Daniel Barenboim"Das kann man nur menschlich lösen"

Daniel Barenboim, der große Dirigent und Chef der Berliner Staatsoper, über nationale Orchesterstile, die Überwindung kultureller Grenzen in der Musik und über den politisch unlösbaren israelisch-palästinensischen Konflikt. von  und Christine Lemke-Matwey

Daniel Barenboim: Sie wollen mich bestimmt fragen, ob Israel den Iran angreifen wird ? Kein Mensch stellt sonst diese Frage! (lacht)

DIE ZEIT: Nein, Herr Barenboim , wie kommen Sie darauf? Wir wollen mit Ihnen über Musik sprechen.

Barenboim: Dann muss ich mir erst eine Zigarre anzünden. Ich darf doch rauchen? ( Er sitzt in einem schwarzen Ohrensessel in seinem Büro im Berliner Schillertheater. Er schneidet eine Zigarre ab und greift zu einem Gasfeuerzeug, das aussieht wie ein Damenrevolver. Er hantiert geschickt)

ZEIT: Herr Barenboim, Deutschland diskutiert in schöner Regelmäßigkeit über eine Frauenquote: in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien. Hat Ihr Haus, die Berliner Staatsoper , eine Frauenquote?

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Barenboim: Wenn man in der Musik eine Quote einführen wollte, dann fiele diese bestimmt nicht zugunsten der Frauen aus. In den meisten Orchestern sitzen heute mehr Frauen als Männer. Wenn überhaupt, dann müsste man eine Männerquote einführen, wir brauchen in Zukunft wieder mehr junge Männer, die so gut ausgebildet sind und so fleißig und ehrgeizig wie viele gleichaltrige Frauen. Schauen Sie sich das Concertgebouw-Orchester an, da haben Sie fast nur Frauen! In Amerika kündigt sich bereits der nächste Trend an: Es sind vor allem Asiatinnen, die sich durchsetzen. An den großen Hochschulen, an der Juilliard School in New York oder am Curtis Institute in Philadelphia, wird das Bild fast vollständig von jungen Koreanerinnen, Chinesinnen und Japanerinnen beherrscht – und von ihren Eltern. Das ist wie früher bei den Juden: Die Eltern sitzen überall dabei, in der Probe, in der Unterrichtsstunde, beim Vorspiel, überall.

Daniel Barenboim

wurde 1942 in Buenos Aires geboren, begann als Pianist seine Karriere und ist inzwischen als Dirigent weltberühmt. Seit 1992 ist er Chef der Berliner Staatsoper, seit 2011 musikalischer Direktor der Mailänder Scala. 1999 gründete er zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Edward Said das West-Eastern Divan Orchestra, das für die israelisch-palästinensische Verständigung wirbt. Vom 30. März an wird er im Rahmen der Festtage der Staatsoper an neun von zehn Tagen dirigieren, unter anderem Andrea Breths Neuinszenierung von Alban Bergs Oper Lulu (Näheres unter: www.staatsoper-berlin.de)

ZEIT: Was heißt das für die Musik, für die Orchesterkultur, den Klang?

Barenboim: Ich will Sie nicht mit meiner Biografie langweilen, ganz kurz nur: Als junger Mensch bin ich in Tel Aviv aufgewachsen, mit dem Klang des Israel Philharmonic Orchestra , das war vom Charakter her ein mitteleuropäisches Orchester, zusammengesetzt aus den Emigranten der dreißiger Jahre. Dann ging ich nach London, die Engländer waren sehr schnell, sehr effizient, aber klanglich nicht so spezifisch. Anfang der siebziger Jahre wechselte ich nach Paris , da hatten die Musiker zum großen Teil noch alte französische Instrumente, man spielte basson, nicht das deutsche Fagott, und das ist ein Unterschied! In Paris habe ich gelernt, was das Phänomen Klang für die Musik bedeutet. Dann war ich in Chicago , beim sicher europäischsten aller amerikanischen Orchester neben dem Cleveland Orchestra, und danach, 1992, kam ich nach Berlin – und habe bei der Staatskapelle den Klang meiner Kindheit wiedergefunden. Zwölf Jahre Nazi-Diktatur und 40 Jahre DDR haben fremde Einflüsse ausgeschlossen: Dieses Orchester klang, wie es 1930 geklungen haben muss! Und das versuche ich bis heute zu bewahren. Wenn Sie so wollen, dann bin ich ein überzeugter kultureller Nationalist.

