Daniel Barenboim: Sie wollen mich bestimmt fragen, ob Israel den Iran angreifen wird ? Kein Mensch stellt sonst diese Frage! (lacht)

DIE ZEIT: Nein, Herr Barenboim , wie kommen Sie darauf? Wir wollen mit Ihnen über Musik sprechen.

Barenboim: Dann muss ich mir erst eine Zigarre anzünden. Ich darf doch rauchen? ( Er sitzt in einem schwarzen Ohrensessel in seinem Büro im Berliner Schillertheater. Er schneidet eine Zigarre ab und greift zu einem Gasfeuerzeug, das aussieht wie ein Damenrevolver. Er hantiert geschickt)

ZEIT: Herr Barenboim, Deutschland diskutiert in schöner Regelmäßigkeit über eine Frauenquote: in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien. Hat Ihr Haus, die Berliner Staatsoper , eine Frauenquote?

Barenboim: Wenn man in der Musik eine Quote einführen wollte, dann fiele diese bestimmt nicht zugunsten der Frauen aus. In den meisten Orchestern sitzen heute mehr Frauen als Männer. Wenn überhaupt, dann müsste man eine Männerquote einführen, wir brauchen in Zukunft wieder mehr junge Männer, die so gut ausgebildet sind und so fleißig und ehrgeizig wie viele gleichaltrige Frauen. Schauen Sie sich das Concertgebouw-Orchester an, da haben Sie fast nur Frauen! In Amerika kündigt sich bereits der nächste Trend an: Es sind vor allem Asiatinnen, die sich durchsetzen. An den großen Hochschulen, an der Juilliard School in New York oder am Curtis Institute in Philadelphia, wird das Bild fast vollständig von jungen Koreanerinnen, Chinesinnen und Japanerinnen beherrscht – und von ihren Eltern. Das ist wie früher bei den Juden: Die Eltern sitzen überall dabei, in der Probe, in der Unterrichtsstunde, beim Vorspiel, überall.

ZEIT: Was heißt das für die Musik, für die Orchesterkultur, den Klang?

Barenboim: Ich will Sie nicht mit meiner Biografie langweilen, ganz kurz nur: Als junger Mensch bin ich in Tel Aviv aufgewachsen, mit dem Klang des Israel Philharmonic Orchestra , das war vom Charakter her ein mitteleuropäisches Orchester, zusammengesetzt aus den Emigranten der dreißiger Jahre. Dann ging ich nach London, die Engländer waren sehr schnell, sehr effizient, aber klanglich nicht so spezifisch. Anfang der siebziger Jahre wechselte ich nach Paris , da hatten die Musiker zum großen Teil noch alte französische Instrumente, man spielte basson, nicht das deutsche Fagott, und das ist ein Unterschied! In Paris habe ich gelernt, was das Phänomen Klang für die Musik bedeutet. Dann war ich in Chicago , beim sicher europäischsten aller amerikanischen Orchester neben dem Cleveland Orchestra, und danach, 1992, kam ich nach Berlin – und habe bei der Staatskapelle den Klang meiner Kindheit wiedergefunden. Zwölf Jahre Nazi-Diktatur und 40 Jahre DDR haben fremde Einflüsse ausgeschlossen: Dieses Orchester klang, wie es 1930 geklungen haben muss! Und das versuche ich bis heute zu bewahren. Wenn Sie so wollen, dann bin ich ein überzeugter kultureller Nationalist.

ZEIT: Demnach wird ein Orchester der Zukunft, in dem mehrheitlich junge Asiatinnen spielen, irgendwie weiblich und asiatisch klingen?

Barenboim: Falsch! Die Globalisierung in der Musik – und deswegen erzähle ich das alles – gibt uns die Möglichkeit und die Aufgabe, zu differenzieren. Dass heute fast alle überall studieren, spielen und dirigieren können, darf nicht heißen, dass alles gleich klingt, im Gegenteil. Als kultureller Nationalist sage ich vielmehr: Es gibt einen deutschen Klang für Beethoven und Wagner, und es gibt einen tschechischen Klang für Dvořák und Smetana. Und das ist nichts Dumpfes oder Böses, sondern das kann man analysieren und beschreiben. Im italienischen oder spanischen Repertoire, so hat es mir der Dirigent Rafael Kubelík einmal erklärt, rufen die Trompeten zum Tod – in der tschechischen Musik rufen sie zum Tanz. Diese Unterschiede kann man lernen. Problematisch, faschistisch wird es erst, wenn man sagt, die tschechische Trompete darf nur von tschechischen Trompetern gespielt werden, und Beethovens Neunte klingt nur richtig "deutsch", wenn ein deutscher Dirigent am Pult steht.

ZEIT: Aber heute traut man sich doch kaum noch, von deutschen Dirigenten zu sprechen, die deutsche Musik dirigieren...

Barenboim: Sehen Sie, und das ist der nächste Fehler. Die Deutschen haben sich durch ihre ehrliche Vergangenheitsbewältigung viel zu sehr in die entgegengesetzte Richtung drängen lassen. Was für ein Land typisch ist, was seine Eigenart ausmacht, stellt doch keinen Wert oder Unwert dar! Die Sprache eines Landes ist nicht moralisch! Die Franzosen sprechen alle ein bisschen mit spitzen Mündchen, ütütütütü, und so klingt auch ihre Musik. Die Deutschen haben schwere Konsonanten, "Schwert" zum Beispiel, was spürt man da für einen Widerstand – wie wollen Sie das jemals mit "épée" vergleichen? Es gibt Menschen, die beherrschen fremde Sprachen akzentfrei, ich gehöre leider nicht dazu. Aber genau das müssen wir lernen. Der deutscheste aller deutschen Pianisten ist für mich bis heute Claudio Arrau. Er kam aus Chile.