SachbücherVon Mäusen und Menschen

Streicheln und essen: Neue Bücher über unser zwiespältiges Verhältnis zu Tieren

Die Bestseller Tiere essen von Jonathan Safran Foer und Anständig essen von Karen Duve haben vermutlich viele ihrer Leser zum Vegetarismus »bekehrt«, aber darin erschöpft sich nicht ihr Effekt – er liegt darin, dass viele womöglich zum ersten Mal den Umgang des Menschen mit dem Tier als moralisch-politische Frage begriffen haben. Lange Zeit galt Fleischverzehr in den Industrieländern als selbstverständlich oder natürlich, während gleichzeitig die industrialisierten Praktiken der Fleischproduktion so grausam geworden sind, dass man sie vor den Augen der Verbraucher verbirgt. Sprachliche und andere Konventionen trennen die lebende Kuh von »Rind«, »Wurst« oder »Steak«, so können wir es uns erlauben, manche Tiere niedlich zu finden und andere ungerührt zu verspeisen.

Unser vielfältiges Verhältnis zu »dem« Tier zu klären, hat sich eine neue interdisziplinäre Forschungsrichtung zum Auftrag genommen, sie nennt sich Animal Studies, oft Human-Animal-Studies, oder Anthrozoologie. Sie konnte bald zeigen, dass der Mensch vor allem eins nicht ist: konsequent. Die Widersprüche und Konflikte bei unserem Umgang mit Tieren stellt der amerikanische Psychologe und Anthrozoologe Hal Herzog in den Mittelpunkt seines Buches Wir streicheln und wir essen sie, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Blutigster Hahnenkampf und edelstes Hundemäntelchen werden nebeneinandergestellt, man findet Ballköniginnen, die Hirsche schießen, und Vegetarier, die eine Vorliebe für rohe Leber zum Frühstück entwickeln.

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In seinen vielleicht stärksten Kapiteln beschäftigt sich Herzog mit Tierversuchen, er berichtet, dass die Zahl der Mäuse, die im Vorfeld von Versuchen getötet werden, die der Versuchstiere noch übersteigt, er liefert eine gruselige Aufzählung all der krankhaft veränderten Mäusevariationen, die für Labore im Angebot sind (allein 88 Mäusestämme zur Erforschung von Fruchtbarkeitsstörungen). In einer Studie über die Genehmigungsverfahren für Tierversuche fanden Herzog und seine Kollegen heraus, dass die Tierschutzkommissionen in den USA bei den gleichen Fällen in 80 Prozent unterschiedlich entschieden – sie hätten auch würfeln können.

Beklemmend die persönlichen Berichte von Tierexperimentatoren. Herzog selbst hat schon als Student Tierversuche durchgeführt; er brachte es gerade so über sich, im Auftrag seines Professors Würmer, Grillen, Skorpione und eine Echse in 80 Grad heißem Wasser zu töten (für biochemische Untersuchungen sollten in Wasser lösbare Moleküle aus der Haut der Tiere gewonnen werden). Nur eine Maus konnte er nicht ins heiße Wasser werfen; das musste er seinem Chef überlassen.

Nun schließen sich dieser Anekdote mehr Fragen an, als Herzog beantwortet: Warum konnte man die Maus nicht vorher mit einem Schlag auf den Kopf betäuben? Hat dem Studenten die Maus, während der Chef sie kochte, immer noch leidgetan? Kann man sein Gewissen entlasten, indem man jemand anderen etwas tun lässt, was man selbst ablehnt? Solche Unklarheiten sind leider typisch für dieses Buch: Da wird erzählt, geplaudert, einander gegenübergestellt, verglichen... Kein Zweifel, Herzog hat eine prächtige Materialsammlung vorgelegt – aber verdient das bereits den Namen »Anthrozoologie«, will heißen: einer wissenschaftlichen Anstrengung?

Von Moralphilosophie hat der Autor keine Ahnung, er begnügt sich mit der Feststellung, dass auf moralische Intuitionen kein Verlass sei. Vermutlich sei es das »Flüstern der Gene«, meint Herzog, aufgrund dessen wir Menschen anders behandeln als Tiere. Aber warum haben diese Gene so lange geschwiegen, als es um Durchsetzung universeller Menschenrechte ging? Flüstern Gene lauter, wenn der andere derselben Ethnie oder Klasse angehört oder dasselbe Geschlecht hat wie man selbst? Herzog meint an anderer Stelle, »die Kultur« bestimme, welche Gattungen wir für essbar halten, und schließlich dürfe man nicht vergessen, dass es sich auch um Moden handele. Gewiss doch, aber der Leser braucht keinen Psychologieprofessor, um sich das erklären zu lassen!

Nun kann man von einem Autor nicht verlangen, die Ambivalenz menschlicher Haltungen gegenüber den Tieren in eindeutige Urteile zu fassen, also Vielfalt durch die Anwendung von Moral zum Verschwinden zu bringen. Aber die Kombination Staunen, Reflektieren, Erzählen kann besser gelingen. Im vergangenen Jahr hat die promovierte Psychologin Hanna Rheinz ein solches Buch vorgelegt, sein Titel lautet ähnlich, Zwischen Streichelzoo und Schlachthof, aber bei dieser Autorin hat man den Eindruck, dass sie das Werkzeug Sprache besser einzusetzen weiß und den moralischen Kern unserer Ambivalenzen tief durchdrungen hat.

