ForscherdebatteMaus, Telefon!

Handystrahlung, schwangere Mäuse und das Zappelphillipp-Syndrom – ein fragwürdiger Versuch von  und

Der Befund klingt nach dem Knüller des Jahres: Handytelefonate in der Schwangerschaft führten zu Zappelphillipp-Kindern. Dieses Ergebnis präsentiert jetzt Hugh S. Taylor, Gynäkologie-Professor an der ehrwürdigen Yale University. Zwar wurde mit Mäusen experimentiert – aber das gilt sicher auch für Menschen, oder?

Eher nicht. Der Fachaufsatz, den Taylor zusammen mit drei Kollegen veröffentlicht hat, ist ein Lehrstück für schlechte Wissenschaft auf einem Forschungsfeld, das auch bei einem Laienpublikum auf lebhaftes Interesse stößt. Er zeigt, wie man durch saloppe Methodenwahl und naive Interpretationsfreude haarsträubende Befunde zum Aufregerthema Handystrahlung erzeugen kann.

Anzeige

Ende vergangener Woche meldeten sich die Yale-Forscher zu Wort: Es sei gut möglich, dass die ständige Zunahme von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) ihre Ursache im Mobiltelefongebrauch werdender Mütter habe, schrieben Taylor und Co. in Scientific Reports, einer neuen Fachzeitschrift, die immerhin unter dem Dach der renommierten Nature Publishing Group erscheint.

Bei Mäusen, die bereits im Mutterleib der Strahlung eines Handys im ständigen Anrufmodus ausgesetzt waren, stellten die Forscher erhöhten Bewegungsdrang, Gedächtnisdefizite und verminderte Ängstlichkeit fest. Zudem sei die Signalübermittlung durch einen Hirnbotenstoff im vorderen Stirnlappen der Tiere gestört. Seine Befunde, versichert Taylor auf Nachfrage, seien auch "für den Menschen relevant".

Halten wir einen Moment inne, das Handy auf Stand-by und uns die Lage vor Augen: Weit über fünf Milliarden Mobiltelefone sind weltweit im Einsatz, in Indien verfügen mehr Haushalte über ein Mobiltelefon als über eine Toilette. In den Industrieländern hat praktisch jeder Mensch ein Handy (oder mehrere). Könnte der Mobilfunk tatsächlich die Hirnentwicklung im Mutterleib beeinträchtigen und sich auf das Verhalten von Kindern auswirken, es wäre eine Erschütterung, die einzigartig in der Technikgeschichte wäre. Auch ohne jede wissenschaftliche Evidenz scharen sich schließlich jetzt schon Elektrosmog-sensible Bürgerinitiativen warnend um jeden zweiten Funkmast in der Republik.

Handystrahlung in Tierversuchen

Die Kaninchen waren fraglos bedauernswert: eingepfercht in Boxen von 30x16x18 Zentimetern, unter deren Böden auch noch Handys geklebt waren. So wollte der Urologe Nader Salama die möglichen Effekte elektromagnetischer Strahlung auf die Hoden der Tiere untersuchen. Konkret: Schädigen Handystrahlen die Spermien? Ja, befand der Forscher in drei Aufsätzen.

Veröffentlichungen dieser Art stoßen – im Gegensatz zur übergroßen Mehrheit aller wissenschaftlichen Fachartikel – auf einen gewissen Widerhall. Sie tauchen in den Zeitungen oder auf Webseites auf, vermehren ein vermeintliches Wissen über die Folgen von Handystrahlung.

Ob die Resultate solcher Versuche je bestätigt werden, erfahren Laien hingegen kaum. Oder ob ein Aufsatz gar krasse Unstimmigkeiten enthielt. So wie die drei Salama-Publikationen, über die jetzt das Laborjournal berichtet: Seine angeblichen Koautoren wussten gar nichts von der Veröffentlichung. Es gab weder Rohdaten noch Labortagebücher. Der Aufbau der Versuche war hanebüchen, statistische Kennzahlen sahen sich geradezu verdächtig ähnlich. Jetzt werden die Fachzeitschriften die Aufsätze zurückziehen – in aller Stille.

