MonogamieDie große Lüge

Nicht Untreue zerstört unser Beziehungsleben, sondern falsch verstandene Treue. Das muss sich ändern. Ein Manifest

Er wolle keine Beziehung, sagte mir der Mann, in dessen Bett ich nach einer feuchtfröhlichen Nacht gelandet war. Ich war achtzehn Jahre alt, er siebenundzwanzig – und mir war das recht. Ich sagte ihm, ich käme selber gerade aus einer Beziehung. Wolle mich einfach ein bisschen rumtreiben ohne Verpflichtungen. Wir waren uns einig und trafen uns wieder. Wir kochten zusammen, machten ausgedehnte Touren mit dem Bike, besuchten Konzerte und lagen lange Sonntage im Bett. An einem dieser Sonntage, ich war inzwischen zwanzig, sprachen wir über unser Verhältnis. Unsere Beziehung. Ob es in diesen Jahren daneben vielleicht noch andere gegeben habe. Es hatte. Erst schilderte er mir ein paar Liebesabenteuer. Dann gab ich meine Handvoll zum Besten. Worauf er schweigsam wurde, sich schließlich anzog und mich verließ. Nach zwei Wochen kam er zurück und bat mich, es nochmals zu versuchen. Ich lehnte ab. Nicht wegen seiner anderen Geschichten, sondern weil er unsere Abmachung verraten hatte: Wir sind zusammen, weil wir uns viel bedeuten. Treue ist dafür keine Bedingung.

In der Schweiz befinden sich rund drei Viertel der Bevölkerung in einer Partnerschaft. Die meisten wünschen sich, dass diese Beziehung ihnen alles bietet, eine emotionale Heimat, Stabilität und sexuelle Erfüllung. Die Liebe ist, wie Paartherapeut Klaus Heer sagt, monogam. Nur der Mensch ist es nicht. In Umfragen geben 36 Prozent der Frauen und 44 Prozent der Männer an, Sex außerhalb der festen Beziehung gehabt zu haben. Ganze 72 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer verrieten, dass sie es gern tun würden, wenn sie Gelegenheit hätten. Manche Experten sprechen davon, dass 90 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens fremdgehen, bei den Frauen sind es drei Viertel. Untreue ist denn auch einer der Hauptgründe, warum Ehen in den westlichen Industrienationen reihenweise kollabieren. 50 Prozent beträgt die Scheidungsrate in der Schweiz, dazu werden immer weniger Ehen geschlossen, und die Beziehungen sind heute kürzer und serieller. Untreue zerstört Vertrauen, zerbricht Hoffnungen, Herzen und Familien. Die entscheidende Frage ist aber nicht, warum wir eigentlich nicht treu sein können. Sondern warum unser Beziehungsideal auf einer Lüge gründet. Die Lüge, dass wir uns immer treu sein werden.

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Denn sexuelle Treue im umfassenden Sinn ist unmöglich. Wir können uns die Lust versagen, wir können so tun, als gäbe es sie nicht. Aber es ist eine Täuschung. Als Liebende halten wir uns für die vornehmen Protagonisten einer Verfilmung von Romeo und Julia. Was die menschliche Sexualität angeht, wird aber Planet der Affen gespielt. Trotz ihrer romantischen Veranlagung, ist unsere Spezies reichlich sexbesessen. Weltweit fließen täglich Milliarden in den industriellen Komplex, der Sexualität verkauft. Pornografie und Prostitution, Partnerbörsen und Seitensprungportale, Pharmaindustrie und Paartherapeuten verdienen daran, die Symptome unserer Krankheit zu lindern. Aber zur Ursache stoßen sie nicht vor. Der moderne PR-Manager, der zu seinem Pediküre-Termin einen veganen Lunch bestellt, hat nämlich mehr mit seinen behaarten Urahnen gemein, als er es wahrhaben möchte. Dies ist auch der Grund, warum unsere kulturellen Modelle so zuverlässig scheitern.

Wir pathologisieren Fremdgeher, dabei sind sie doch der Normalfall

Nach meinem Erlebnis mit dem eifersüchtigen Mann habe ich studiert, einen Beruf erlernt, zwei Kinder geboren und viele Krisen gemeistert. Noch mehr Krisen habe ich passiv miterlebt, von Freundinnen und Freunden. Und immer geht es um dasselbe. Insbesondere wenn Kinder im Spiel sind, erlahmt die Lust auf den Partner mit den Jahren. Nicht aber der Appetit auf Sex. Und wenn wir auch einige Monate, vielleicht sogar Jahre gut mit unseren Lügen leben können, so kann es das Leben nicht lassen, uns stets aufs Neue herauszufordern.

