Pressefreiheit : "Wer schreibt, wird eingeschüchtert"

Der türkische Journalist Ahmet Şik saß wegen seiner Recherchen ein Jahr im Gefängnis. Ein Gespräch über die Haft

Ahmet Şik sitzt wieder in seinem Istanbuler Wohnzimmer, die Telefone auf dem Tisch vor sich ausgebreitet. Viele rufen an. Ein gutes Jahr saß der Journalist im Gefängnis wegen angeblicher "Unterstützung einer terroristischen Gruppe". Kurz nach der Verhaftung von Şik im März 2011 wurde das Manuskript seines Buches "Die Armee des Imams" beschlagnahmt. Darin beschreibt der 41-Jährige, wie die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen (siehe auch Chancen, S. 69) auf die türkischen Sicherheitsbehörden Einfluss nimmt. Şik ist wegen seiner Arbeit Prozesse gewohnt. Er schrieb über Putschpläne der Armee und über kriminelle Netzwerke im "tiefen Staat", wie die Verflechtung von Politik, Sicherheitskräften und Organisiertem Verbrechen genannt wird. Auch deshalb stand er vor Gericht. Recherchen wie diese führten zur Enthüllung der mutmaßlichen Untergrundorganisation Ergenekon.

DIE ZEIT: Herr Şik, Ihr Prozess geht weiter, aber Sie sind vorerst frei. Erleichtert?

Ahmet Şik: Nein, ich bin nicht erleichtert, weil noch so viele Journalisten im Gefängnis sitzen.

ZEIT: Ihr Buch über die Armee des Imams wurde konfisziert. Was wirft man Ihnen vor?

Şik: Dies ist ein politischer Prozess, befeuert von Rachegelüsten. Die Akten zeigen, dass es hier nicht um Terrorismus geht, wie behauptet, sondern um Politik. Niemand präsentiert Beweise, sondern nur Belege vom Hörensagen. Ich halte nicht die ganze Polizei für verantwortlich, sondern Teile von ihr. Ich glaube auch, dass nur einige Mitglieder der Gülen-Bewegung dahinterstecken.

ZEIT: Sie saßen im Hochsicherheitsgefängnis Silivri bei Istanbul ...

Şik: ... ein Bau aus Beton und Eisen. Alles so glatt und hart, es war, als würde mein Atem wie ein Echo von der Wand zurückgeworfen.

ZEIT: Wie hat man Sie dort behandelt?

Şik: Ein Jahr lang habe ich nur zwei Mitgefangene gesehen. Meine Frau durfte mittwochs kommen. Es war eine Art Isolationshaft, sie nannten das privilegierte Behandlung. Sie traktierten uns mit grotesken Vorschriften. Wir durften nur drei T-Shirts haben, aber dafür zwei Anzüge, als ob wir dauernd auf Hochzeiten gingen. Meine Baumwollsocken durfte ich nicht tragen, nur die Anstaltssocken aus Kunstfaser. Blaue Kugelschreiber waren erlaubt, rote verboten. Zugang zu Computern wurde strikt begrenzt – auf neun Stunden im Monat. Das Abendessen kam immer um 14 Uhr und wurde kalt bis zum Abend. Aufwärmen verboten. Sie brachten das Essen auf einem Wagen mit furchtbar lärmenden Rädern. Manchmal nachts. Ich schlug vor, die Räder auszuwechseln. Sie antworteten, das ginge nicht, weil man das dann in allen Gefängnissen machen müsste.

ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass Sie als einer, der vor Jahren die Umtriebe radikalsäkularer krimineller Netzwerke im Staat aufdeckte, zusammen mit diesen Kriminellen angeklagt sind?

Şik: Sie haben mich mit den Neonationalisten, Putschisten und Faschisten aus dem Ergenekon-Netzwerk eingesperrt, die ich verabscheue und gegen die ich kämpfe. Die Prozesse gegen diese Verschwörer sind völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Justiz verhaftet Leute aus dem tiefen Staat und jene, die darüber recherchieren. Das machen sie, um die Gesellschaft einzuschüchtern und Oppositionelle mundtot zu machen.

ZEIT: Warum sitzen in der Türkei über 100 Journalisten hinter Gittern ?

Şik: Es sind nicht nur Journalisten, die sitzen. Derzeit sind rund 600 Studenten im Gefängnis, weil sie Freiheit der Ausbildung und der Universitäten gefordert haben. Dorfbewohner werden verhaftet, wenn sie gegen Kraftwerke protestieren. Meinungsfreiheit war schon immer ein Problem in der Türkei.

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Traurig aber wahr

Die Beitrittsbeführworter leben in einem abgeschirmten Bereich. Sie haben jeden Kontakt zum Volk verloren. Sie leben in einem Umfeld wie unser Ex-Bundespräsident, einem Umfeld von Lobyyisten, was zählt ist Kohle. Können die Bewohner der
Urform der Europäischen Gemeinschaft über den Beitritt von Neumitgliedern mitbestimmen, wäre so mancher jetzige Mitgliedsstaat nicht dabei.

'was zählt ist Kohle.'

Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Persoenlichkeitsrechte, Religionsfreiheit: das alles wird mit Fuessen getreten, solange die Tuerkei unter Erdogan EU-Beitrittsverhandlungen fuehrt, waehrend alle dies Rechte grob und in grossem Ausmass verletzt werden.

Am Ende koennte aber tatsaechlich ein Kompromiss stehen, denn falls es Herrn Erdogan tatsaechlich gelingt, Zypern, Syrien, den Libanon und Israel beim Wettlauf um die Erschliessung gigantischer Erdgasreserven im oestlichen Mittelmeer zu schlagen, dann wird ganz Europa am neuen Wohlstand der Tuerkei teilhaben wollen - und Herr Erdogan wird als Volksheld in die tuerkische Geschichte eingehen, trotz allem.

Türkeibild

Ist dies die Türkei, die uns als Paradebeispiel einer funktionierenden Demokratie im islamischen Raum immer wieder vorgestellt wird ?
Da scheint es doch angebracht, an den Aussagen einiger Foristen wie Freund of Turkey zu zweifeln.
Nein, danke, Freiheit und Demokratie sehen doch anders aus.

Wie kann man bei der Situation dem MP T. ERDOGAN

den Steigerpreis für Toleranz und Menschenrecht in der Türkei am letzten Sonntag in Bochum verleihen wollen??

Wer war denn da die Jury??
Die türk. Staatsanwaltschaft oder die DITIB ??

Also egal, 60% der Türken wollen Erdogan und seine AKP und diese Türken wollen nicht mehr in die EU.

Schöne Aussichten!