Fernsehen und RealitätDer Fall "Tatort"

Jeden Sonntagabend läuft in der ARD ein Krimi, der ein Stück deutsche Polizei-Wirklichkeit zeigen soll. Tut er das tatsächlich? Unsere Kriminalreporterin ermittelt.

Den Rennenden kennen viele Zuschauer seit Jahren aus dem Vorspann der Krimireihe.

Den Rennenden kennen viele Zuschauer seit Jahren aus dem Vorspann der Krimireihe.

Es war ein Experiment. Zwei Monate lang, den Januar und Februar hindurch, habe ich mir an jedem Sonntagabend um 20.15 Uhr den Krimi im Ersten Programm angesehen. Achtmal wurde der Tatort gezeigt, einmal der Polizeiruf. Das ZEITmagazin hatte mich als Gerichts- und Kriminalreporterin auf diesen Marathon durch die Welt ausgedachter Verbrechen geschickt.

Eigentlich gehen mir Kriminalromane und Kriminalfilme auf die Nerven. Wer beruflich ständig mit Polizei und Strafjustiz zu tun hat, bei dem kommt angesichts der Fantasieleistungen von Schriftstellern und Drehbuchautoren nur selten Spannung auf. Der Plot erscheint ihm oft naiv, angestrengt und psychologisch überladen. Oder er errät schon nach zehn Minuten, wer der Mörder ist. Aber es gibt Ausnahmen, doch davon später.

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Die Anfrage aus dem ZEITmagazin lautete: Wie wirklichkeitsgetreu verrichten die Beamten im Tatort ihre Arbeit? Sind die öffentlich-rechtlichen Polizisten im Film glaubwürdige Figuren? Tun sie ihre Pflicht? Wie halten sie es mit Recht und Gerechtigkeit?

Sind wir jetzt Spielverderber? Natürlich darf man zweifeln, ob es erlaubt ist, einen Kriminalfilm, also ein Stück Fernsehfiktion, an der Realität zu messen. Aber warum eigentlich nicht? Gerade der Tatort will doch vom deutschen Alltag inspiriert sein. In den Medien wird er als »Seismograf deutscher Befindlichkeit« gefeiert. Er erhebt den Anspruch, wichtige soziale und politische Themen aufzugreifen, die Zuschauer an die Brennpunkte der Republik zu führen und sie mit den Mitteln des Spielfilms zum Nachdenken zu bewegen. Über Land, Leben und Gesellschaft. Warum sollen sie dann nicht über die Polizei nachdenken dürfen?

Aus der deutschen Wirklichkeit wühlt der Tatort Schwerwiegendes hervor: Es geht um Terrorismusbekämpfung, um illegale Einwanderer, um Kindesvernachlässigung, um die Gräben zwischen Reich und Arm. Auch in den Wochen meiner TV-Expedition beschäftigten sich die Kommissare bei ihren Mordermittlungen immer wieder mit brisanten und aktuellen Angelegenheiten: Der Tatort vom 29. Januar etwa handelte – mitten im Trubel um den Bundespräsidenten Christian Wulff – von der Verführbarkeit und Bestechlichkeit von Staatsdienern.

Auch die Verankerung der Tatort-Protagonisten in 16 real existierenden Städten ist ein Bekenntnis der TV-Reihe zum Hier und Jetzt. Die regionale Verwurzelung ist ein Markenzeichen, die Kommissare ermitteln allein oder paarweise und für den Zuschauer erkennbar in Konstanz und Kiel, in Köln und Leipzig. Es wird bayerisch gesprochen, berlinert und geschwäbelt. Die Zuschauer sollen glauben, was sie sehen. Die Ermittler werden vom Publikum geliebt, sie geben ein Vorbild ab, sie halten gesellschaftliche Werte hoch. Der halbamtliche Charakter der ARD geht mit der Suggestion einher, alles sei irgendwie authentisch. Deshalb ist die Frage, ob die Tatort-Kommissare vor Millionen Fernsehzuschauern auch wie Polizeiprofis agieren, durchaus legitim.

Gleich der erste Tatort am 1. Januar (Tödliche Häppchen) ist in dieser Hinsicht ein Reinfall. Hauptkommissarin Lena Odenthal aus Ludwigshafen – dargestellt von Ulrike Folkerts – ermittelt im Fall einer toten Frau, die in einer Großküche mit angeschlossener Schlachterei angestellt war und nun mit Genickbruch unter einer Brücke liegt. Die Tote, so erfährt der Zuschauer, war eine alleinerziehende Weltverbesserin, die bei ihrem Arbeitgeber Tierquälerei und illegale Machenschaften aufgedeckt hatte und entsprechendes Filmmaterial im Internet verbreiten wollte. So weit, so tapfer.