Michèle Binswanger

Die Autorin, 2010 zur Schweizer "Journalistin des Jahres" gewählt, hat zusammen mit Nicole Althaus das Buch Macho Mamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollen geschrieben. Es erscheint Mitte April bei Nagel & Kimche.

Ich habe viele Beziehungen am Problem falscher Treueerwartungen zerbrechen sehen. Und so frage ich mich heute: Ist es vielleicht gar nicht die Untreue, die Ehen kaputt macht, sondern die unrealistische Erwartung, dass Sex nur innerhalb der Ehe stattfinden soll? Warum pathologisieren wir Fremdgeher und stigmatisieren sie moralisch, wenn sie doch eigentlich der Normalfall sind? Warum halten wir es für normaler, von einer monogamen Kurzzeitbeziehung zur nächsten zu eilen, als außereheliche sexuelle Kontakte in Kauf zu nehmen? Warum halten wir dieses als serielle Monogamie bekannte Muster für tauglicher, als uns vom Dogma der Monogamie zu verabschieden? Ist es vielleicht gar nicht der Partner, der uns betrügt, sondern die Liebe selbst? Zerstört uns also nicht die Untreue, sondern die Treue?

Ich stellte diese Frage dem Sexualtherapeuten und Autor Ulrich Clement. "Unser Liebesmodell stammt aus Bürgertum und Romantik", sagte er. In vormodernen Ehen gehörte Untreue dazu, zumindest die des Mannes. Doch dann wurde die Liebe zunehmend zum romantischen Ideal verklärt, die innereheliche Sexualität wurde aufgewertet, die außereheliche sanktioniert. Im Verlaufe des zwanzigsten Jahrhunderts verlor die Ehe ihre wirtschaftliche und soziale Bedeutung zunehmend. Übrig blieb das romantische Phantasma, scharf bewacht von der Eifersucht. Ohne Eifersucht gäbe es kein Anspruch auf Exklusivität, kein Treueproblem, keine am Küchentisch durchdiskutierten Nächte, keine unversöhnlichen Trennungen. Eifersucht, so Clement, ist ein kulturübergreifender Reflex. Doch die Bewertung des Gefühls variiert kulturell beträchtlich. In patriarchalen Kulturen, welche die Ehre des Mannes an die Treue der Frau knüpfen, kann sie mörderische Konsequenzen haben. Denn die Frau gehört dem Mann, sie soll ihre Sexualität ihm allein vorbehalten.

Leserkommentare
  1. Klar wurde hier versucht objektiv zu klingen, aber Begriffe wie Pseudo-Modern und der Vergleich mit dem Hotelzimmer sind wieder verallgemeinernd.
    Wie wäre es mal, seine eigenen Ängste über Bord zu werfen, Besitzdenken bezogen auf andere Menschen abzulegen und sich zu freuen, wenn ein Mensch, den man liebt ein schönes Erlebnis hat? Das kann zum Beispiel auch der spannende Sex mit einem Fremden sein.

    Antwort auf "Ja zur Treue"
  2. Selbstverständlich freut man sich, wenn eine geliebte Person ein schönes Erlebnis hat. Wenn jedoch der/die Partner/in mit einer fremden Person schläft, dann freue ich mich ganz sicher nicht. Ich mache mir Sorgen und Gedanken, überlege warum sie nicht mit mir macht, was sie mit anderen macht, obwohl ich für sie alles tun würde!
    In einer Beziehung sollte natürlich immer Offenheit vorhanden sein, aber gewisse Dinge gehören nur diesen beiden Menschen, die zueinander gefunden haben. Ansonsten gäbe es doch nicht mehr den Unterschied zwischen MEINE Frendin und EINE Freundin.

    Antwort auf "Ja zur Treue"
    • pensa
    • 30.07.2012 um 13:39 Uhr

    Sex ist von der Natur mehr zum Zweck der Zeugung und nicht des Spasses gedacht.Die gezeugten Kinder brauchen Geborgenheit und Sicherheit.Wer nur an seinem Spass denkt ist kurzsichtig und ihm fehlt die Weisheit ,dass Treue ein Schutz der gezeugten Kinder ist.

  3. Hat da niemand Korrektur gelesen?

    Ansonsten: wichtig ist, die Wünsche des Partners zu respektieren und gegen die eigenen Wünsche abzuwägen. Der Wunsch nach Monogamie wurde ja von der Autorin genannt. Weibchen wollen die ungeteilte Energie des Mannes zur Aufzucht des Nachwuchses. Also will die Frau einen treuen man, der er sonst, untreu, für ihren Nachwuchs nur noch zum Teil oder gar nicht zur Verfügung steht. Mich würde mal eine Studie interessieren bei der erörtert wird, von welchem Geschlecht eine Trennung ausgeht bei beiderseitigem Fremdgehen. Ich tippe auf die Frauen.
    Das 27jährige Ausnahmebeispiel wollte ja auch wieder zurück zur Autorin, da er nach 2 Wochen mit dem Egoknick umgehen konnte und das Fremdgehen für ihn in Ordnung war. Sicherte es ihm doch den lebenslangen Freischein für Seitensprünge. Doch die ebenfalls nicht monogame Autorin hat das dann abgelehnt. Warum? Weil er plötzlich zum Weichei wurde? Oder weil sein Fremdgehen irgendwie gegen die genetische Programmierung verstieß

