Zu Beginn möchte er nicht reden, dann kommt Michael Kroemer doch ins Plaudern. "Ich hätte ihn ja schon gerne gesehen", gibt er zu. Die Rede ist von dem Vertrag für die Vorabend-Talkshow Gottschalk live in der ARD. Der Journalist Kroemer ist Mitglied des WDR-Verwaltungsrates. Der WDR und seine Werbetochter WDR mediagroup sind für Gottschalk live zuständig. Verträge in dieser Größenordnung erfordern die Zustimmung des Verwaltungsrates. "Eigentlich dürfen wir laut WDR-Gesetz jedes Schriftstück einsehen", sagt Kroemer. Aber den Gottschalk-Vertrag, den hat er nie zu Gesicht bekommen.

Wenn Gottschalks Sendung genügend Zuschauer hätte , würde vermutlich niemand über seinen Vertrag reden. Aber anders als bei seinen Filmen (Zwei Nasen tanken Super, Piratensender Powerplay) und der Show Wetten, dass..? scheint Gottschalk die Deutschen nicht mehr vor dem Fernseher versammeln zu können: Gottschalk live dümpelt bei einer Quote von rund fünf Prozent. Dabei hatte Thomas Gottschalk Anfang des Jahres im Magazin stern verkündet, er habe den "Ehrgeiz, zweistellig zu werden". Nun soll es ein neuer Redaktionsleiter richten. Seit Montag wird vor Studiopublikum getalkt. Wenn auch das nicht hilft, wird sich die Frage stellen, ob die ARD aus dem Vertrag aussteigen kann – und was das Debakel das Erste kostet.

Bislang kennen nur Eingeweihte Gottschalks Vertrag. Die Heimlichtuerei hat in der ARD System und Tradition. Die Causa Gottschalk ist ein neues Beispiel dafür, wie die vereinigten Sendeanstalten der ARD ihre Verträge schließen und wie sich die Intendanten, die über große Freiheiten und sichere Gebührenmilliarden verfügen, in heiklen Fragen den öffentlichen Kontrolleuren entziehen – und damit einer Debatte, ob sie treuhänderisch mit den ihnen anvertrauten Sendeplätzen umgehen.

Der Vertrag für Gottschalk live wurde zwischen der privaten Produktionsfirma Grundy Light Entertainment und der ARD-eigenen Gesellschaft Degeto geschlossen. Der Medienforscher Horst Röper spricht von einem "Trick, den die Intendanten schon mehrfach angewendet haben, um die Gremien zu umgehen. Es geht nicht um Peanuts, sondern um Riesenaufträge. Eine wirkungsvolle Kontrolle durch die Gremien findet nicht statt. Das geht doch nicht."

Im komplexen ARD-Gefüge nimmt die Degeto eine Sonderstellung ein. Die in Frankfurt ansässige Deutsche Gesellschaft für Ton und Film ist die zentrale Filmeinkaufsorganisation der ARD. Rund 400 Millionen Euro kann sie jährlich einsetzen. 250 Millionen Euro davon gehen direkt in die Filmproduktion. Fast alle großen ARD-Produktionen finanziert die Firma mit, sie bestückt den Freitagabend mit Spielfilmen und kauft in großem Stil Senderechte für Filme und Serien ein. Gesellschafter sind die ARD-Sender, teils direkt, teils über Tochtergesellschaften.

"Die Degeto kann viel selbstständiger agieren als die Rundfunkhäuser der ARD im Verbund, weil diese im Korsett eines komplexen Abstimmungsverhältnisses zueinander stecken", erklärt Uwe Kammann, Leiter des Grimme-Instituts.

Momentan ist die Firma wegen ihres geschassten Geschäftsführers Hans-Wolfgang Jurgan in der Kritik. Er soll das Budget der Degeto auf zweieinhalb Jahre komplett verplant haben, die ARD musste Millionen nachschießen. Gleichwohl hört sich Exchef Jurgan am Telefon ganz wie ein fröhlicher Rentner an. Er erzählt freimütig, wie es mit den ARD-Stars so läuft. Beim Vertrag mit Harald Schmidt fing es 2004 an, dass die Degeto als Tresor für Verträge eingesetzt wurde. "Nicht das zuständige Haus, das die Sendung hinterher redaktionell betreute, hat den Vertrag abgewickelt", sagt Jurgan. "Stattdessen wurde ich gebeten, das über die Degeto zu machen." Der Grund: Es sollte nicht bekannt werden, wie viel Schmidt kassierte. "Wenn das in den Häusern ist, geht es durch so viele Hände und Gremien, dann ist es nicht mehr vertraulich." Hernach habe es aber "Irritationen" gegeben in den Gremien, "weil die einzelnen Häuser nicht informiert waren, was in dem Vertrag stand und wie hoch die finanzielle Verpflichtung war".

Daher seien beim nächsten Kandidaten, Günther Jauch , die Vertragsverhandlungen im Jahr 2007 wieder mit den beteiligten Rundfunkhäusern geführt worden, sagt Jurgan. Prompt drangen Details an die Öffentlichkeit, eine für die Intendanten unbequeme Debatte setzte ein – und Jauch sagte entnervt ab. Vier Jahre später kam Jauch dann doch zur ARD, nach Zustimmung aller Gremien und einem anstrengenden Eiertanz innerhalb der Sender. Bei Gottschalk wählten die Verantwortlichen nun wieder den leichten, den geheimen Weg.