Gibt es beim Verhältnis zu Tieren Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Der Psychologe Hal Herzog meint, dem sei eher nicht so; allerdings seien Frauen stärker engagiert im Tierschutz. Und anscheinend, so kann man beobachten, schreiben sie deutlich mehr Bücher darüber. Zum Thema Tierversuche ist ein Büchlein der Veterinärin Corina Gericke (vom Verein Ärzte gegen Tierversuche) zu empfehlen, dessen rundum aktualisierte Ausgabe ebenfalls letztes Jahr erschien: Was Sie schon immer über Tierversuche wissen wollten. Es handelt sich um ein eindeutig parteiisches Buch, dem trotzdem das kleine Wunder gelingt, in Bezug auf Zahlen und Fakten verlässlich zu informieren.

Leserkommentare
  1. Ich glaube, ein zentrales Problem, das hier in diesen Büchern auch immer wieder Auslöser teils unsachlicher Argumentationen ist, stellt die zum einen grausame industrielle Fleischproduktion auf der einen und vor allem eine hemmungslos romatisierte Sicht auf eine imaginäre Welt, in der die Tiere glücklich sind und auf einem kleinen Bauernhof nur gestreichelt, aber nicht gegessen werden.
    Hier zeigt sich auch schon das Dilemma: Sind Tiere noch Tiere oder werden sie vermenschlicht und nicht mehr Tier sein gelassen? Das fängt bei den kindlichen Gesprächen mit dem eigenen Hund an und gipfelt wahrscheinlich in der Schnecke als gleichberechtigtem Mitbewohner.
    Ich glaube, dass diese Probleme auch daher kommen, dass es keiner der Autoren wahrscheinlich erlebt (hat) wie es ist, mit Tieren zu leben, die nachher verspeist werden. Der Respekt vor der KREATUR geht da nicht verloren. Kein Privathalter schändet seine Hühner. Und doch schmecken sie nachher extrem gut.

    4 Leserempfehlungen
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    Sie sprechen vom Respekt vor einer Kreatur. Ich finde es sehr begrüßenswert, dass sie diesen verspüren und sie sich zu den wenigen Prozent der glücklichen Privathalter zählen können.
    Aber seien wir doch mal ehrlich. Für die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung ist es lediglich ein Konsumgut. Es kann ohne Kochkenntnisse in Windeseile (Voraussetzung: Grill heiß) vom Rohzustand zu einem schmackhaften, nahrhaften Gericht verarbeitet werden, Männer (gerade jüngere), fühlen sich bei Zubereitung und Verzehr männlicher und durch Abgrenzung von Vegetarierspinnern kann leicht der Gruppenzusammenhalt gestärkt werden. Wie eine solche KREATUR gelebt hat und gestorben ist interessiert doch keine Sau!
    Stellen wir uns die Alternative vor: ein Großteil der Bevölkerung müsste (anders) kochen lernen (zeitaufwändig), sich komplizierteste Gedanken über Ernährung machen (anstrengend, überfordernd!), Fehler eingestehen (gibt nichts Schwierigeres) und in letzter Konsequenz allermeistens seine Ansichten und Gewohnheiten ändern (ist noch schwieriger).
    Ist IMO etwas viel für die meisten Menschen, oder?!

    und die Hunde brauchen das auch. Wer hat übrigens von irgendwelchen Bauernhöfen gesprochen, wo Tiere gestreichelt werden? Wer sich darüber besch

    Sie sprechen vom Respekt vor einer Kreatur. Ich finde es sehr begrüßenswert, dass sie diesen verspüren und sie sich zu den wenigen Prozent der glücklichen Privathalter zählen können.
    Aber seien wir doch mal ehrlich. Für die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung ist es lediglich ein Konsumgut. Es kann ohne Kochkenntnisse in Windeseile (Voraussetzung: Grill heiß) vom Rohzustand zu einem schmackhaften, nahrhaften Gericht verarbeitet werden, Männer (gerade jüngere), fühlen sich bei Zubereitung und Verzehr männlicher und durch Abgrenzung von Vegetarierspinnern kann leicht der Gruppenzusammenhalt gestärkt werden. Wie eine solche KREATUR gelebt hat und gestorben ist interessiert doch keine Sau!
    Stellen wir uns die Alternative vor: ein Großteil der Bevölkerung müsste (anders) kochen lernen (zeitaufwändig), sich komplizierteste Gedanken über Ernährung machen (anstrengend, überfordernd!), Fehler eingestehen (gibt nichts Schwierigeres) und in letzter Konsequenz allermeistens seine Ansichten und Gewohnheiten ändern (ist noch schwieriger).
    Ist IMO etwas viel für die meisten Menschen, oder?!

    und die Hunde brauchen das auch. Wer hat übrigens von irgendwelchen Bauernhöfen gesprochen, wo Tiere gestreichelt werden? Wer sich darüber besch

  2. Sehr geehrte Frau Sezgin,

    Sollte dies eigentlich ein journalistisch ausgewogener Artikel sein? Die ausschließliche Besprechung von Büchern der Tierversuchsgegner ohne eine Erwähnung des medizinischen Fortschrittes (nicht nur Medikamente sondern auch z.B. chirurgische Techniken), der ohne sie nicht möglich wäre, gibt nicht gerade diesen Eindruck.

