

    also die Bezeichnung "duale Selbstbefriedigung" ist wirklich sehr gelungen

    • yato
    • 10. Mai 2013 18:40 Uhr

    @frwbonn

    sie scheinen der perfekte mensch, mit perfekter ethik in einer perfekten liebesbeziehung zu sein. so eine art nachhaltiger romeo und julia mit happy end.

    glückwunsch!

    in der realen welt gibt es jedoch diese art von perfekter beziehung, die jahrzehnte oder lebenslang hält nur für die wenigsten. ich schätze das auf unter 5 % (jede 2. ehe wird geschieden und auch die nicht geschiedenen ehen haben nach jahren oder jahrzehnten die echte liebe meist verloren, bei "wilden ehen" ist das ähnlich.)

    wenn sie schon so perfekt sind, dann schreiben sie, statt sich mit erhobenem zeigefinger selbst zu preisen, ein buch wie genau das mit der perfekten liebe bei ihnen funktioniert, damit wir alle davon lernen.

    und unterlassen sie es bitte die autorin und die (mehrheit der) leute in der realen beziehungs welt (der "seriellen monogamie"), bei denen die "forever liebe" nicht so gut klappt wie bei ihnen (und die z. b. nach einer scheidung das wort vertrauen nicht mehr ganz so gross schreiben können, wie sie das in ihrem elfenbeinturm tun), nach gutsherren art von oben herab zu entwürdigen!

    und unterlassen sie es anderer leute sex, die nach neuen ideen, bewertungen und lösungen für das liebe & sex bedürfnis unserer spezies suchen, mit einer so schmutzigen und arroganten bewertung wie "duale Selbstbefriedigung" zu verunglimpfen!

  6. Zuletzt sei Ihnen gesagt, dass Ihr sehr weiblicher Ansatz verkennt, dass wir Männer in dieser Welt ein Leben lang für die Kinder, die uns zugerechnet werden, zu zahlen haben. Es ist bitter, entweder zu zahlen für ein Kind, das nicht das eigene ist, oder zu zahlen für ein Kind, das zwar das eigene ist, das man(n) aber nie zu Gesicht bekommen hat. Diese tief sitzende Sorge, ja: Angst, noch nicht mal zu erwähnen, und nicht als berechtigten Grund für sexuelle Zurückhaltung oder Monogamie (an)zuerkennen, spricht nicht gerade für Sie.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl und verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/kvk

    Mit freundlichen Grüßen

    FRWBonn
    (mein Name hier leider nur mit Pseudonym)

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    betrifft auch Frauen. Das ist ein Elternding und hält, recht viele Menschen - und dabei angeblich mehr Männer als Frauen - nicht von ausserehelichen Beziehungen ab.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service