Woran haben wir uns nicht schon alles gewöhnt in unserer kuscheligen Fernsehwelt? An Big Brother , wo Menschen in einen Wohncontainer gepfercht und über Wochen mit Kameras verfolgt werden. An Germany’s Next Topmodel, wo die Kandidatinnen zu austauschbaren Heidi-Hinterhertripplerinnen erzogen werden, deren Body geformt werden muss und möglichst viel Personality besitzen soll. An das Dschungelcamp, das mit Maden-, Gülle- und Spinnen-Challenges Ekelurlaub und Voyeursatisfaktion zugleich ist. Wir ergötzen uns allabendlich am inszenierten Sozialdarwinismus, weil wir wissen: Das alles ist ein riesengroßer Spaß.

Was aber, wenn man die Sache noch ein wenig zuspitzt? Dann wird der Sozialdarwinismus zum Darwinismus, und die Kontrahenten werden zu Todfeinden, die ums Überleben kämpfen. Zu lesen gibt es das in Suzanne Collins Bestseller-Fantasy-Trilogie Die Tribute von Panem. Und jetzt gibt es das auch auf der großen Leinwand zu sehen: Der erste Teil der Serie wurde von Hollywood verfilmt. Er heißt Die Tribute von Panem – The Hunger Games und ist eine ins Extreme gedrehte Melange aus Reality-TV und Super-Mario-Computerspielen mit Dauerbeobachtung, Kandidatenaussiebung und finalen Gegnern.

Wir sind in der nahen Zukunft, Nordamerika ist in Kriegen und Katastrophen untergegangen, aus seinen Trümmern entstand Panem, das neue Land, wo die Mächtigen das Volk unterjochen und perverse Spiele ausrichten: 24 Jugendliche werden ausgelost, um bei den Hunger Games in einer riesigen Naturarena gegeneinander anzutreten. Nur eine Regel gibt es: Ein Einziger von ihnen wird am Ende überleben. Den Todeskampf inszenieren die Herrscher im Sinne unseres Zeitgeistes, als Zerrbild einer überdimensionalen Fernsehshow: Rund um die Uhr begleiten Sonja-Zietlow- und Dirk-Bach-Klone die Vorbereitungen, sie schäkern mit den Auserwählten, analysieren ihre Gewinnchancen und sezieren alle Kämpfe und Morde in Superzeitlupen.

Die Tribute von Panem führen uns in Welten, die das Kino immer schon gern ausgelotet hat: Rollerball aus den Siebzigern war stilprägend für die Science-Fiction-Idee des mörderischen Spiels, mit dem die Mächtigen das Volk im Zaum halten, bis sich ein Individuum dagegen auflehnt. Die Grenzen des TV-Realitätswahns testete Ende der Neunziger die Truman Show von Peter Weir aus, in der der Versicherungsangestellte Truman Burbank ( Jim Carrey ) unwissentlich Hauptdarsteller einer Fernsehserie ist, die nur einen Gegenstand hat: sein Leben. Und in Battle Royal von Kinji Fukasaku (2000) geht es um den unerbittlichen Überlebenskampf von Jugendlichen: Eine japanische Schulklasse wird betäubt und hat elektronische Bänder um den Hals, als sie aufwacht. Der Lehrer erklärt seinen Schützlingen, dass sie keine Chance haben zu fliehen und gegeneinander kämpfen müssen. Nur einer von ihnen wird überleben.

Was ist das Neue bei den Tributen von Panem ? Sie spielen lose mit Querverweisen, mal springen sie in die Zeit der Gladiatoren, mal in die Popkultur: Die Herren, die über die Spiele wachen, tragen römische Vornamen; die Bilder der Toten, die jeden Abend in den Himmel projiziert werden, sind die Perversion von Heidi Klums Spruch "Heute habe ich leider kein Foto für dich". Und doch ist das alles kein intelligenter Weiterdreh, sondern nur ein Abklatsch – hier wird eine zeitdiagnostisch durchaus interessante Idee weich gespült. Der Film wagt keinen eigenen Blick, er kopiert die Bildsprache von Reality-TV-Shows. Die Kamera wackelt, sie fährt ganz nah ran an die Gesichter, und wenn es emotional wird, informiert uns Musik über die Tiefe der Gefühle. Die Tribute von Panem versuchen, einem Spektakel den Spiegel vorzuhalten, indem sie ein ebenbürtiges Spektakel inszenieren. Das muss schiefgehen.

Man wartet vergebens auf ästhetische Überraschungen, wie sie etwa Rollerball bot: Dessen Regisseur Norman Jewison lässt am Ende des Films, wenn das Publikum dem sich auflehnenden, überlebenden Helden zujubelt und noch niemand weiß, wie die Mächtigen des Reiches reagieren werden, das Bild einfrieren, und Bachs Toccata und Fuge in d-Moll bricht vollkommen die Stimmung.

Aber Gary Ross, der Regisseur von Die Tribute von Panem, klebt viel zu sehr am TV-Echtzeit-Realismus, als dass sich sein Film dem Unerwarteten öffnen könnte. Sein Werk hätte zynisch und brutal sein können wie Battle Royale, der mit seinen Gewaltexzessen und mit seiner Unbedingtheit die Psyche des Menschen in Extremsituationen austestet. Aber Die Tribute von Panem bleiben unentschlossen. Sie lassen das Skandalon des Jugendmordes zum hübschen Beiwerk verkommen.

Da durchbohrt eine Lanze den Körper eines jungen Mädchens, und nirgendwo spritzt Blut – denn mit mehr Blut hätten die Macher verhindert, dass der Film eine Freigabe für Jugendliche ab 12 bekommt.

Hier sehen Sie Ausschnitte aus dem zweiten Teil von Die Tribute von Panem - Catching Fire. Die Rezension zum dritten Teil Die Tribute von Panem - Mockingjay lesen Sie hier.