  4. @dfskljdskldjs: Klar, ist es wichtig, dass Kinder mit Werten wie Verlässlichkeit etc. aufwachsen. Ich wüsste nicht, warum dies nicht möglich sein sollte, nur weil man ein anderes Konzept als die Monogamie lebt. In Beziehungsformen wie z.B der Polyamorie gibt es auch Werte oder Regeln. Studien haben zeigen können, dass z.B Ehemänner, die außereheichen Verkehr haben, die liebevolleren, geduldigeren Familieväter sind. Das einzig moralisch verwerfliche hieran ist, dass es hinter dem Rücken des Anderen geschieht. Die Menschen sollten sich also eher fragen, warum sie lügen müssen und nicht sie selbst sein können. Häufig trennen sich Paare, da ein Seitensprung auffliegt. Würden die menschlichen Bedürfnisse nach quantitativer Sexualität berücksichtigt werden, würde der Trennungsgrund Seitensprung wegfallen. Dann wäre es nämlich keine Untreue mehr. Paare sollten eher ihre Eifersucht bzw. Besitzansprüche reflektiern. In Bezug auf die Frage, warum immer weniger Kinder geboren werden bzw. weniger Familien gegründet werden, hat dies sicher viele Gründe. Ein Grund könnte zumindest sein, dass Menschen Angst haben solch einem engen Beziehungskorsett nicht gerecht werden zu können.

    Antwort auf "Opfern gehört dazu"
  5. Man kann es ja weiterspinnen: Es ist nicht der Diebstahl, der unseren sozialen Frieden beeinträchtigt, sondern unser falscher Eigentumsbegriff. Es ist nicht der Betrug, der das Vertrauen in die Verbindlichkeit der Verträge erschüttert, sondern unser falscher Begriff von Vereinbarung. Es ist nicht der Hooligan, der uns die Laune versaut, ins Stadion zu gehen, sondern unser falscher Begriff von Familiennachmittag...

    • Ivea
    • 07.04.2013 um 18:19 Uhr
    375. Liebe

    Warum wir dieses Ideal an eine Beziehung haben?
    Weil es verdammt nochmal unerträglich weh tut betrogen zu werden. Deshalb. Und deshalb "macht man das auch nicht". Man schlägt ja anderen auch nicht ins Gesicht, auch wenn man da manchmal total Lust drauf hat.
    Wenn Sie sagen, der Mensch ist halt nicht monogam, dann machen SIe es sich zu einfach! LIEBE, das bedeutet, ueber diesem fluechtigen Lustgefuehl stehen zu koennen.

  6. ...reihe ich mich hier ein in eine lange und unaufhörliche Folge von Menschen, die diesen Artikel aus genau einem und richtigem Grund empörend finden:
    Nur, weil etwas von den meisten Menschen getan wird oder mindestens einmal im Leben getan wurde, heißt das nicht, dass es dadurch legitimiert ist! Und nur, weil etwas in unserer Natur liegt, heißt das ebensowenig, dass es legitimiert ist!
    Freilich können sich zwei (oder auch mehrere) Partner dafür entscheiden, zeitweise oder immer, den sexuellen Verkehr mit anderen freizugeben, das mag man handhaben, wie man will (und schauen, ob's funktioniert, aber daran will ich mich jetzt nicht festbeißen). Aber zu sagen, dass Monogamie Beziehungen zerstört und man sie deshalb besser aufgeben sollte, ist vom Argument her genauso bescheuert wie zu sagen, dass uns die Anerkennung der menschlichen Würde viele Probleme beschert hat (hat sie, jedenfalls für den Teil, der sie vorher missachtet hat - trotzdem will ich inhaltlich keinen Vergleich ziehen, bloß formal-logisch) und wir sie deshalb aufgeben müssen.
    Was soll das? Alles, was Probleme macht, soll einfach abgeschafft werden, unabgesehen davon, welchen Wert es eigentlich - wenigstens für manche - haben mag?!

    Ich zweifle schon daran, dass es anders wirklich auf Dauer mehr Beziehungsglück bringen würde, aber selbst dann, wenn ich das eingestehen würde, ist das Argument, das gebracht wird, krumm.

    Eine andere Frage ist die des Aushaltenkönnens von Verfehlungen, das gebe ich offen zu...

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