MonogamieDie große Lüge

Nicht Untreue zerstört unser Beziehungsleben, sondern falsch verstandene Treue. Das muss sich ändern. Ein Manifest von Michèle Binswanger

Er wolle keine Beziehung, sagte mir der Mann, in dessen Bett ich nach einer feuchtfröhlichen Nacht gelandet war. Ich war achtzehn Jahre alt, er siebenundzwanzig – und mir war das recht. Ich sagte ihm, ich käme selber gerade aus einer Beziehung. Wolle mich einfach ein bisschen rumtreiben ohne Verpflichtungen. Wir waren uns einig und trafen uns wieder. Wir kochten zusammen, machten ausgedehnte Touren mit dem Bike, besuchten Konzerte und lagen lange Sonntage im Bett. An einem dieser Sonntage, ich war inzwischen zwanzig, sprachen wir über unser Verhältnis. Unsere Beziehung. Ob es in diesen Jahren daneben vielleicht noch andere gegeben habe. Es hatte. Erst schilderte er mir ein paar Liebesabenteuer. Dann gab ich meine Handvoll zum Besten. Worauf er schweigsam wurde, sich schließlich anzog und mich verließ. Nach zwei Wochen kam er zurück und bat mich, es nochmals zu versuchen. Ich lehnte ab. Nicht wegen seiner anderen Geschichten, sondern weil er unsere Abmachung verraten hatte: Wir sind zusammen, weil wir uns viel bedeuten. Treue ist dafür keine Bedingung.

In der Schweiz befinden sich rund drei Viertel der Bevölkerung in einer Partnerschaft. Die meisten wünschen sich, dass diese Beziehung ihnen alles bietet, eine emotionale Heimat, Stabilität und sexuelle Erfüllung. Die Liebe ist, wie Paartherapeut Klaus Heer sagt, monogam. Nur der Mensch ist es nicht. In Umfragen geben 36 Prozent der Frauen und 44 Prozent der Männer an, Sex außerhalb der festen Beziehung gehabt zu haben. Ganze 72 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer verrieten, dass sie es gern tun würden, wenn sie Gelegenheit hätten. Manche Experten sprechen davon, dass 90 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens fremdgehen, bei den Frauen sind es drei Viertel. Untreue ist denn auch einer der Hauptgründe, warum Ehen in den westlichen Industrienationen reihenweise kollabieren. 50 Prozent beträgt die Scheidungsrate in der Schweiz, dazu werden immer weniger Ehen geschlossen, und die Beziehungen sind heute kürzer und serieller. Untreue zerstört Vertrauen, zerbricht Hoffnungen, Herzen und Familien. Die entscheidende Frage ist aber nicht, warum wir eigentlich nicht treu sein können. Sondern warum unser Beziehungsideal auf einer Lüge gründet. Die Lüge, dass wir uns immer treu sein werden.

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Denn sexuelle Treue im umfassenden Sinn ist unmöglich. Wir können uns die Lust versagen, wir können so tun, als gäbe es sie nicht. Aber es ist eine Täuschung. Als Liebende halten wir uns für die vornehmen Protagonisten einer Verfilmung von Romeo und Julia. Was die menschliche Sexualität angeht, wird aber Planet der Affen gespielt. Trotz ihrer romantischen Veranlagung, ist unsere Spezies reichlich sexbesessen. Weltweit fließen täglich Milliarden in den industriellen Komplex, der Sexualität verkauft. Pornografie und Prostitution, Partnerbörsen und Seitensprungportale, Pharmaindustrie und Paartherapeuten verdienen daran, die Symptome unserer Krankheit zu lindern. Aber zur Ursache stoßen sie nicht vor. Der moderne PR-Manager, der zu seinem Pediküre-Termin einen veganen Lunch bestellt, hat nämlich mehr mit seinen behaarten Urahnen gemein, als er es wahrhaben möchte. Dies ist auch der Grund, warum unsere kulturellen Modelle so zuverlässig scheitern.