    • Atan
    • 27.03.2012 um 16:48 Uhr

    vorwirft, die Materie nicht luzide genug zu durchdringen, selbst aber alle möglichen subjektiven Gefühlsurteile in ihre Besprechungen mischt.
    Dabei sind gerade solche Empfindungen überhaupt nicht geeignet, uns über rein persönliche Entscheidungen hinaus zu einer besseren Tierschutzethik zu verhelfen: wenn sie sich allen Ernstes über über 46.000 Schnecken in Tierversuchen sorgt, wie sollte man mit der Tatsache umgehen, dass Schnecken und Fadenwürmer gleichzeitig milliardenfach per Pflanzenschutzmittel vernichtet, um Ackerfrüchte zu erhalten?
    Am Ende kommt man zu dem Schluss, dass einigen Menschen das leidende Tier furchtbar nahe geht (und sie auch öfter darüber schreiben), den allermeisten Menschen aber nicht so sehr, dass sie deshalb ihre Gewohnheiten ändern möchten oder auf die Errungenschaften der moderen Medizin verzichten würden.
    Worauf sich die Debatte ein weiteres Mal im endlosen Kreis dreht.

    3 Leserempfehlungen
    • deDude
    • 27.03.2012 um 17:28 Uhr

    ... spiegelt doch der Umgang mit Tieren das Verhalten der Menschen untereinander wieder. Letztlich ist uns das Schicksal des anderen egal, solange wir nur nicht selbst mit ansehen müssen wie elendig sie zu Grunde gehen oder ausgebeutet werden. Wir wollen lieber in unserer schönen Scheinwelt leben in der Kühe lila sind und der halbe Hahn aus grüner Freilandhaltung kommt (was ihm den Tod durch Elektroschock + anschließender Enthauptung auch nicht schöner vorkommen lassen wird).

    Jeden Tag werden keine 50 km von meiner Heimatstadt ca. 30.000 Schweine geschlachtet. Rindern, Hühner etc. NICHT eingerechnet und das nur von einem Unternehmen.

    Können wir das wirklich einfach so hinnehmen, weil wir nicht ab und an vielleicht statt der Scheibe Wurst auf Marmelade o.Ä. zurückgreifen können? Wir als Verbraucher haben es selbst in der Hand, den verkauft wird nur was nachgefragt wird.

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  3. Schon vor Jahrzehnten hat Heinz Erhardt das Dilemma des moralischen Menschen mit seien Mit-Wesen auf den Punkt gebracht: "Das Kaninchen ist ebenso possierlich wie schmackhaft". Dazu fällt auch Brecht ein: "Moral ist wenn man moralisch ist".
    Als ein und derselbe Mensch sind wir wechselhaft zu vielem fähig, von der verklärten Enthaltsamkeit bis zur entgrenzten Gier und selbst ein nahtloser Übergang fällt den wenigsten an sich auf.
    Meist hängt es nur von der mehr oder weniger ausgeprägten Phantasie des Genießers ab, was er gerne aufgetischt haben möchte - und der zumindest gelegentliche Wunsch nach Aneignen der Lebenskraft eines vitalen Tieres steckt offenbar tief in unseren Genen und Traditionen.

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  4. Sie sprechen vom Respekt vor einer Kreatur. Ich finde es sehr begrüßenswert, dass sie diesen verspüren und sie sich zu den wenigen Prozent der glücklichen Privathalter zählen können.
    Aber seien wir doch mal ehrlich. Für die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung ist es lediglich ein Konsumgut. Es kann ohne Kochkenntnisse in Windeseile (Voraussetzung: Grill heiß) vom Rohzustand zu einem schmackhaften, nahrhaften Gericht verarbeitet werden, Männer (gerade jüngere), fühlen sich bei Zubereitung und Verzehr männlicher und durch Abgrenzung von Vegetarierspinnern kann leicht der Gruppenzusammenhalt gestärkt werden. Wie eine solche KREATUR gelebt hat und gestorben ist interessiert doch keine Sau!
    Stellen wir uns die Alternative vor: ein Großteil der Bevölkerung müsste (anders) kochen lernen (zeitaufwändig), sich komplizierteste Gedanken über Ernährung machen (anstrengend, überfordernd!), Fehler eingestehen (gibt nichts Schwierigeres) und in letzter Konsequenz allermeistens seine Ansichten und Gewohnheiten ändern (ist noch schwieriger).
    Ist IMO etwas viel für die meisten Menschen, oder?!

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  5. 7. [...]

    Entfernt. Bitte tragen Sie mit sachlichen Argumenten zur Diskussion bei. Die Redaktion/mak

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