KulturpolitikSchluss mit dem Theater
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Wie und wer rechtfertigt eigentlich Kultursubventionen?

Man kann also Kultur auch vom Gelingen her denken, von der Neugier und der Begeisterung aus. Mit Blick auf die Besucherzahlen von Museen, Theatern und Opernhäusern ist das Raunen der Autoren über die Gleichgültigkeit und den eklatanten Schwund des Publikums kaum nachzuvollziehen. Gesellschaftlichkeit wird hier als ein Syndrom aus Staatsversagen, parasitärem Sozialverhalten, falschem Bewusstsein und künstlerischem Unvermögen abgeräumt. Dann kann man jedoch kaum erklären, warum sich Bürger für den Erhalt ihrer Kultureinrichtungen engagieren, selbst wenn sie sie gar nicht frequentieren, warum sie an ihrem Theater festhalten, auch wenn sie jahrelang schlechtes Theater ertragen mussten. Dann könnte es eigentlich keine Debatten geben über Schließungen, Neubauten, Intendanten, Großausstellungen. Wieso interessiert das die Leute trotzdem?

Es gibt allerdings einen Punkt, den die Autoren zu Recht ansteuern: Wie und wer rechtfertigt eigentlich Kultursubventionen? Eine Begründung für die Dauerförderung der öffentlichen Hand formulieren, wo die Frage sich akut stellt, weder Kulturmacher noch Kulturpolitiker. Das Fehlen oder den Ausfall einer solchen Begründung festzustellen wäre ebenso ihre Pflicht. Denn zum größten Teil stellt der Staat Kultur in Form eines »meritorischen« Gutes zur Verfügung. In der Wirtschaftstheorie ist dies eines, das im Prinzip zu wenig nachgefragt wird, um es dem Preisbildungsmechanismus auszusetzen, für das der Staat aus übergeordneten Gründen aber ein Angebot vorhält, durch Direktsubvention, Steuerbegünstigung oder Infrastrukturmaßnahmen. Bildung ist beispielsweise ein meritorisches Gut. Ein solches ist legitimationsbedürftig, weil es eine Verzerrung des Wettbewerbes darstellt und vielleicht andere davon abhält, dieses Gut besser und billiger anbieten zu können.

Der Marktliberale wird fortfahren: Meritorische Güter mit ihrer künstlich erzeugten Marktfähigkeit stellen einen unguten Zwischenzustand dar. Aus meritorischen Gütern sollten Wirtschaftsgüter werden – den Rest kann der Staat ja für umsonst zur Verfügung stellen. Dagegen lässt sich einwenden: Respektiert man das Vorkommen eines gesellschaftlichen Eigensinns, sollte man den faktischen Konsens und den politischen Willen einkalkulieren, dass Kultur via meritorische Güter in Erscheinung tritt. Dann ist das Institutionensystem als Gesamtheit zureichend legitimiert, und es ist kein Zwischenzustand. Was nicht heißt, dass jede Einrichtung samt ihrem Schlendrian damit salviert wäre.

Weiter: Die Annahme, durch öffentliche Kulturförderung werde ein breiter privater Kulturgütermarkt unterdrückt, ist fragwürdig. Der Handel mit Antiquitäten oder Contemporary Art funktioniert prächtig, aber ein auf sämtliche Produkte sich erstreckender Kulturmarkt, erweitert insbesondere um eine Vielzahl von Dienstleistungen, wäre gewiss kein idealer Markt. Er wäre, wirtschaftstheoretisch gesprochen, beeinträchtigt von Externalitäten, Zugangsbeschränkungen und Informationsdefiziten. Die Erfahrung zeigt, dass private Anbieter in diesem Sektor sehr bald wieder die öffentliche Hand als Auftraggeber suchen, sodass der Staat gar nicht aus dem Geschäft kommt. Nach fünfzehn Jahren Privatisierungspolitik fällt es schwer, überall an das Aufpoppen prosperierender Märkte zu glauben.

Schließlich: Die Hoffnung, eine dem Marktdruck ausgesetzte Kultur würde bessere Kunst hervorbringen, ist abenteuerlich. Eine solche Annahme ist durch nichts zu belegen, und es erinnert an animistisches Denken, wenn man glaubt, der Innovationsdruck von Wirtschaftsgütermärkten wirke in gleicher Weise auch auf einen Markt für Sinnprodukte. Kann ja auch sein, dass dadurch künstlerische Innovation gerade verhindert wird. Genau das ist die Erfahrung von Galeristen. Vermutlich ist der Markt für zeitgenössische Kunst auch viel behäbiger und nachfragekonformer, als er von sich wissen will.