Wir pathologisieren Fremdgeher, dabei sind sie doch der Normalfall

Nach meinem Erlebnis mit dem eifersüchtigen Mann habe ich studiert, einen Beruf erlernt, zwei Kinder geboren und viele Krisen gemeistert. Noch mehr Krisen habe ich passiv miterlebt, von Freundinnen und Freunden. Und immer geht es um dasselbe. Insbesondere wenn Kinder im Spiel sind, erlahmt die Lust auf den Partner mit den Jahren. Nicht aber der Appetit auf Sex. Und wenn wir auch einige Monate, vielleicht sogar Jahre gut mit unseren Lügen leben können, so kann es das Leben nicht lassen, uns stets aufs Neue herauszufordern.

Michèle Binswanger

Die Autorin, 2010 zur Schweizer "Journalistin des Jahres" gewählt, hat zusammen mit Nicole Althaus das Buch Macho Mamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollen geschrieben. Es erscheint Mitte April bei Nagel & Kimche.

Ich habe viele Beziehungen am Problem falscher Treueerwartungen zerbrechen sehen. Und so frage ich mich heute: Ist es vielleicht gar nicht die Untreue, die Ehen kaputt macht, sondern die unrealistische Erwartung, dass Sex nur innerhalb der Ehe stattfinden soll? Warum pathologisieren wir Fremdgeher und stigmatisieren sie moralisch, wenn sie doch eigentlich der Normalfall sind? Warum halten wir es für normaler, von einer monogamen Kurzzeitbeziehung zur nächsten zu eilen, als außereheliche sexuelle Kontakte in Kauf zu nehmen? Warum halten wir dieses als serielle Monogamie bekannte Muster für tauglicher, als uns vom Dogma der Monogamie zu verabschieden? Ist es vielleicht gar nicht der Partner, der uns betrügt, sondern die Liebe selbst? Zerstört uns also nicht die Untreue, sondern die Treue?

Ich stellte diese Frage dem Sexualtherapeuten und Autor Ulrich Clement. "Unser Liebesmodell stammt aus Bürgertum und Romantik", sagte er. In vormodernen Ehen gehörte Untreue dazu, zumindest die des Mannes. Doch dann wurde die Liebe zunehmend zum romantischen Ideal verklärt, die innereheliche Sexualität wurde aufgewertet, die außereheliche sanktioniert. Im Verlaufe des zwanzigsten Jahrhunderts verlor die Ehe ihre wirtschaftliche und soziale Bedeutung zunehmend. Übrig blieb das romantische Phantasma, scharf bewacht von der Eifersucht. Ohne Eifersucht gäbe es kein Anspruch auf Exklusivität, kein Treueproblem, keine am Küchentisch durchdiskutierten Nächte, keine unversöhnlichen Trennungen. Eifersucht, so Clement, ist ein kulturübergreifender Reflex. Doch die Bewertung des Gefühls variiert kulturell beträchtlich. In patriarchalen Kulturen, welche die Ehre des Mannes an die Treue der Frau knüpfen, kann sie mörderische Konsequenzen haben. Denn die Frau gehört dem Mann, sie soll ihre Sexualität ihm allein vorbehalten.

Leserkommentare
  1. kulturell oder biologisch bedingt?

    Die daraus resultierende Eifersucht bei sexueller Zuwendung des Partners oder der geliebten Person zu einer anderen Person ist ein schmerzhaftes Gefühl, aber existiert es in allen kulturellen Gesellschaften?

    In Gesellschaften, in denen Männer traditionell mehrere Frauen haben dürfen, empfinden die Frauen keine Eifersucht, wenn der Mann die Nacht mit der anderen Frau verbringt, sondern wenn er sie materiell benachteiligt.

    Und in der matriarchalisch organisierten Ethnie der Mosuo in Südchina gilt eine Ehe als unnatürliche Lebensweise.

    http://de.wikipedia.org/w...
    "Geschlafen wird in Gemeinschaftsräumen. Lediglich Frauen im gebärfähigen Alter haben das Recht auf einen eigenen Schlafraum. Die Mosuo kennen keine Ehe zwischen Mann und Frau, bei der das verheiratete Paar zusammenlebt; diese wird als unnatürlich betrachtet und als Gefahr für die Familie. Sie pflegen vielmehr die Besuchsehe bzw. Besuchsbeziehung (...). Sowohl Frauen als auch Männer dürfen mit mehreren (...) Partnern oder Partnerinnen nebeneinander oder nacheinander sexuelle Beziehungen pflegen, die keinerlei Bestätigung von dritter Seite brauchen und auch von jeder der beiden Seiten ohne Umstände und jederzeit aufgelöst werden können. Die Männer besuchen dabei als Geliebte (azhu) die Frauen in der Nacht und kehren am Morgen in den Haushalt ihrer Großfamilie zurück.