Wäre etwas dran am Befund, der Gynäkologieprofessor Taylor könnte sich seines Eintrags in die Annalen der Wissenschaft sicher sein. Das motiviert Forscher natürlich, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Zudem sind Tierversuche zur Handystrahlung ohne allzu großen Aufwand umsetzbar und in kurzer Zeit erledigt. Schnell ist der zugehörige Aufsatz verfasst und die eigene Publikationsliste um einen Eintrag länger. Das mag eine weitere Erklärung dafür sein, dass es Versuche nach diesem Strickmuster zuhauf gibt (siehe Kasten). Bloß ist Masse nicht proportional zum Erkenntnisgewinn. Denn auch in ihren Schwächen ist die Veröffentlichung aus Yale leider ganz typisch.

Von der ZEIT um eine Meinung zu der Arbeit gebeten, winkten Biologen, Strahlungsexperten, Umweltmediziner, Epidemiologen und Statistiker entsetzt ab: "Das Paper ist, mit einem Wort, schrecklich", urteilt Alexander Lerchl, Biologe an der Jacobs University in Bremen und Mitglied der Strahlenschutzkommission des Bundes (SSK). Die "armseligen Versuchsbedingungen" beklagt die Epidemiologin Maria Feychting vom Institut für Umweltmedizin des Karolinska Instituts in Stockholm. "Solche Untersuchungen werden generell als nicht informativ betrachtet." Christian Bornkessel, Experte für nicht ionisierende Strahlen und Leiter des Prüfzentrums am IMST, einem An-Institut der Universität Duisburg-Essen, bemängelt: "Die Dosimetrie entspricht bei Weitem nicht dem Stand der Technik. Darüber hinaus ist sie nur unvollständig beschrieben." So bleibe offen, welche Strahlung in welcher Stärke überhaupt für die beobachteten Effekte verantwortlich sein könnte.

Taylor und Co. hatten handelsübliche Handys in die Käfige der schwangeren Mäuseweibchen gehängt – während der gesamten 17-tägigen Schwangerschaft. Da sich die Tiere aber frei im Käfig bewegen konnten, ist völlig unklar, welcher Strahlung sie jeweils ausgesetzt waren. Weil kein Handy-Akku 17 Tage Dauertelefonat verkraftet, dürften die Geräte zudem an Netzteile angeschlossen worden sein. Die aber geben eine niederfrequente elektromagnetische Strahlung ab, die deutlich stärker ist als die der Handys. In der Veröffentlichung fehlt jeder Hinweis darauf. So könnte man noch lange fortfahren.

Vollends aberwitzig wird es, wenn die Autoren ihre Mausresultate auf Menschen übertragen: Welche Mutter hält sich wochenlang ein Handy mit laufendem Telefonat auf den Bauch? Kühn ist auch der Sprung von verhaltensauffälligen Mäusen zu Kindern mit ADHS. Adoptions- und Zwillingsstudien bescheinigen dem Leiden nämlich außerordentlich hohe Erblichkeit: Rund 80 Prozent der Veranlagung seien genetisch bedingt. Für einen Zusammenhang mit Umwelteinflüssen wie der Handystrahlung bleibt da kaum Spielraum. Und während die Autoren auf einen sprunghaften ADHS-Anstieg in den vergangenen Jahren verweisen, ist dieser in Wahrheit höchst umstritten. Wahrscheinlicher erfahren Zappelkinder einfach mehr Aufmerksamkeit, was die Zahl der Diagnosen (und Überdiagnosen) in die Höhe treibt.

Bei genauerem Hinsehen kann man Hugh S. Taylor nur wünschen, dass er mit diesem Aufsatz nicht berühmt wird. Nach der Lektüre wundert sich der Biologe Alexander Lerchl, wie diese Arbeit überhaupt den Begutachtungsprozess überstehen konnte: "Ich denke, da ist ein Schreiben an die Herausgeber fällig."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ...das Studien als ungefährlich für die Menschheit befunden haben?
    Wer bezahlt für so eine Studie?
    Es sind solche Studien, die wirklich(!) wichtigen die Glaubwürdigkeit nehmen und im ständigem Fluss von Studien über Idiotien die "schlecht" für Menschen sind, untergehen lassen.

    Das sage ich als jemand der kein Handy hat, weil das Ding für mich persönlich eher eine Plage als ein Segen ist

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Probleme sind fast alle auch in der Studie genannt worden (außer Handynetzteile soweit ich das sehe, vielleicht waren es auch Ausdünstungen des warmen Plastiks.) Es wurde darin auch davor gewarnt die Ergebnisse einfach auf den Menschen hochzurechnen.

