Boardwalk Empire: Gewalt und nackte Haut
Das Mafia-Epos "Boardwalk Empire" ist die Supergroup unter den US-Serien.
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Verruchte Schönheit um 1920: Die Schauspielerin Paz De la Huerta als Lucy Danziger in einer Szene der US-Serie "Boardwalk Empire"
Mit Boardwalk Empire ist das Phänomen der HBO-Serie in seine Supergroup-Periode eingetreten. Supergroups nannte man in den späten sechziger Jahren nach den goldenen Tagen der Rockmusik jene Bands wie Moby Grape oder Emerson, Lake & Palmer, deren Mitglieder aus anderen erfolgreichen, aber mittlerweile aufgelösten Bands zusammengestellt wurden, um nach der Logik der Addition oder der Einkaufspolitik des FC Bayern den Maximalhammer zu landen. Mitglieder von Traffic, Cream und The Family vereinigten sich zu Blind Faith, klangen aber eher nach Subtraktion.
Hier haben nun die wichtigsten Regisseure aus dem Sopranos -Team, dazu Produzent Martin Scorsese und Hauptdarsteller Steve Buscemi Talent und Kredit zusammengelegt, um dann die mit Abstand üppigste Ausstattung abzugreifen, die je bei dem Sender HBO zu sehen war: Die zwanziger Jahre, die Ära der Prohibition, der Geburt des Organisierten Verbrechens, des Frauenwahlrechts und des beginnenden Aufstiegs schwarzer Kultur in den Nordstaaten kriegen hier den Stoff, die Casinos, die Anzüge und Vintage-Automobile, die für viele Zuschauer Grund genug sein werden, mit den Augen kleben zu bleiben.
Wie bei den Sopranos hat man einen leicht abgelegen Ort gewählt, um eine bekannte Geschichte etwas anders zu erzählen: So wie dort die Nachgeschichte der Mafia von New Jersey statt von New York aus erzählt wird, wird hier die Spielerstadt Atlantic City als das Epizentrum der auch nicht ganz unbekannten Entstehung des Organisierten Verbrechens präsentiert, für die die Namen Al Capone und Lucky Luciano stehen – beide sind auch Charaktere dieser Serie: dargestellt von einem glänzend aufgelegten Stephen Graham und einem etwas zu weichen Vincent Piazza.
Im Mittelpunkt steht aber Steve Buscemi, der bisher immer als unterernährter Sonderling und cooler Außenseiter durchs Arthouse-Kino strolchte, hier aber nun erstmals die Rolle des zentralen Patriarchen füllen muss, den zu hassen man lieben muss, um an der Serie dranzubleiben. Sein Understatement, seine kalte Schnauze bilden das klimatische Gegenwicht zu rauschenden Gelagen und üppigen Straßenfesten. Er bringt eine Figur in die Mafia-Erzählung zurück, die schon fast wieder in Vergessenheit geraten ist, nach all den Zwangscharakteren und Therapie-Kunden der letzten Jahre: Er ist ein Aufsteiger und hat sich seinen Beruf ausgesucht, er ist nicht in ihn hineingeboren.
Und das gilt nicht nur für diesen nominell als Stadtkämmerer beschäftigten, de facto aber das komplette Wirtschaftsleben kontrollierenden Nucky Thompson, den Buscemi darstellt, sondern auch für seine Partnerin Margret (Kelley McDonald), deren Persönlichkeit heftig zwischen politischem Engagement, skrupulösem Seelenleben und sozialen Aufstiegswünschen und Talent zum Machtgebrauch pendelt. Die Figuren in Boardwalk Empire stehen nicht am Ende des amerikanischen Zeitalters, sondern an einem seiner Anfänge: Neue demokratische Rechte und neue undemokratische wirtschaftliche Chancen fächern ein Reich der Möglichkeiten auf, das am ehesten in den immer mal wieder aufflackernden Euphorien elektronischer Kultur sein Gegenwartspendant findet, worauf dann mit sehr ostentativ gebrauchten Telefonen angespielt wird.