    Alle Kinder, die aus der Verbindung stammen, bleiben im Haushalt der Mutter.

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    Wer hat denn das Gerücht in die Welt gesetzt? Soweit mir bekannt, hat es in der Geschichte der Polygamie auch Tote gegeben und die Eifersucht ist in allen Gesellschaften gleichgültig ob polygam lebende Mormonen oder muslimische Ehen mit mehreren Partnerinnen zu beobachten.

    Es ist richtig, dass es dort gesellschaftlich nicht anerkannt ist, dass die Frauen sich in Eifersucht ergehen, richtig ist aber auch, dass diese Gefühle existent sind.

    Es gibt Dokus dazu, es gibt Interviews dazu und es gibt sogar Prosa darüber.

    • Zack34
    • 27. März 2012 10:39 Uhr

    Sehr geehrte Frau Binswanger,

    bei Ihrem fragil gezimmerten Satz, Zitat:
    "Ich lehnte ab. Nicht wegen seiner anderen Geschichten, sondern weil er unsere Abmachung verraten hatte: Wir sind zusammen, weil wir uns viel bedeuten. Treue ist dafür keine Bedingung."

    fällt m.E. im folgenden nur eins: eine kleine Erklärung für "WEIL WIR UNS VIEL BEDEUTEN". Ergo, WAS bedeute(te)n sie sich, WAS bedeutete er für Sie ?

    Ich weiß nicht, warum ausgerechnet diese Kleinigkeit hier fehlt und die Schweizer-Statistik auf einmal da vom Himmel fällt, aber ich bin mir sicher, Sie können diese in Ihrem nächsten Beitrag eindrucksvoll nachliefern, der geneigte Leser wäre Ihnen dafür sehr dankbar.

    Ich gehe mit Ihnen mit, wenn Sie die sexuelle Treue im umfassenden Sinn für unmöglich erklären, da sich immer jemand anderer findet, der auf der Ebene "interessant" ist. Die Frage ist nur, wie man selbst damit umgeht, und was man aus dem bloßen Gefühl der Anziehung daraus macht. Oder anders ausgedrückt - wie würden wir leben, wenn wir uns alle eben dieser Anziehung völlig spontan hergeben ? Denn das ist letztendlich genau das, was Sie hiermit als die richtig verstandene Treue implizieren.

    Im übrigen - Ihr Eingagsbeispiel handelt von einer offenen Beziehung, die nichts mit einer Ehe und einer Familienplanung zu tun hat. Aber anschließend reden Sie viel von der Ehetreue und greifen trotzdem zu Ihrem Eingangsbeispiel; muss man das verstehen können ?

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  2. Zunächst einmal: L(i)eben und l(i)eben lassen.

    Ich selbst lebe seit Jahren in einer offenen Beziehung und liebe meinen Partner bereits mehr als ein Jahrzehnt (und vice versa ;). Offen auch diesbezüglich, dass wir uns alles erzählen, also keine heimlischen Aktionen. Wir fahren sehr gut damit, sind sexuell sehr ausgeglichen und bekommen durch neue Bekanntschaften auch viele positive Impulse für unsere Beziehung, die nicht nur unbedingt sexueller Natur sind.

    "Warum halten wir es für normaler, von einer monogamen Kurzzeitbeziehung zur nächsten zu eilen, als außereheliche sexuelle Kontakte in Kauf zu nehmen?" Bringt es genau auf den Punkt. Mittdreißiger aus meinem Freundeskreis rasen noch immer rastlos von Beziehung zu Beziehung, wenn in der aktuellen Partnerschaft die Luft raus ist und finden doch keine längerfristige Liebe. Merke: Eine Beziehung ist ist wie eine Pflanze, die am Anfang von selbst wächst und später ständig gedüngt werden muss, damit sie gedeiht. Ewiges Knistern und explosionsartiges Beieinandersein ist nach einigen Jahren nicht mehr der Normalfall, sondern muss erzeugt werden - und das in JEDER Beziehung.