    Ob die Ergebnisse nun relevant oder überhaupt wahr sind, werden zukünfte Studien zeigen. Deswegen sind Studien nicht per se schlecht oder gut. Meiner Meinung wird die Aufregung über einzelne Studienergebnisse eher durch "die Medien" kommuniziert.

    Für Interessierte, Link zur Studie: http://www.ncbi.nlm.nih.g...

  2. Ist die Studie wirklich irrelvant?

    "Taylor und Co. hatten handelsübliche Handys in die Käfige der schwangeren Mäuseweibchen gehängt – während der gesamten 17-tägigen Schwangerschaft. Da sich die Tiere aber frei im Käfig bewegen konnten, ist völlig unklar, welcher Strahlung sie jeweils ausgesetzt waren."

    Stimmt. Aber die Korrelation zum Schaden bleibt.

    "Weil kein Handy-Akku 17 Tage Dauertelefonat verkraftet, dürften die Geräte zudem an Netzteile angeschlossen worden sein. Die aber geben eine niederfrequente elektromagnetische Strahlung ab, die deutlich stärker ist als die der Handys.
    In der Veröffentlichung fehlt jeder Hinweis darauf."
    Ok, aber die Netzteile lagen nicht unbedingt mit im Kaefig und selbst wenn, scheinen jedenfalls elektromagnetische Felder eine Rolle gespiel zu haben.

    "So könnte man noch lange fortfahren."

    Letztlich verlassen Sie sich hier auf eine Forschermeinung, die Arbeit sei nicht beachtenswert. Was ich allerdings aus den Informationen hier lese, ist ein interessantes Studienergebnis, dass leider durch unachtsame Versuchsbedingungen eine klare Schlussfolgerun verhindert. Es waere auf jeden Fall wert, das ganz noch mal zu wiederholen!

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ganz richtig. Und zweitens wäre es natürlich für Handyhersteller fatal, wenn Sie auf einmal Umsatzeinbußen durch schwangere Frauen ausgesetzt wären, würde das Ergebnis der Studie einer breiten Öffentlichkeit publik gemacht.

    Ob die Autoren hier daher eine "Auftragsarbeit" verfasst haben, - ? Man kann diese Vermutung - bei der heutigen Verflechtung von Wirtschaftslobbyismus und Journalismus - zumindest Mal ganz kühn in den Raum stellen !!!

  3. Angesichts der o.g. Handy-"Studie" und der zur Veröffentlichung geplanten Studie "The Effect of Language on Economic Behavior: Evidence from Savings Rates, Health Behaviors, and Retirement Assets" (Siehe: http://www.faz.net/aktuel...)frage ich mich wie ernst man Forschung aus Yale überhaupt noch nehmen kann.

    Es ist wichtig unbequeme Ergebnisse zu veröffentlichen, dabei darf man aber unwissenschaftliches Arbeiten nicht übersehen. Medizin und Ökonomie scheinen dafür besonders anfällig zu sein.

  4. Die Probleme sind fast alle auch in der Studie genannt worden (außer Handynetzteile soweit ich das sehe, vielleicht waren es auch Ausdünstungen des warmen Plastiks.) Es wurde darin auch davor gewarnt die Ergebnisse einfach auf den Menschen hochzurechnen.

    Ob die Ergebnisse nun relevant oder überhaupt wahr sind, werden zukünfte Studien zeigen. Deswegen sind Studien nicht per se schlecht oder gut. Meiner Meinung wird die Aufregung über einzelne Studienergebnisse eher durch "die Medien" kommuniziert.

    Für Interessierte, Link zur Studie: http://www.ncbi.nlm.nih.g...

  5. 5. Mäuse

    Ich erinnere mich gerade daran, wie meine Professorin mir erzählte, dass sie für ihre Studien lieber Großtiere wie Schweine benutzt als Mäuse, weil bei Mäusen alles funktioniert, was man therapeutisch so ausprobiert, und beim Menschen dann nicht mehr. Mäuse und Menschen sind eben doch recht unterschiedlich.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hallo, Lizard King

    Wenn das stimmt, was Sie sagen, dann könnte man doch umgehend alle Tierversuche mit Mäusen in den Wind kicken.
    Dann sind Versuche mit Mäusen sinnlose Tierquälerei.