Ebenso oft wird aber einfach in der Ausstattung geschwelgt. Die Serie nimmt sich viel Zeit, ihre Charaktere zu entfalten. Danach lässt sie deren frisch entwickelte Eigenschaften aber oft luxuriös lange schlummern, bevor sie dann doch zugreift. Sie ist eindeutig auf ein längeres Leben hin angelegt. Einstweilen werden die Zuschauer, für die sich die Einführung immer neuer Schauplätze (Chicago!) und Situationen nicht unbedingt in Dynamisierungen des Plots übersetzen lässt, mit Schauwerten bei der Stange gehalten. Neben den Ausstattungswundern und der nicht nur im Pilotfilm vom Meister selbst, sondern auch bei den späteren Episoden in seinem Sinne zelebrierten Scorsese-Kulinarik, sind das die Dinge, die der Bezahlsender HBO darf und seine frei zugängliche Konkurrenz in den USA nicht: derbe Dialoge, Gewalt und nackte Haut.
So wird der große Michael K. Williams, den die The Wire-Fans als Omar wegen seiner widersprüchlichen Seele liebten, etwas unter Wert auf seine Entschlossenheit und Brutalität reduziert. Paz de la Huertas Rolle ist mit der Funktion, möglichst oft möglichst nackt durchs Bild zu laufen, erschöpfend beschrieben; mit Gretchen Mol verhält es sich nur in Nuancen anders. Immerhin ist sie auch die Mutter des interessantesten Charakters, des von Michael Pitt gespielten, vom Weltkriegseinsatz traumatisierten verhinderten Intellektuellen Jimmy Darmody, der von der bedrohlichen Offenheit seiner Situation sichtbar irritiert und aufgeregt wird – er wird recht überzeugend als Dynamit mit Zeitzünder aufgebaut, während Buscemi sich vor lauter zusammengepresstem Understatement manchmal zu sehr in die Ecke drängen lässt.
Man sieht sie gerne, diese erste Staffel, die jetzt im DVD-Handel (Warner Home) zu bekommen ist, auch wenn sie noch etwas zu bilderbogenhaft daherkommt. Man kann sich aber etliche Möglichkeiten vorstellen, wie sie nicht nur ihr weitläufig angelegtes Konfliktgefüge verdichten, sondern auch die vielen Andeutungen politisch-historischer Standpunkte erweitern und mit den scheinbar individuellen Entscheidungen ihrer Figuren verknüpfen könnte. Anders als die Musikbranche bei den schnell wieder verschwundenen Supergroups und ihrem Produkt Progessive Rock scheint diese Kulturindustrie zu wissen, dass nur langfristiges Denken das Produkt Qualitätsserie bewahren und ausbauen können wird.








Traurige Unkenntnis
"Mitglieder von Traffic, Cream und The Family vereinigten sich zu Blind Faith, klangen aber eher nach Subtraktion."
Völliger Unsinn; da hat jemand wenig Ahnung von Musik, denn das einzige Album der Band, die sich nach kurzer Zeit wegen musikalischer Differenzen wieder auflöste, gilt sowohl bei Kritikern wie bei Fans als eines der besten der damaligen Zeit und als Meilenstein der Rockmusik. Empfehle, mal reinzuhören. "Subtraktion" geht anders.
Ich möchte nicht zu sehr vom Thema abschweifen. Die rezensierte Serie habe ich noch nie gesehen, aber:
@lyriost: Herrn Diederichsen "wenig Ahnung von Musik" zu unterstellen halte ich doch für ein etwas vorschnelles Urteil, schließlich ist der Mann nicht erst seit gestern im Geschäft (http://de.wikipedia.org/w...).
Und darüber, ob die erwähnten (progressiven) Supergroups nun den Höhepunkt moderner Popmusik darstellen oder nicht kann man streiten. Mich persönlich langweilen die erwähnten Gruppen eher (abgesehen von Cream).