    Heuchlerisch finde ich auch jene Zeitgenossen, die ein offenes Beziehungsmodell verurteilen, aber selbst hinter dem Rücken ihres nichtsahnenden Partners in einer eigentlich monogamen Beziehung fremdgehen. Gehts noch?

    3 Leserempfehlungen
  3. Wenn du nicht glücklich bist mit deinem Kind,dann solltest du möglicherweise deine innere Einstellung überprüfen?
    Ich glaube,dann bist du noch nicht bereit für einen neuen wundervollen Lebensabschnitt.
    Als meine Tochter geboren wurde,da habe ich erkannt,dass du,wenn immer du eine Tür zumachst,sich hundert Neue öffnen,
    Und das wenn du endlich aufhörst nur an deinen eigenen Vorteil zu denken und vornehmlich für andere da bist,ohne eine Gegenleistung zu erwarten(was bei einem Säugling z.B. selbstverständlich auf der Hand liegt),ein Glück erfährst in dem du manchmal zu ersaufen drohst.
    Aber ich denke,ich habe dich wohl nur falsch verstanden?

    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 27. März 2012 10:43 Uhr
    77. Gebot

    Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib.

  4. Der Mensch kann seine biologischen Potentiale nur in und durch Kultur realisieren. Jeder Mensch hat beispielsweise das biologische Potential zur Sprache als Kommunikationsmittel, aber ob er Japanisch, Deutsch oder Gebärdensprache spricht, ist das Ergebnis seines gesellschaftlichen Umfeldes. Es gibt keine Sprache, die 'natürlicher' ist als andere. Ebenso ist es mit Sex. Die Behauptungen, dass Untreue 'natürlicher' sei als Treue, ist daher einfach Quatsch. Der Mensch besteht nicht aus einer dünnen Firniss Kultur, unter der ewig 'die Natur' - was immer das auch sein mag - lauert. Frau Binswanger mag sich für offene Beziehungen entscheiden, aber bitte nicht auf der Basis eines angeblich unhintergehbaren Arguments der größeren 'Natürlichkeit'.

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    • Gex83
    • 27. März 2012 10:49 Uhr

    Naja...letztendlich muss er dennoch seinen Körper kontrollieren. In der Natur ist Treue nicht vorgesehen. Der Mensch ist das einzige Wesen welches dieses anwendet allerdings auch unter Einbußen. Selbst treue Menschen haben doch sicherlich Bedürfnisse nach anderen. Manche leben sie aus, andere nicht. Aber zu behaupten dass sich der Mensch über seine Instinkte hinwegsetzt habe ist Quatsch. Sie sind nur unterdrückt, dazu reicht ein kleiner Blick auf tausende Jahre Menschheitsgeschichte.

    Grüße.

  5. meistens, meiner erfahrung nach, haben menschen welche zu eifersüchtig sind, oder menschen welche andauernd fremdgehen müssen, sich nicht von ihren eltern emazipieren können. das heisst sie erleben liebesbeziehungen aus einem abhängigen verhältnis heraus.

    2 Leserempfehlungen
    • Gex83
    • 27. März 2012 10:49 Uhr

    Naja...letztendlich muss er dennoch seinen Körper kontrollieren. In der Natur ist Treue nicht vorgesehen. Der Mensch ist das einzige Wesen welches dieses anwendet allerdings auch unter Einbußen. Selbst treue Menschen haben doch sicherlich Bedürfnisse nach anderen. Manche leben sie aus, andere nicht. Aber zu behaupten dass sich der Mensch über seine Instinkte hinwegsetzt habe ist Quatsch. Sie sind nur unterdrückt, dazu reicht ein kleiner Blick auf tausende Jahre Menschheitsgeschichte.

    Grüße.

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    Wenn Sie meinen Kommentar noch einmal sorgfältig lesen, werden Sie feststellen, dass ich nicht behaupte, dass sich der Mensch über die 'Instinkte' hinweggesetzt hat. Sie wurden und werden nur immer und überall kulturell vermittelt ausgedrückt. Deshalb ist es unsinnig, von einer von Kultur unbeührten 'Natur' des Menschen zu sprechen und sie gar als letztliche Begründung für heutiges Verhalten anzuführen.

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