Es ist ein seltsames Erwachen im Palazzo Margherita, die Träume vergehen hier nicht mit dem Schlaf. Der erste Blick fliegt hoch zur Zimmerdecke, zu einem nackten, innig verschlungenen Paar. Man ist also nicht der Papst, der schläft nicht unter solchen Gemälden, meldet sich der Verstand. Aber wer ist man dann, erwachend in einem Raum, groß wie ein Tanzsaal, die Decke vier Meter hoch, der Boden mit antiken Steinfliesen ausgelegt, die Wände bemalt? Eine Marchesa? Der Kaufmann von Venedig ? Der Pate?

Der Palazzo Margherita im äußersten Süden Italiens ist eine Illusion, erschaffen von einem genialen Regisseur. Eine Inszenierung von altem Reichtum – mitten in der Stadt, aus der Francis Ford Coppolas Vorfahren stammen, die ganz und gar nicht reich waren. Coppola kaufte das Haus 2005. Die Adelsfamilie, die es Ende des 19. Jahrhunderts hatte errichten lassen und mehrere Generationen lang bewohnte, war verarmt, nach Genua gezogen und nutzte nur noch ein Zimmer des heruntergekommenen Gebäudes, wenn sie die Sommerferien dort verbrachte. Coppola ließ es sanieren und von dem Pariser Innenarchitekten Jacques Grange in ein Hotel mit neun Suiten verwandeln.

»Ein Hotel ist wie eine Show, und die Gäste sind das Publikum«, antwortet Coppola auf eine der Fragen, die wir ihm geschickt haben. »Und wie für jede Show brauchst du eine große Idee und dann extreme Aufmerksamkeit fürs Detail. Über die Details nimmt das Publikum die Idee wahr.« Was das bedeutet, haben die Mitarbeiter des Palazzos gemerkt, als Coppola vor ein paar Wochen vorbeikam, um sein Werk vor der Eröffnung im März noch einmal in Augenschein zu nehmen.

Eines Abends saß der Regisseur am großen Küchentisch des Hauses, Filomena, eine Köchin aus dem Ort, von ihm selbst ausgewählt, bereitete das Essen zu. Vor Coppola stand ein Korb mit Brotscheiben. Als er das sah, schüttelte er den Kopf. Filomena solle den Laib und ein Messer auf ein Brett legen, dann könnten sich die Gäste selbst etwas abschneiden. Das Detail: das Brot. Die große Idee: Im Palazzo Margherita soll man nicht das Gefühl haben, in einem Hotel zu sein, sondern zu Besuch bei einer italienischen Familie.

Wenn man auf einen der Balkons tritt, die auf die Hauptstraße und den angrenzenden Rathausplatz gehen, ist man sofort in einem ganz anderen Film, in einem Dokumentarfilm, der die opulente Inszenierung Coppolas wunderbar bricht: Man möchte nur noch schauen, wie so ein normales italienisches Kleinstadtleben geht, das ganz und gar nicht inszeniert ist, zumindest nicht für Touristen aus dem Ausland, die gibt es hier nämlich so gut wie nicht. Die Basilikata ist eine Region, in der fast nur Einheimische Urlaub machen. Das Volk flaniert, es sitzt vor dem Kiosk gegenüber, hebt Geld ab in der Banco di Napoli oder knattert in kleinen Autos vorbei.

Man schaut also, und plötzlich holt einen Coppola wieder ein, man sieht, wie ein Auto direkt gegenüber hält, und halluziniert: Zwei Männer springen heraus, Maschinenpistolen im Anschlag, und während man noch denkt: »Auf den Boden!«, mähen sie einen schon nieder. Langsam breiten sich auf dem dicken weißen Hotelbademantel Blutflecken aus. So etwas kann passieren, wenn man zu oft Der Pate geschaut hat, den Film, mit dem Coppola 1972 berühmt geworden ist. Der Pate, den einige für einen Werbespot für die Mafia halten, weil er von Verbrechern wie von Helden erzählt und den grausamen Gesetzen der Familie eine tiefere, jahrhundertealte Notwendigkeit gibt, der die Einwanderer aus dem armen Süden Italiens mit der Emigration nach Amerika nicht entrinnen konnten.

Natürlich hat dieser Film Coppola auch in Italien zur Legende gemacht, vor allem in Bernalda, dem Geburtsort seines Großvaters. Von nun an reklamierte man ihn als Sohn der Stadt.

Schon 1962, zehn Jahre zuvor, hatte der damals 23-Jährige Bernalda besucht. Er war bei Dreharbeiten in Jugoslawien und nahm danach kurzerhand das Schiff über die Adria. In Bernalda besuchte er die Cousine seines Großvaters. Er sei mit großer Wärme empfangen worden, schreibt er uns. Seitdem ist Coppola immer wieder nach Bernalda zurückgekehrt, in diesen Ort ohne Sehenswürdigkeiten, ohne beeindruckende Bauwerke, inmitten einer für italienische Verhältnisse eher unspektakulären Landschaft.