Den Vergleich mit dem FC Bayern finde ich übrigens lustig und gar nicht so unpassend.
Ich möchte nicht zu sehr vom Thema abschweifen. Die rezensierte Serie habe ich noch nie gesehen, aber:
@lyriost: Herrn Diederichsen "wenig Ahnung von Musik" zu unterstellen halte ich doch für ein etwas vorschnelles Urteil, schließlich ist der Mann nicht erst seit gestern im Geschäft (http://de.wikipedia.org/w...).
Und darüber, ob die erwähnten (progressiven) Supergroups nun den Höhepunkt moderner Popmusik darstellen oder nicht kann man streiten. Mich persönlich langweilen die erwähnten Gruppen eher (abgesehen von Cream).
Den Vergleich mit dem FC Bayern finde ich übrigens lustig und gar nicht so unpassend.
Die Zeit der sog. Progressiven Rockmusik gilt als die Kreativste Epoche der modernen Musik. In dieser Zeit wurde sehr viel experimentiert - verschiedene Musikstile und Musikepochen schmelzten zusammen. Die führenden Köpfe dieser Zeit wie Jack Bruce oder Keith Emerson verstanden es eine Symbiose zwischen den Musikrichtungen zu entwickeln. Ihrem musikalischen Einfluss konnte man sich nur sehr schwer entziehen. Zum Schluss sei noch bemerkt, daß ohne diese Zeit die heutige Musikindustrie nicht mehr lebensfähig wäre. Cream haben dies bei ihrem ersten gemeinsamen Konzert 2005 in London beiwesen. Wann warten ständig auf die Bruce, Emersons oder Wilsons.
ist völlig unpassend und ein effekthascherischer Einstieg in eine laue Rezension.
Für eine Filmproduktion ein Team mit klingenden Namen zusammenzustellen, ist in Hollywood seit knapp hundert Jahren gängige Praxis. Ein passender Einstieg wäre die Feststellung gewesen, dass sich die Logik der Kinofilmproduktion seit einigen Jahren nun auch auf das an künstlerischer und ökonomischer Bedeutung gewinnende Konzept der Fernsehserie überträgt.
In den vollen Genuss davon, kommt der Grossteil hiesiger Konsumenten dieser Serie jedoch ohnehin nicht, denn wer sich aufgrund mangelnder Fremdsprachenkenntnisse oder schlichter Faulheit die deutsche Übersetzung anschaut, verweigert sich dem Reiz der sorgfältig geschreinerten Dialoge. Dass beim Zuschauer dann primär der Eindruck von "Gewalt und nackte[r] Haut" übrig bleiben, verwundert mich gar nicht.
Ich möchte nicht zu sehr vom Thema abschweifen. Die rezensierte Serie habe ich noch nie gesehen, aber:
@lyriost: Herrn Diederichsen "wenig Ahnung von Musik" zu unterstellen halte ich doch für ein etwas vorschnelles Urteil, schließlich ist der Mann nicht erst seit gestern im Geschäft (http://de.wikipedia.org/w...).
Und darüber, ob die erwähnten (progressiven) Supergroups nun den Höhepunkt moderner Popmusik darstellen oder nicht kann man streiten. Mich persönlich langweilen die erwähnten Gruppen eher (abgesehen von Cream).
Den Vergleich mit dem FC Bayern finde ich übrigens lustig und gar nicht so unpassend.
