Aus welchem Land und welchem Jahr könnte ein solcher Lagebericht stammen: "Tausende von Menschen sind im Kriegsgebiet eingeschlossen, die Armee beschießt friedliche Demonstranten, Wohnviertel, Flüchtlingslager und Krankenhäuser, die Zahl der Toten geht in die Tausende, Zehntausende sind auf der Flucht, Hilfsorganisationen wird der Zugang verweigert."

Syrien 2012 ? Passt. Libyen 2011? Passt ebenfalls. Die Beschreibung trifft aber auch auf die aktuelle Situation im Sudan zu. Oder auf Sri Lanka im Jahr 2009.

In Libyen begann vor fast genau einem Jahr die erste Militärintervention, die vom UN-Sicherheitsrat mit ausdrücklichem Bezug auf das Prinzip der "Schutzverantwortung" auf den Weg gebracht wurde. Syrien ist derzeit Gegenstand permanenter internationaler Krisensitzungen . Mit Blick auf den Sudan, wo das Regime von Omar al-Baschir derzeit Dörfer im Bundesstaat Südkordofan bombardiert, hat sich George Clooney gerade medienwirksam vor der sudanesischen Botschaft in Washington festnehmen lassen. Im Fall Sri Lanka waren weder internationale Truppen noch Diplomaten oder Hollywoodstars zur Stelle, als bei einer brutalen Schlussoffensive des Militärs gegen tamilische Rebellen vermutlich mehrere Zehntausend Zivilisten getötet wurden.

Vier Länder, in denen die Herrschenden auf das eigene Volk losgegangen sind – vier völlig verschiedene internationale Reaktionsweisen: militärische Gewalt; Krisendiplomatie; Celebrity-Aktivismus; Tatenlosigkeit.

Wir befinden uns im Zeitalter der permanenten Einmischung. Sie erfolgt nicht mehr im Namen einer politischen Ideologie, sondern im Namen einer moralischen Ordnung, zur Verteidigung der Menschenrechte und zur Verhinderung schlimmster Gräueltaten. Die Ziele sind definiert. Die Kriterien des Intervenierens sind es nicht. Gibt es sie? Wer entscheidet, ob sie erfüllt sind?

Die Suche nach Antworten muss mit einem Knopfdruck beginnen: Fernseher ausschalten! Und YouTube wegklicken! Nur für kurze Zeit einmal die Augen vor der Bilderflut verschließen, egal, ob es sich um erschütternde Aufnahmen aus Homs, kitschige Kony 2012-Videos oder Clooney in Handschellen handelt. Die Überreizung durch alte und neue Medien erzeugt emotionale Da-muss-man-was-tun-Reflexe, die ebenso schnell in eine Der-Welt-ist-doch-nicht-zu-helfen-Abwehr umkippen können. Beides hilft wenig bei der Frage, ob und wann Einmischung und Eingreifen sinnvoll oder unumgänglich sind.

Es ist jetzt über elf Jahre her, seit ein Gremium mit dem sperrigen Namen International Commission on Intervention and State Sovereignty den Begriff der "Responsibility to Protect", der Schutzverantwortung, geprägt hat. Die Kommission, eine Initiative der kanadischen Regierung, sollte nach dem Versagen der Staatengemeinschaft beim Völkermord in Ruanda 1994 und in Srebrenica 1995 Wege aufzeigen, wie solche Gräueltaten in Zukunft notfalls durch militärisches Eingreifen verhindert werden könnten– ohne dass dabei die völkerrechtliche Säule der staatlichen Souveränität durch vermeintlich "humanitäre" Interventionen ausgehöhlt wird. Der Bericht der Kommission, veröffentlicht im Dezember 2001, wurde zunächst völlig vom "Krieg gegen den Terror" überschattet. Dass die USA dann 2003 den Irakkrieg als hybride Antiterrormission mit humanitärem Anspruch zu legitimieren versuchten, war alles andere als hilfreich. Dennoch entwickelte das Konzept der Schutzverantwortung eine erstaunliche Eigendynamik. 2005 einigten sich Staats-und Regierungschefs des UN-Gipfels in New York auf dieses Prinzip, im Englischen inzwischen auf das griffige Kürzel "R2P" umgetauft.