Heavy Metal : Gute, kleine, hässliche Rockfans

Heavy Metal ist heute die große konservative Kraft der Musikbranche. Seine Anhänger beharren auf den Insignien des Rock 'n' Roll. Moritz von Uslar gehörte auch mal dazu.
Fans auf einem Konzert der Band Destruction in Oakland © Jörg Brüggemann/Ostkreuz

Es war Mitte der achtziger Jahre – zu jener guten Zeit also, als der Heavy Metal der Plattenindustrie, die es damals auch noch gab, die höchsten Gewinne einbrachte und als zwei junge, harmlose Nichtsnutze, die ihre Kraft testen wollen, noch nicht wie Neonazis aussehen mussten, um einer Kleinstadt im Schwarzwald einen schönen Schrecken einzujagen. Wir waren im Kino gewesen, jetzt lungerten wir auf den Stufen der Sparkasse herum und warteten auf den Zug, der uns zurück ins Internat bringen würde – zwei Stunden Stumpfsinn in der Kleinstadt: klassische Heavy-Metal-Zeit.

Mein Kumpel, der mit seinem Streifenhemd so überhaupt nicht wie ein böser Junge aussah, er steckte sich die Kopfhörer seines Walkmans in die Ohren, und vor der Sparkasse fing er an, den Krach des Heavy-Metal-Klassikers Better Motörhead than Dead/Live at Hammersmith in die Kleinstadt hineinzubrüllen: »Killed by death...« Erst guckten ein paar Kleinstadtbürger; einer spendete sogar Geld; dann kam ein freundlicher Polizist. Wir entschuldigten uns, dann nahmen wir den Zug ins Internat. Es war ein klassisches Heavy-Metal-Erweckungserlebnis: Krach aus England fegt Langweile im Schwarzwald hinweg. Und, Entschuldigung, natürlich war dies auch einfach nur eine mickrige Pubertätsgeschichte.

Im Jahr 2012 ist die Heavy-Metal-Kultur vielleicht so groß wie nie, neben dem Hip-Hop und dem Techno besteht sie als dritte globale Weltmacht, irgendwo zwischen dem Heavy-Metal-Festival im schleswig-holsteinischen Wacken , skandinavischen Dorfdiscos, illegalen Spelunken im Iran und den Stadien von Brasilien , Indonesien und Ägypten . Wer diesen fortlaufenden Erfolg begreifen will, der muss den Krach, den der Heavy Metal produziert, verstehen: Es ist vielleicht nicht die intelligenteste und schönste Musik auf Erden. Aber es ist die Musik, die aus sehr schnellen, sehr harten Gitarrenklängen gemacht wird, und man hört diese Musik laut. So einfach. Wenn der Rock’n’Roll das Versprechen ist, dass Schnell, Hart und Laut glücklich macht, dann ist Heavy Metal das Glück des Schneller, Härter und Lauter. Kleine Jungs, denen es irgendwie komisch geht, wird es immer geben.

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Gut vierzig Jahre sind vergangen , seitdem die Band Steppenwolf die Worte »Heavy Metal« in dem Song Born to be Wild zum ersten Mal intonierte: Anfang der siebziger Jahre erschienen die Klassiker des Genres, Led Zeppelin, Iron Butterfly und Black Sabbath. Dreißig Jahre ist es her, dass Ozzy Osbourne , das Urvieh des Metal, bei einem Konzert in Des Moines, Iowa , einer Fledermaus den Kopf abbiss. Wahre Geschichte! Nach den vier Großen des Thrash Metal ( Metallica , Slayer , Anthrax, Megadeth ) waren es Metallicas 20-Millionen-Seller Enter Sandman und ihr Black Album (1991), die die über Jahrzehnte gepflegte Aura des Bösen, Hässlichen und Gefährlichen im Erfolg auflösten.

Das Fotomodel Kate Moss ließ sich in einem Motörhead-T-Shirt fotografieren, in den Stadien tauchten Fans auf, die, mit Seitenscheitel und randloser Brille, auch nicht anders als FDP-Politiker in deutschen Talkshows aussahen. Richtig, die Frau des letzten deutschen Bundespräsidenten trug eine Tätowierung auf dem Oberarm. Das Genre, das einst nichts so sehr fürchtete wie Hipness, Schönheit und Bürgerlichkeit, ist heute die große konservative Kraft der Musikindustrie, eine Kultur des Beharrens auf den ewigen Insignien des Rock’n’Roll: Bier saufen, Faust ballen, mit nacktem Oberkörper vor Lautsprechertürmen herumtaumeln. Ganz brutal. Und ein bisschen rührend. Neben den Fans des Schlagers sind Metal-Fans heute die Letzten, die ihre Musik noch lieber auf CD kaufen, als sie im Internet herunterzuladen.

Grauenhafte oder doch ganz großartige Zeiten für den Heavy Metal? Es ist heute jedenfalls nicht einfach, ein guter, kleiner, hässlicher Heavy-Metal-Fan zu sein – aber natürlich macht es immer noch Spaß. Man schaue nur in die Fußgängerzonen von deutschen Kleinstädten: Da sehen die jungen Leute, auf eine wahrlich heldenhafte und großartige Art, immer noch gut scheiße aus.

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