... vielleicht hat er ja auch nur einen ausbaufähigen Geschmack? Und die von ihm geäußerte Meinung ist nach "Spex"-Art in hohem Maße subjektiv. Ich unterscheide zwischen guter Musik, die ich mag, und guter Musik, die ich nicht mag. Er tut das hier leider nicht. Und was Blind Faith betrifft – als die aktiv waren, war D.D. gerade mal zwölf. Das mag einiges erklären. ;-)
... vielleicht hat er ja auch nur einen ausbaufähigen Geschmack? Und die von ihm geäußerte Meinung ist nach "Spex"-Art in hohem Maße subjektiv. Ich unterscheide zwischen guter Musik, die ich mag, und guter Musik, die ich nicht mag. Er tut das hier leider nicht. Und was Blind Faith betrifft – als die aktiv waren, war D.D. gerade mal zwölf. Das mag einiges erklären. ;-)
... vielleicht hat er ja auch nur einen ausbaufähigen Geschmack? Und die von ihm geäußerte Meinung ist nach "Spex"-Art in hohem Maße subjektiv. Ich unterscheide zwischen guter Musik, die ich mag, und guter Musik, die ich nicht mag. Er tut das hier leider nicht. Und was Blind Faith betrifft – als die aktiv waren, war D.D. gerade mal zwölf. Das mag einiges erklären. ;-)
Um mal zum Thema zu kommen sei gesagt: Diese Serie ist etwas sehr besonderes, sie benötigt jedoch etwas Geduld am Anfang, ob der ganzen Figuren und Erzählstränge. In Deutschland ist sie deswegen auch so unbekannt und weil es eben kein Free-Tv-Sender gibt der sich sowas traut zu zeigen, zumal wegen der ansteigenden Gewalt und Sexszenen. Die zweite Staffel wird dann noch besser, weil man alle Charaktere kennt und liebt teilweise. Jene Staffel endet dann auch in einem großen Finale. Boardwalk ist Epik in Serienform. Ähnlich wie The Wire, Treme oder Breaking Bad.
Boardwalk Empire ist wahrlich ein Vergnügen, natürlich vor allem wenn man ein Freund des Gangsterfilms ist.
Wie scheinbar belanglose Details sorgfältig und liebevoll zum Leben erweckt werden, wie bisher völlig ausgeklammerte Geschichten erzählt werden (zB die ersten Schritte der Emanzipation der Frauen und der Afroamerikaner, amerikanische Veteranen im 1. Weltkrieg etc.) und Steve Buscemi endlich in einer würdevollen Rolle zu sehen ist, das macht diese Serie zu etwas besonderem.
Diese Serie, ähnlich wie Breaking Bad, verdeutlicht den Bedeutungswandel des Fernsehens, denn die Produzenten dieser Serien haben erkannt, dass eine ausgereifte und durchdachte Serie mehr Zuschauer beeindrucken kann, als der teuerste 3D-Blockbuster. Eine Fernsehserie ermöglicht, wie oben geschildert, eine bessere Entfaltung der Personen, denn ihre Dauer ist nicht, wie ein Kinofilm, auf läppische 2 bis 3 Stunden beschränkt.
Die Mischung aus Schwarzem Humor, exzessiver Gewalt und Sex bildet ein Rezept, das auch schon beim Vorgänger "Rom" gut angekommen ist, die meines Erachtens sogar einige thematische Parallelen zu Boardwalk Empire aufweist (zB die Kriegsheimkehrer Jimmy Darmody und Lucius Vorenus). Und wer vermag diese Mischung am besten zu inszenieren als der Meister Scorsese, der schon mit "Gangs of New York" zu vermitteln versuchte, nämlich, dass die USA durch das organisierte Verbrechen groß geworden seien.
ich hatte mich eigentlich auf eine ultrabrutale realistische mafiaserie eingestellt. stattdessen durfte ich einen bis ins letzte und allerkleinste detail liebevoll ausgestalteten kostümfilm vorfinden - und bin, nach anfänglicher irritation, begeistert!
so lebendig (trotz aller sauberkeit der kulisse) sind die 20er selten zum leben erweckt worden. hier stimmt einfach alles: von der musik über kleidung und sprache bis hin zur requisite. opulenz und augenschmaus. und das als hintergrund einer durchaus interessanten geschichte, die von hervorragenden darstellern getragen wird.
wenn man also nicht die neu-erfindung des mafia-genres erwartet, sondern lust auf eine - romantisierte - darstellung der 20erjahre in den usa hat, muss man boardwalk empire einfach lieben...
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