Ein Buch, das dazu aufruft, die Hälfte des Kulturbetriebes einzustampfen, löst noch immer den erwünschten Angstreflex aus , wenn auch nur ganz kurz. In der Vorveröffentlichung im Spiegel las es sich wie der letzte Angriff des neoliberalen Denkens gegen das kapitalismusfreie germanische Dorf – wie der schwere Schwinger eines angeschlagenen Boxers in Richtung auf seinen nicht minder ramponierten Kontrahenten. Der Ton erinnert an die Dringlichkeitsparolen in den Sachbüchern der Neunziger: "Deutschland muss jetzt..."

Eine Menge Zutreffendes steht in diesem Buch, wenn auch sein Hauptbefund – ganz ehrlich – so neu nicht ist: Die Reformunfähigkeit des real existierenden Kulturbetriebes ist inzwischen sprichwörtlich, seine Strukturen sind oft undurchschaubar, ebenso wie seine Netzwerke. Manche Einrichtung, manche Stiftung verfolgt keinen klaren kulturellen Zweck, sondern einen unausgesprochenen anderen. Noch immer werden Ressourcen unklar verteilt oder vergeudet. Ohne Idee und ohne Kriterien sind Kulturpolitiker unfähig, das sich ausdehnende Institutionenuniversum zu gestalten, vor allem fehlt ihnen ein Vokabular, einen Rückbau zu kommunizieren, wo er nötig wird.

Das alles mag so sein, aber es führt nicht zwangsläufig zu den Schlüssen, welche die vier Autoren aus ihren Beobachtungen ziehen: dass Deutschlands Kultur auf einen marktwirtschaftlichen Kälteschock angewiesen wäre und dass, wo bisher öffentliche Subvention war, künftig Markt sein soll. Nun mag das Plädoyer für eine fünfzigprozentige Schrumpfung des Augiasstalles nicht ganz ernst gemeint gewesen sein. Diese Tat schafft kein Durchregierer, und auch die Autoren geben ja zu, dass es im föderalen Förderdschungel keinen Supervisor gibt, der die Kompetenz zur finalen Ordnungspolitik besäße. In Wirklichkeit sind die Kulturmittel ja auch nicht der Schatz, der die kommunalen Finanzlöcher wieder füllen würde. Bleibt aber der Appell an die Kulturpolitik, in ihrem Bereich für eine klare Trennung von Staat und Markt zu sorgen, genauer: einen Kulturgütermarkt auch dort zu etablieren, wo er bisher nicht stattfand.

Eine Streitschrift aus vier Federn kann kein gutes Buch sein. Die Temperamente lassen sich nicht ganz vereinheitlichen, und so hat das Werk seine argumentativen Widersprüche und Ungleichgewichte. Seine fundamentale Schwäche rührt allerdings daher, dass die Autoren gar keine Organisationsanalyse betreiben, sondern die Dringlichkeit ihres Reformprogrammes aus einer Beschreibung der Kultur herleiten, die nicht anders als kulturkritisch oder kulturpessimistisch zu bezeichnen ist.

Am Ende sind es Kunst und Kultur selbst, die Ekel hervorrufen, nur dass der Ekel hier nicht dem alten adornitischen Hass auf eine kommerzialisierte Massenkultur entspringt, sondern einem exlinken Ressentiment gegenüber einer dem Anspruch nach egalitären, in Wirklichkeit aber doch irgendwie abgehobenen Kunst, die auch nicht von freien, starken Individuen gefertigt wird, vielmehr von den Weicheiern des Betriebs, gepamperte Kunst, ästhetisierend und pompös zugleich, besserwisserisch und pädagogisch, orientiert an obsoleten Leitbildern.

Wirtschaftstheoretisch, ordnungspolitisch und institutionensoziologisch wird zwar auch argumentiert, im Kern schwelt aber kulturkritischer Furor. In ziemlich deutsch-romantischer Weise wird die richtige, die richtig demokratische Kunst gefordert. Es geht nicht um Verbesserungen, es geht ums Ganze. Irgendwie ist das selbst Kultur, vielleicht Kunst.

Die Diagnose ist aber entscheidend. Denn nur dann kann man den Markt als alleinigen Retter aufrufen, wenn man zuvor eine wesentliche Dimension von Kultur abgeblendet hat. Nennen wir das mal ihre gesellschaftliche Dimension. Jenseits des Markterfolgs einer Kultureinrichtung existiert nämlich eine weitere Statusordnung. Sie beruht auf der Fähigkeit, Individuen zu bewegen und sie darüber sprechen zu lassen, also eine Gemeinschaft derer zu bilden, die am Ereignis teilhatten. Der Zweck eines Theaters besteht ja nicht darin, Plätze zu verkaufen, sondern in Inszenierungen anschlussfähigen Sinn zu produzieren. Und selbst wenn das nicht immer gelingt, es kann langfristig eine Stadtgesellschaft prägen, ein Land. Kann sogar sein, dass so etwas wie Zusammenhalt daraus entsteht: Theater als Potenz von Gesellschaftlichkeit, Kultur als öffentliche Sache. Nur wer mit Margaret Thatcher ruft: "There is no such thing like society!", wird der Kultur diese Dimension absprechen.