Im Laufe des Abends entpuppt sich der Kriminalfilm allerdings als vegetarisch-feministisch-ökologisches Gesinnungsstück, in dem ihr Engagement die Beamten in den offenen Gesetzesbruch treibt. Weil Lena Odenthal mit ihren Ermittlungen in der Sackgasse steckt und, wie sie bekennt, »legal zumindest« nicht weiterkommt, steigt sie nachts in die Großküche ein. Auf krummem Weg will sie sich im Dienst der vermeintlich guten Sache Beweise beschaffen: »Wenn man uns hier erwischt, sind wir unsere Marke los.«

Frau Odenthal ist der Kerl in diesem Tatort, kraftvoll und verschwitzt sprintet sie durch den Film, während ihr Partner Kopper einen Männertypus nach dem Wunschdesign einer Emanze verkörpern muss. Einfältig und schlaff kommt er daher, und während des nächtlichen Einbruchs seiner Kollegin wird er auch noch von einem Unbekannten niedergeschlagen, obwohl er doch bloß Schmiere steht. Bei anderer Gelegenheit lässt er sich von Frau Odenthal bei einem Tanzkurs abgeben wie ein Kind im Kindergarten. Und natürlich wehrt er sich nicht, als er von seiner Chefin auch noch zum Verzehr von Salatburgern und Tofuwürsten genötigt wird.

Doch bevor sich der Zuschauer bei Günther Jauch von so viel Political Correctness erholen darf, gipfelt der Tatort in einem Polizeiverhör, dessen Unzulässigkeit nicht zu überbieten ist. Es beginnt damit, dass Odenthal und Kopper eine junge blonde Joggerin namens Elke Schmitz im Wald abfangen. Sie ist ebenfalls in der Großküche angestellt und war mit der ermordeten Steffi Pietsch befreundet. Die Ermittler wissen auch, dass Frau Schmitz mit ihrem Chef, dem Eigentümer der Großküche, schläft, und verdächtigen sie, irgendwas mit Pietschs Tod zu tun zu haben. Sie wissen bloß nicht, was. »Frau Schmitz«, Kommissarin Odenthal verstellt der Joggerin den Weg, »die Indizienlage sieht so aus, dass aller Voraussicht nach gegen Sie Anklage erhoben wird. Jetzt geht es darum, wie Ihr Strafmaß ausfallen wird. Das hängt ganz von Ihnen ab.«

Leser-Kommentare
  1. Hier wird eine Behauptung aufgestellt – soll Polizeiwirklichkeit zeigen –, um deren Inhalt dann mit Verve und großem Brimborium zu widerlegen. Das ist in hohem Maße witzig, aber unredlich. Sinnvoll wäre es gewesen, die Frage zu stellen, ob der "Tatort" realistisch ist oder nicht. Das ist etwas ganz anderes. Wenn ich zum Beispiel den Münsteraner "Tatort" nehme, demn wohl beliebtesten, dann wird deutlich, daß das Ganze ein ironisches Spiel ist, und ich glaube kaum, daß einer der Macher auf die Idee käme zu behaupten, die gezeigten Fälle und deren Lösung sowie die handelnden Personen hätten was mit der "Polizeiwirklichkeit" zu tun.

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  2. "Jeden Sonntagabend läuft in der ARD ein Krimi, der ein Stück deutsche Polizei-Wirklichkeit zeigen soll."

    Das halte ich für ein Gerücht. Ein Film soll in erster Linie unterhalten. Ich werde nie verstehen, warum sich einige selbsternannte Intellektuelle immer jeden Spaß kaputt machen müssen, indem sie bei jeder Kleinigkeit "Unrealistisch!" oder "Nicht anspruchsvoll genug!" rufen.

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  3. Was mir fehlt ist eine Deutung des Ganzen. Warum wird eine Polizei präsentiert, die ständig ihre Befugnisse überschreitet und dafür nicht belangt wird. Welches Interesse steht dahinter, daß uns im Staatsfernsehen ein solches Bild vermittelt wird.
    Wenn der Kommissar zu 50 Leuten sagt, daß keiner den Raum verlassen darf, weil ja schließlich ein Verbrechen verübt worden sei, erwarte ich eigentlich, daß diese 50 Menschen dem Kommissar nen Vogel zeigen und gehen.
    Aber was passiert? 49 bleiben sitzen, einer regt sich auf, weil er einen wichtigen Termin versäumen würde (nicht weil er der Meinung ist, daß da etwas grundsätzlich verkehrt laufen würde). Der holt sich seinen Anschiß ab, setzt sich wieder hin und ist für Zuschauer und Ermittler erstmal verdächtig.
    Was lernen wir daraus? Schön machen, was die Polizei sagt, alles Andere gibt nur Ärger.
    Ein schönes Verständnis unseres Rechtstaates, das da seit vielen Jahren vermittelt wird.

