Der Film Take Shelter zeigt Amerika, wie es sich selbst am liebsten sieht – und am wenigsten versteht. Er führt uns in die ländliche Welt der hart arbeitenden kleinen Leute mit den einfachen Bedürfnissen, den klaren sozialen Ritualen und den eindeutigen Werten. Oder doch mit der Sehnsucht nach alledem.

Curtis LaForche, dargestellt von einem unglaublich präsenten Michael Shannon (Werner Herzogs amerikanischem Lieblingsschauspieler), ist einer von ihnen, und alle Voraussetzungen für die Erfüllung des amerikanischen Traums, Version untere Mittelschicht, scheinen bei ihm gegeben. Er ist Vorarbeiter einer Firma zur Sandgewinnung, verheiratet, Familienvater; Ehefrau Samantha trägt zum Lebensunterhalt mit dem Verkauf selbst gefertigter Textilien auf lokalen Märkten bei. Man hat es zu einem kleinen Haus am offenen Rand der Kleinstadt gebracht. (Wie in einem Western von John Ford beginnt die freie Natur oder die Wildnis, wie man es nimmt, am eigenen Garten, ohne dass ein Zaun die Grenze markierte.) Endlich hat die großzügig von der Firma bezahlte Krankenversicherung – ein Schlüsselproblem der Regierung Obama, schon beinahe vergessen – die Möglichkeit eröffnet, dass das gehörlose Kind, die sechsjährige Hannah, durch eine Operation geheilt wird. Ein Hund komplettiert die kleine Familie, und der Job scheint einigermaßen sicher, die Arbeitskollegen sind auch Freunde, man trinkt mal ein Bier zusammen, spricht mal ein offenes Wort, feiert mal zusammen ein Fest, und einer steht für den anderen ein, wie es eben sein soll. So ein Leben ist vielleicht nicht spektakulär, aber reich und erfüllt und gerecht, vielleicht kann man es sogar "glücklich" nennen. Wenn nur Curtis’ fürchterliche Alpträume nicht wären.

Immer beginnen sie mit einem Sturm. Zwischen Donner und Blitzen regnet es eine grässliche ölige Flüssigkeit. Tote Vögel fallen aus riesigen aufgeschreckten Schwärmen vom Himmel. Immer versucht Curtis, seine Tochter zu retten. Und dann verwandelt sich einer der Vertrauten, Freunde, Liebsten und greift ihn an. Verletzungen, die Curtis in einem dieser Alpträume zugefügt werden, schmerzen noch lange in den Wachzustand hinein.


Was geschieht da? Die einfache Erklärung: Curtis verliert den Verstand. Der Verdacht liegt tatsächlich nahe; seine Mutter wurde vor langer Zeit in die Psychiatrie und dann in ein betreutes Wohnprojekt eingewiesen, nachdem sie ihr Kind, Curtis, im Kinderwagen vor einem Supermarkt zurückgelassen hatte, um Tage später allein aufgegriffen zu werden, sich von Abfällen ernährend. Psychotische Schizophrenie. Eine Folge emotionaler und familiärer Überforderung, vielleicht. Wenn man genau hinsieht, erkennt man auch in Curtis’ Gesicht, welche Anstrengung ihn die Herstellung seines Idylls gekostet hat, um das ihn seine Freunde so beneiden.

Aber es könnte auch etwas ganz anderes sein, Curtis könnte einen realen Sturm vorausahnen, den die anderen nicht erkennen können oder wollen. Vielleicht gerade weil er ein bisschen mehr Glück gefunden hat als sie. Seine Familiengeschichte könnte ihn sensibler gemacht haben für kommendes Unheil. Ein Sturm schließlich liegt ja wahrhaft in der Luft. Curtis weiß, wen es zu beschützen gälte. Er weiß nur nicht, wie er das tun könnte.

Manisch beginnt er mit dem Ausbau eines sturmsicheren Schutzkellers, er besorgt Notvorräte und Gasmasken, und dabei setzt er alles aufs Spiel, was sein Glück ausmacht: seine Familie, die mögliche Heilung seiner Tochter, die Liebe seiner Frau, die Freundschaft zu seinen Arbeitskumpels, seinen Job. Er zerstört, was er zu schützen glaubt, so könnte man das sehen. Und das gilt für Curtis LaForche wie für Amerika.

Zugleich aber versucht Curtis auch, sein inneres Chaos zu bändigen – durch Medikamente, durch einen Besuch bei der Mutter, durch die Hilfe von Ärzten und Psychologen. Durch den verzweifelten Versuch, Mitglied der Gemeinschaft zu bleiben. Beim Besuch eines Betriebsfestes – da hat er seinen Job schon verloren, weil er Gerätschaften seiner Firma für den Bau seines Luftschutzbunkers benutzt hat – kommt es zu einer Prügelei mit seinem früheren Freund und zum Bruch mit dieser Gemeinschaft: "Ihr glaubt, ich bin verrückt? Hört genau zu: Es wird ein Sturm kommen, wie noch nie einer gewesen ist, und niemand von euch ist darauf vorbereitet." Es ist das verzweifelte Pathos eines Propheten wider Willen. Hat Gott sich je Propheten ausgesucht, die sich um diese Aufgabe gerissen haben? Und hat es in amerikanischen Filmen je Katastrophen gegeben, vor denen nicht der eine oder andere Prophet gewarnt hätte?