ZEIT: Demnach wird ein Orchester der Zukunft, in dem mehrheitlich junge Asiatinnen spielen, irgendwie weiblich und asiatisch klingen?

Barenboim: Falsch! Die Globalisierung in der Musik – und deswegen erzähle ich das alles – gibt uns die Möglichkeit und die Aufgabe, zu differenzieren. Dass heute fast alle überall studieren, spielen und dirigieren können, darf nicht heißen, dass alles gleich klingt, im Gegenteil. Als kultureller Nationalist sage ich vielmehr: Es gibt einen deutschen Klang für Beethoven und Wagner, und es gibt einen tschechischen Klang für Dvořák und Smetana. Und das ist nichts Dumpfes oder Böses, sondern das kann man analysieren und beschreiben. Im italienischen oder spanischen Repertoire, so hat es mir der Dirigent Rafael Kubelík einmal erklärt, rufen die Trompeten zum Tod – in der tschechischen Musik rufen sie zum Tanz. Diese Unterschiede kann man lernen. Problematisch, faschistisch wird es erst, wenn man sagt, die tschechische Trompete darf nur von tschechischen Trompetern gespielt werden, und Beethovens Neunte klingt nur richtig "deutsch", wenn ein deutscher Dirigent am Pult steht.

ZEIT: Aber heute traut man sich doch kaum noch, von deutschen Dirigenten zu sprechen, die deutsche Musik dirigieren...

Barenboim: Sehen Sie, und das ist der nächste Fehler. Die Deutschen haben sich durch ihre ehrliche Vergangenheitsbewältigung viel zu sehr in die entgegengesetzte Richtung drängen lassen. Was für ein Land typisch ist, was seine Eigenart ausmacht, stellt doch keinen Wert oder Unwert dar! Die Sprache eines Landes ist nicht moralisch! Die Franzosen sprechen alle ein bisschen mit spitzen Mündchen, ütütütütü, und so klingt auch ihre Musik. Die Deutschen haben schwere Konsonanten, "Schwert" zum Beispiel, was spürt man da für einen Widerstand – wie wollen Sie das jemals mit "épée" vergleichen? Es gibt Menschen, die beherrschen fremde Sprachen akzentfrei, ich gehöre leider nicht dazu. Aber genau das müssen wir lernen. Der deutscheste aller deutschen Pianisten ist für mich bis heute Claudio Arrau. Er kam aus Chile.

Leserkommentare
  1. 1. Tabu?

    "Über das Leid der Palästinenser zu sprechen gilt in Israel immer noch als Tabu."

    Liebe Zeit, vielleicht koennten Sie mal dieses Zitat von Herrn Lau auf seine Gueltigkeit ueberpruefen. Ich schlage folgende Referenzen vor: Haaretz (Artikel von Gideon Levy), diverse Publikationen von Herrn Avnery, der Organisation Betselem oder Peace Now.

    Mich wuerde interessieren, ob dieses Zitat dann noch seine Gueltigkeit ihrer Ansicht nach behaelt.

    Ich jedenfalls meine, das ist genau die Art von Simplifizierung der Mannigfaltigkeit israelischer Standpunkte, die das Land hierzulande immer als derart extrem aussehen laesst.

    Etwas mehr Differenzierung waere wuenschenswert.

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    Selbstverständlich ist es ein Tabu.

    Das allerdings von einigen, wenigen hinundwieder
    gebrochen wird.

    Den Preis, der für diesen Mut gezahlt wird, ist
    hoch.

    Er besteht in Beschimpfungen, Drohungen,
    gesellschaftlicher Ausgrenzung.

  2. Selbstverständlich ist es ein Tabu.

    Das allerdings von einigen, wenigen hinundwieder
    gebrochen wird.

    Den Preis, der für diesen Mut gezahlt wird, ist
    hoch.