Marktwirtschaft ist also nicht die Lösung der Probleme, an denen der Kulturbetrieb laboriert. Eine Lösung ist nur im Einzelfall der Institution zu finden, nach einer sehr konkreten Debatte über Zielbestimmungen und öffentliche Kontrolle, über neue Aufsichtsgremien, Bürgerbeteiligung, unabhängige Expertisen. All das ist noch am Anfang.

Das Beste an diesem Buch ist, dass es Ingrimm, also auch einen gewissen Ernst in die Auseinandersetzung zurückträgt. Man kann seine Provokation nicht länger mit der alten Fensterreden-Kulturemphase zurückweisen, nicht einmal von Berlin aus. Der wirkliche Streit um das öffentliche Gut Kultur hat noch gar nicht begonnen. Die Parteien sind keineswegs versessen darauf, ihn zu führen, denn Wahlversprechen kommen darin nicht vor. So steht die Kulturpolitik heute wieder ganz am Anfang.

 
Leserkommentare
  1. ... stellen Sie sich vor, auch für Dinge, die mich weder interessieren noch dass ich sie für nötig halte. Stellen Sie sich das mal vor. So ist das eben mit den Steuern. Ich subventioniere damit beispielswiese den Straßenbau, obwohl ich kein Auto fahre. Trotzdem weiß ich, dass der Autoverkehr in bestimmter Hinsicht für das Gemeinleben wichtig ist. Für Ihre Einstellung gibt es ein Wort: asozial.

    4 Leserempfehlungen
  2. Wenn jeder nur noch bis zu seine Nasenspitze schaut ist Gesellschaft nicht mehr möglich. Sie verwechseln Gleichheit mit Gerechtigkeit. Achten sie denn darauf das alle Leute die für sie und die produkte die sie erworben haben immer gerecht bezahlt wurden? Glauben sie die 45 Cent für den Joghurt und die 10 Euro für ihr T-shirt sind gerecht?

  3. „Kultur“ sollte überhaupt nicht gefördert werden. Erstens ist alles Kultur, von der Gourmetkultur bis zur komplementären Solositzkultur. Zweitens besteht Demokratie darin, dass die Menschen bekommen, was sie wollen. Auf welcher Grundlage, ist sekundär. Wer Perotin, Bach oder Cage statt Hits hören möchte, soll dafür kostendeckend zahlen. Sonst weg damit, Hits werden ja auch nicht gefördert. Orchester sollen sich nützlich für den Markt machen. Gleiches für die sog. Kunst in den Museen. Diese sollte an Sammler versteigert werden, die zur Besichtigung verlangen, was der Markt hergibt. Auch wäre es leicht, mit modernen Tracking-Systemen Gebühren pro betrachtetes Bild und Zeit einzunehmen. Das ist echter Individualismus und fortschrittliche Kulturtechnik. Jeder entscheidet und zahlt angepasst. Das Geld geht an die Banken, die damit Sinnvolleres anfangen. Bildung ist nichts prasserisch Humboldtiges, sondern betriebswirtschaftlich orientierte Ausbildung plus ggf. BILDung für die Seele. Leben ist Unternehmertum. Sog. ideelle Werte sind nützliche kollektive Fiktionen zwecks PR. Auch an den Universitäten gibt es viel auszumisten. Die Philosophie etwa sollte auf das Erwerben von PR-Kompetenz abgestellt werden. Wir brauchen keine Leute, die zu denken vorgeben, was keiner versteht. Wir brauchen Leute, die mit einem niveauvollen Platon- oder Bohlen-Zitat für den neuesten Kaffeeautomaten werben können und darin Charisma entfalten und authentisch wirken. Salve mercator rex coeli.

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    • Wombel
    • 23.03.2012 um 17:59 Uhr

    ob Werner von Siemens die Idee zu seinem Verbrennungsmotor im Theater hatte, oder Goethe im Museeum inspiriert wurde.
    Warscheinlich waren es aber Zukunftsromane von Jules Verne die Werner von Braun zu den Ideen einer Mondrakete brachte.
    Erfinder haben durch ihre Phantasie Erfolg und schaffen dann Arbeitsplätze und Volkswirtschaftlichen Aufschwung! In einem Land ohne Rohstoffe kann nur der Erfindungsreichtum die Zukunft sichern wir werden uns niemals Reich sparen und darum brauchen wir Kunst um unsere Kinder zu den kreativsten der Welt zu machen, die dann unseren Wohlstand erwirtschaften.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nur leider kann Ihr Erfinder sich in der Regel nicht selbststaendig machen um so Arbeitsplaetze zu schaffen. Er wird seine Selbststaendigkeit naemlich aufgrund des hohen Kostendruckes nicht sehr lange durchhalten.

    @ Wombel Beitrag 20
    Ihre Argumente sind sehr weit hergeholt und basieren auf Mutmaßungen, denn wer sagt nicht, dass etwa ein Goethe oder ein Siemens ihre Ideen-Eingebungen auf dem Kloh bekamen.