    Meines Wissens sind vom medizinischen Standpunkt Schweinekörper am ehesten mit Menschenkörpern vergleichbar. Ein Chirurg hat mir mal erzählt, dass Studenten an Schweinen operieren lernen. Stimmt das eigentlich?

  6. 6. na ja

    mit interpretationen muss man vorsichig sein.
    da hat der autor recht.

    eins geht bei ihm aber unter.
    zumindest die mäuse haben schaden genommen.

    es lag also was ungesundes in der luft ...;-)

    wir sollten also weiter nach antworten darauf suchen.

    3 Leserempfehlungen
  7. Hallo, Lizard King

    Wenn das stimmt, was Sie sagen, dann könnte man doch umgehend alle Tierversuche mit Mäusen in den Wind kicken.
    Dann sind Versuche mit Mäusen sinnlose Tierquälerei.

    Meines Wissens sind vom medizinischen Standpunkt Schweinekörper am ehesten mit Menschenkörpern vergleichbar. Ein Chirurg hat mir mal erzählt, dass Studenten an Schweinen operieren lernen. Stimmt das eigentlich?

    Antwort auf "Mäuse"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hallo, Bulldogge,

    Mäuse haben als Versuchsobjekte schon gewisse Vorteile, weil sie sich schnell vermehren (für genetische Studien praktisch, geringe Generationszeit), und einfach zu halten sind bzw. im Labor einfach weniger Platz wegnehmen als Großtiere. Was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen angeht, muss man eben vorsichtig sein, da wie gesagt einiges, was bei Mäusen geht, beim Menschen auf einmal nicht mehr geht. Für Forschung, die nicht auf einen Einsatz beim Menschen abzielt, wie z.B. molekularbiologische Grundlagenforschung, kann man Mäuse durchaus verwenden. Auch könnte man neue therapeutische Ansätze zunächst an Mäusen ausprobieren, um festzustellen, ob sie überhaupt funktionieren, um dann später an anderen Tieren die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen zu testen.

    (Nebenbei will ich hier nur mal erwähnen, dass auch mir als Wissenschaftler (Mediziner) Tierversuche grundsätzlich nicht gefallen, und ich diese liebend gerne abschaffen würde, wenn das denn praktisch durchführbar und ethisch vertretbar wäre. Ein theoretische Alternative wären Stammzellen, um z.B. neue Medikamente zu testen, aber davon sind wir noch recht weit entfernt.)

    Ob Studenten an Schweinen operieren lernen, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich hätte in Deutschland und Österreich nichts dergleichen je mitbekommen. Ich weiß nur, dass in Ungarn Studenten an Schweinen lernen können, z.B. zentrale Zugänge zu setzen, allerdings wohl auch nicht offiziell im Studienplan der Unis.

    Wir haben im Rahmen des Studiums an (toten!) Schweinen das setzen von Hautnähten geübt. Falls Sie auf das herumexperimentieren an lebendigen Schweinen anspielen, so etwas kommt nicht vor.

  8. Alle Jahre wieder. Heute Hüh, morgen Hott. So geht das schon seit Jahren, wenn nicht bald Jahrzehnten so, wenn es um Handy-Strahlung geht. Mal sind sie schädlich, mal nicht, mal sind sie schädlich, aber man weiß nicht so genau, ob so schädlich, dass sie auch wirklich schädlich für den Menschen sind, mal sind sie nicht schädlich, aber man weiß nicht genau, ob sie nicht doch schädlich sein könnten.

    Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, ich muss das Ding nicht angeschaltet im Bett liegen haben, es darf auch mal ganz ausgeschaltet werden und lange Telefonate mit dem Ding machen nicht so viel Spaß, als dass ich diese nicht übers Festnetz machen würde. Und dann gibt es ja noch Freisprechanlagen im Auto. Aber halt, was ist mit der Bluetooth-Strahlung? Zum Glück bin ich froh, wenn das Ding mal nicht klingelt. Die ständige Quasselei ist gar nicht gut für die Stimmbänder. Insofern sind Handy durchaus schädlich. So, oder so.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Schlagworte Dänemark | Mobilfunk | Indien
Service