    Er besteht in Beschimpfungen, Drohungen,
    gesellschaftlicher Ausgrenzung.

    Antwort auf "Tabu?"
  3. Entfernt. Bitte verfassen Sie sachlich argumentierte Diskussionsbeiträge. Danke, die Redaktion/lv

  4. "Es gibt keine Erziehung für die Menschen, die in 20 oder 30 Jahren unser Publikum sein sollen. Wenn uns die Musik wirklich wichtig ist, dann müssen wir jetzt ganz drastisch denken und sie zur Pflicht erklären. Ganz selbstverständlich und für jeden. Das ist keine Frage des Geldes oder der Subventionen, sondern eine des politischen Willens"

    Ich möchte ergänzen, daß dies derzeit immer noch eine Frage des elterlichen Einkommens und Förderungsbereitschaft der musisch-ästhetischen Bildung und Begabung hierzulande ist.
    Wir haben das, obwohl nicht dem oberen Zehntel der Gesellschaft zugehörig, ganz drastisch gesehen und die musikalische Grundbildung unseres Sohnes zu unserer elterlichen Pflicht und unserem Willen erklärt.

    Er spielt nun seit einigen Jahren drei Instrumente, ist Teil eines Ensembles und Orchesters und besitzt eine außergewöhnliche Stimme, die gelegentlich in einer Oper in der Kinder auftreten auch solistisch zu vernehmen ist.

    Er würde wohl gern weiterkommen und sicher gern einmal die Festspiele besuchen - allein uns fehlen die Mittel für sein Talent und seine Musikbegeisterung.

    Eine Karte kostet 260 €. Da gibt es für ihn keine Ermäßigung. Mit Eltern folglich schlanke 780€ + Fahrtkosten.
    Ein Abend für ca. 1000€

    Es wäre sicher ein wunderbares Erlebnis. Aber wir müssten dann Abstriche an seiner Ausbildung machen.
    Warum nicht einen Festspielabend für den weniger begüterten, deswegen aber nicht minder begabten Nachwuchs zu bezahlbaren Preisen Herr Barenboim?

    I.

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    ich nur zustimmen. Es IST ein Frage des Geldes...leider. Und das vor allem in Bezug auf Konzertbesuche. Jetzt mal allgemein betrachtet, nicht nur Konzerte von Herrn Barenboim:
    Natürlich gibt es auch kleinere Theater mit "kleineren" Preisen. Konzerte von hoher Qualität sind leider nicht mehr erschwinglich. Wenn ich mir aber mal die Osterfestspiele in Baden-Baden anschaue: Zauberflöte für 93 bis 310 Euro pro Person! Wer soll da noch hingehen? Da ist der Kulturinfarkt doch wirklich vorprogrammiert. Kein Wunder, wenn das mal zu leeren Theatern führt. Schade eigentlich...

    Als Musiker finde ich die Preisbildung auch zum Teil schwierig. Den am Ende stellen hohe Preise immer den Subventionsbedarf in Frage. Ich denke es gibt in Berlin gerade für junge Konzertbesucher sehr viele Möglichkeiten sehr günstig (um 10€) Konzerte auf internationalem top niveau zu erleben. Der Staatsoper u.a. dienen hohe Preise aber auch dazu, der Politik zu beweisen wie annerkannt ihre Tätigkeit international ist. Für HartzIV, Jugend etc. wird gesorgt, aber für viele Arbeitnehmer ist ein Konzert/Opernbesuch schon ein Luxus. Allerdings möchte ich das doch etwas gerade rücken. Die Zauberflöte kann man in Berlin für 22€ pro Person und deutlich weniger für Kinder/Jugendliche bis 27 besuchen. Da hört man fantastische Sänger und Orchester. Es muss nicht immer Baden-Baden sein... Aber etwas mehr als Kino darf Opern dann doch kosten oder?

