DVD Jeanne d'Arc: Die Jungfrau der Geschichte
Carl Theodor Dreyers Stummfilmklassiker "Die Passion der Jungfrau von Orléans" auf DVD.
Jeanne d’Arc kann nicht von dieser Welt gewesen sein. Ein Mädchen vom Lande, das Stimmen hörte und sich von Gott erwählt glaubte, das für seinen König Armeen in die Schlacht führte und als Hexe verbrannt wurde. Eine Verirrung der Geschichte, an der sich Künstler, Schriftsteller und erstaunlich viele Filmregisseure, von Rubens über Schiller bis Brecht, von Méliès bis Bresson, immer wieder abgearbeitet haben, ohne so etwas wie eine gültige Lesart zu finden. Carl Theodor Dreyers 1928 uraufgeführter Stummfilmklassiker Die Passion der Jungfrau von Orléans, der jetzt zum ersten Mal in einer deutschen DVD-Ausgabe erscheint (2 DVDs, mit Booklet und dokumentarischem Bonusmaterial), gehört zu den merkwürdigsten Interpretationen des Stoffes. Das Bild der Amazone mit Pferd, Fahne, Rüstung, das in zahllosen heroischen Skulpturen und Gemälden zur Formel erstarrt war, wird hier restlos überschrieben. Die erste Einstellung des Films signalisiert eine dokumentarische Haltung – sie zeigt die Akten, die vom Häresieprozess der Jeanne d’Arc überliefert sind. Dann eine Einstellung, die das geistliche Gericht vorführt. Und plötzlich löst sich die ursprünglich Wochen dauernde Verhandlung, ein zäher Kampf voller Winkelzüge und Ausweichmanöver, in extreme Naheinstellungen auf – der größte Teil des Films besteht aus Aufnahmen von Gesichtern vor reduziertem, abstraktem Hintergrund, von Menschen in verschiedenen emotionalen Zuständen, nachdenklich, überrascht, verärgert, gequält. Eine bizarre, an Gewalt und Action reiche Kostüm-Story, aufgefasst als intimes, modernes Dialogdrama.
Das prominenteste Gesicht der Passion der Jungfrau von Orléans ist natürlich das der Theaterschauspielerin Maria Falconetti in der Rolle der Jeanne. Flächig, mit vollem Mund und Augen unter schweren Lidern. Dreyer benutzte den neuen panchromatischen Film, der es erlaubte, die Schauspieler ungeschminkt zu präsentieren – zuvor musste heftig Farbe aufgelegt werden, um den Akteuren ein natürliches Aussehen zu geben –, und zusammen mit dem Kameramann Rudolph Maté sind ihm frappierend plastische Schwarz-Weiß-Bilder gelungen. Seine Close-up-Technik sollte das Kino lange beschäftigen – Godard hat ihr in Vivre sa vie, wo Anna Karina von einer Szene mit Falconetti und Antonin Artaud zu Tränen gerührt wird, eine schöne Reverenz erwiesen.
Im letzten Teil öffnet Dreyer den Blick auf Folterwerkzeug und Wehrtürme, auf die Mechanik der Herrschaft. Und er schließt die Passion an einen zeitgenössischen Diskurs an – mit Anspielungen auf das revolutionäre sowjetische Kino, auf Wertow und Eisenstein, mit der Erfindung eines nicht belegten Bauernaufstands. Aber während ein anderes Meisterwerk des späten Stummfilms, Abel Gance’ Napoléon, noch ein emphatisches, vitales »Volksfront«-Modell der Geschichte entworfen hatte, liegt sie bei Dreyer von Anfang an in Trümmern: Nicht einmal die Hoffnung ist von dieser Welt. Und vielleicht war das als Vorgriff aufs kommende Jahrzehnt sogar die realistischere Position.







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