    Am krassesten ist aber Ihr Schluss, wonach die Kultur den primären bzw. letztendlichen Zweck haben soll mit Arbeitnehmern aus anderen Ländern besser konkurrieren zu können.

    M.E. ist Kultur Hobby und Unterhaltung sollte daher auch ihr primärer Zweck sein.

    Und als Freund der Wissenschaft ist es mir übrigens egal, ob ein Deutscher oder ein Ausländer z.B. eine neue physikalische oder biologische Entdeckung gemacht hat.

    Ich glaube insofern übrigens, dass Geld oder Subventionen insofern sogar kontraproduktiv sein können, weil dann Menschen als Forscher angezogen werden, die sich nicht zu 100% für die Wissenschaft interessieren, so wie es etwa Einstein und Newton taten, sondern mehr für das Geld und das Sozialprestige.

    Jeder, der sich z.B. wirklich für Physik interessiert, der würde sogar 1000 € pro Monat und mehr dafür zahlen, um am etwa CERN forschen zu dürfen.

    Nur leider kann Ihr Erfinder sich in der Regel nicht selbststaendig machen um so Arbeitsplaetze zu schaffen. Er wird seine Selbststaendigkeit naemlich aufgrund des hohen Kostendruckes nicht sehr lange durchhalten.

    @ Wombel Beitrag 20
    Ihre Argumente sind sehr weit hergeholt und basieren auf Mutmaßungen, denn wer sagt nicht, dass etwa ein Goethe oder ein Siemens ihre Ideen-Eingebungen auf dem Kloh bekamen.

    Am krassesten ist aber Ihr Schluss, wonach die Kultur den primären bzw. letztendlichen Zweck haben soll mit Arbeitnehmern aus anderen Ländern besser konkurrieren zu können.

    M.E. ist Kultur Hobby und Unterhaltung sollte daher auch ihr primärer Zweck sein.

    Und als Freund der Wissenschaft ist es mir übrigens egal, ob ein Deutscher oder ein Ausländer z.B. eine neue physikalische oder biologische Entdeckung gemacht hat.

    Ich glaube insofern übrigens, dass Geld oder Subventionen insofern sogar kontraproduktiv sein können, weil dann Menschen als Forscher angezogen werden, die sich nicht zu 100% für die Wissenschaft interessieren, so wie es etwa Einstein und Newton taten, sondern mehr für das Geld und das Sozialprestige.

    Jeder, der sich z.B. wirklich für Physik interessiert, der würde sogar 1000 € pro Monat und mehr dafür zahlen, um am etwa CERN forschen zu dürfen.

  4. Nur leider kann Ihr Erfinder sich in der Regel nicht selbststaendig machen um so Arbeitsplaetze zu schaffen. Er wird seine Selbststaendigkeit naemlich aufgrund des hohen Kostendruckes nicht sehr lange durchhalten.

    Antwort auf "Wer kann schon sagen"
  5. und institutionensoziologisch wird zwar auch argumentiert, im Kern schwelt aber kulturkritischer Furor."

    Grandios! Ich habe mich wirklich (wirklich!) beim Lesen gefragt, ob das die Parodie eines Artikels sein soll (aber ich fürchte nein).
    Institutionensoziologisch! [...]

    Gekürzt. Bitte äußern Sie Ihre Kritik sachlich und konstruktiv. Danke. Die Redaktion/ag

    • sch89
    • 08.04.2012 um 21:37 Uhr

    Lieber GeorgesLupaque,

    Ihre Aussagen zeugen von sehr wenig Kulturverständnis - das ist traurig! Orchester und Opern können sich wirtschaftlich nicht nützlich machen, das kann auch nicht ihre Aufgabe sein. Dass Sie Bildung als "betriebswirtschaftlich orientierte Ausbildung" ansehen, zeugt ihrerseits ebenfalls von sehr wenig davon.
    Gehen Sie einmal in die Oper!
    Viele Grüße

  6. Ein Bürger kann und will i.d.R. nur einen begrenzten Betrag für Kultur ausgeben.

    Durch Zwangsabgaben wie GEZ und überhöhte Steuern zugunsten subventionierter Theater und Opern wird dieses Buget des einzelnen Bürgers vermindert, d.h. dieser hat weniger Geld zur Verfügung, mit dem er selbstbestimmt den "Kulturbetrieb seines Vertrauens" fördern kann. Ggf. muss der Bürger also auf ein Abo der ZEIT verzichten, obwohl er hierfür oftmals sein Geld lieber ausgegeben hätte als via Steuern für eine öde Oper oder ein mittelmäßiges Theater, die oder das er ohnehin fast nie besucht.

    M.a.W. Subventionen gehen immer auf Kosten anderer.

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