  5. Großartiges Interview. Ich denke auch, daß die politisch korrekte Gleichmacherei im Grunde die Möglichkeit zur Verständigung, die ja immer ein Anerkennen eines Anderen, Fremden beeinhaltet, in gewisser Weise behindert. Das betrifft nicht nur Einzelne, sondern auch die Verständigung verschiedener Kulturen und Länder. Damit nähert man sich natürlich nationalkonservativen Positionen, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts geflegt wurden, begibt sich also auf gefährliches Terrain. Doch gerade in diesem geradezu dialektisch zu nennenden Paradoxon könnte die Lösung liegen.

  6. ich nur zustimmen. Es IST ein Frage des Geldes...leider. Und das vor allem in Bezug auf Konzertbesuche. Jetzt mal allgemein betrachtet, nicht nur Konzerte von Herrn Barenboim:
    Natürlich gibt es auch kleinere Theater mit "kleineren" Preisen. Konzerte von hoher Qualität sind leider nicht mehr erschwinglich. Wenn ich mir aber mal die Osterfestspiele in Baden-Baden anschaue: Zauberflöte für 93 bis 310 Euro pro Person! Wer soll da noch hingehen? Da ist der Kulturinfarkt doch wirklich vorprogrammiert. Kein Wunder, wenn das mal zu leeren Theatern führt. Schade eigentlich...

    Antwort auf "Lieber Herr Barenboim"
    • dacapo
    • 30. März 2012 22:17 Uhr

    ......Barenboim? Dass er die Preispolitik von Kultur übernimmt. Er ist doch Musiker. Und als Musiker hat er darauf hingewiesen, dass in der Schule Musik genau solch ein Unterricht sein sollte wie z.B. Mathematik, Sport und vielleicht erst recht wie Religion. Er hat nicht mehr und nicht weniger diesbezüglich gesagt. Stadionbesuche wären auch auf die Dauer nicht billiger (bezogen auf Sport), aber was soll das?

    Nur ein Musiker kann so realistisch und akzentuiert über dieses Israel-/Palästina-Problem reden. Das macht eben auch Musik aus. Nicht umsonst sind Musiker kosmopolitisch und logisch denkende Menschen.

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    Zitat von Barenboim aus dem Text: "Trotzdem werden unsere Preise nach wie vor akzeptiert, und für ein Festival, für diese zehn Tage vor Ostern, finde ich das auch in Ordnung."

    Ich verstehe schon, was er sagen will, aber mir ist nicht ganz klar, wie man fordern kann:
    Kultur/Musik für Jeden, und dann gleichzeitig die Preise von Festivals für in Ordnung halten. Das geht bei mir nicht zusammen. Da kann mir keiner sagen, es wäre keine Frage des Geldes. Musikunterricht ist IMMER Frage des Geldes, sonst gäbe es in der Schule nicht nur eine Stunde die Woche Musikunterricht oder noch weniger! Konzerte sind Fragen des Geldes, weil man es sich leisten können muss, Instrumente lernen sind Fragen des Geldes, weil man es sich ebenfalls leisten können muss etc.
    Da kann Musik hundertmal eine Botschaft vermitteln, wenn es sich nur wenige leisten können, sie auch zu hören.

  7. Zitat von Barenboim aus dem Text: "Trotzdem werden unsere Preise nach wie vor akzeptiert, und für ein Festival, für diese zehn Tage vor Ostern, finde ich das auch in Ordnung."

    Ich verstehe schon, was er sagen will, aber mir ist nicht ganz klar, wie man fordern kann:
    Kultur/Musik für Jeden, und dann gleichzeitig die Preise von Festivals für in Ordnung halten. Das geht bei mir nicht zusammen. Da kann mir keiner sagen, es wäre keine Frage des Geldes. Musikunterricht ist IMMER Frage des Geldes, sonst gäbe es in der Schule nicht nur eine Stunde die Woche Musikunterricht oder noch weniger! Konzerte sind Fragen des Geldes, weil man es sich leisten können muss, Instrumente lernen sind Fragen des Geldes, weil man es sich ebenfalls leisten können muss etc.
    Da kann Musik hundertmal eine Botschaft vermitteln, wenn es sich nur wenige leisten können, sie auch zu hören.

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  • Schlagworte Daniel Barenboim | Anna Netrebko | Israel | Musik | Andrea Breth | DDR
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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