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  4. die Idee, dass der Tatort etwas mit der Realität zu tun haben könnte finde ich geradezu abstrus.
    Eindrücklichste Beispiele sind wohl der münsteraner und der hamburger Tatort. Während es im münsteraner Tatort gar nicht um den eigentlichen Kriminalfall geht, sondern nur um die komödiantische Darstellung der Hauptfiguren liefert der Hamburger Tatort mit Cenk Batu Thriller ab, z.B. mit "der Weg ins Paradies".
    Der Tatort ist nichts weiter als ein breites Spektrum Sonntagabend-Krimis.

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  5. 5. @yzzuf

    "Wer noch denken kann und sein Hirn besitzt schaut keinen Tatort - danke an die ZEIT für diesen erhellenden Auftrag an Frau Rückert."

    Das sind genau die Sorte Menschen, die ich für arrogant halte. . Getreu dem Motto "Wer nicht so ist wie ich und wer nicht meinen Geschmack hat, der ist entweder blöd, hirntot oder gleich ganz tot!"

    Zählen Sie also auch zu den Menschen, die am liebsten alle und alles gleichgeschaltet haben wollen? Stellen Sie sich vor, ich schaue gerne Tatort. Wollen Sie mir das etwa verbieten?

    Ich fand den Artikel sehr interessant, aber am Ende juckt es mich nicht die Bohne. Fernsehen soll mich unterhalten und da darf es dramaturgisch gerne auch mal unwahrheitsgetreu zugehen.

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    Antwort auf "Tatort oder hirntot?"
    • defcon
    • 22.03.2012 um 16:13 Uhr

    Der Artikel ist informativ, die Kritik ist berechtigt.

    Zwei Fehler sind mir jedoch aufgefallen:

    -SEK steht für Spezialeinsatzkommando, den Begriff Sondereinsatzkommando gibt es nicht.

    -Im Tatort "Der traurige König" bestand für Leitmayr keine Putativgefahr (Scheingefahr). Bei einer Putativgefahr ist es objektiv ersichtlich, dass keine Gefahr besteht.
    Eine Spielzeugwaffe lässt sich im Halbdunkeln jedoch nicht von einer echten unterscheiden, d.h. es lag eine Anscheinsgefahr vor, die einen Schusswaffengebrauch durchaus rechtfertigt.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Provokationen. Danke. Die Redaktion/sc

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Provokationen. Danke. Die Redaktion/sc

  6. Liebe Frau Rückert, wie so oft ein sehr guter Artikel von Ihnen. Dass in manchen Tatort-Folgen unterschwellig "Fackel- und Mistgabel-Stimmung" gegen bestimmte Tätergruppen geschürt wird, ist mir auch schon sauer aufgestoßen.

    Was sonst noch nervt: Tatort-Ermittler dürfen niemals ein normales Privatleben führen, vor allem keine funktionierende Beziehung zum anderen Geschlecht. Sympathische Ausnahme: Freddy Schenk, dessen Frau - Columbo lässt grüßen - aber auch nie gezeigt wird. Etwas albern ist es, wenn das Ermittlerduo sich in Volkshochschulmanier über das ganz wichtige gesellschaftliche Thema unterhält, das in diesem Krimi thematisiert wird, damit es auch der unterbelichtetste Zuschauer kapiert. Die Dialoge werden oft genuschelt oder von Nebengeräuschen übertönt und Kameraeinstellungen dürfen nie länger als wenige Sekunden ohne Schnitt gehalten werden. Wer sich auch ganz alte Tatorte ansieht, dem fällt die heutige hektische Videoclipästhetik sofort auf.

    Selbst etwas unrealistisch ist, meine ich, die Forderung nach Realitätstreue. Wer würde sich einen Krimi anschauen, in dem die Beamten die meiste Zeit bei ihrer Schreibtischarbeit gezeigt werden? Zudem sind auch Kriminalfilme selbstverständlich eine künstlerische Ausdrucksform und haben sich nicht streng an der Wirklichkeit zu orientieren. Der derzeit beste Tatort, der aus Münster, ist ja gerade wegen seiner unrealistisch schrägen Charaktere und seiner Komik so gut.

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  7. Ich denke, der Tatort soll mitnichten eine Dokumentation über deutsche Polizeiarbeit sein, denn dann wäre er ja - genau - eine Dokumentation! Auch bezüglich der Verhörmethoden ist doch ein "was wäre wenn" Szenario durchaus legitim. Man denke nur an den Daschner-Prozess, in dem der Polizeipräsident Wolfgang Daschner sich eben in einem schwierigen Bereich bewegen musste. Er wurde in rechtlicher Hinsicht kritisiert, moralisch aber hatte er sicher eine große Mehrheit hinter sich. Der Tatort ist nicht Aktenzeichen XY, sondern darf - und soll - durchaus stilistische Mittel der Verstärkung, Übertreibung, Verzerrung etc. verwenden.

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