ManagergehälterDer Wert des Chefs

Sind die extrem hohen Spitzeneinkommen gerechtfertigt? von Sophie Crocoll

Der bestbezahlte Chef in Deutschland ist 17,4 Millionen Euro wert. Das verdiente Martin Winterkorn , Vorstandsvorsitzender von Volkswagen , im vergangenen Jahr – er bekam damit 7,7 Millionen Euro mehr als Siemens-Chef Peter Löscher und wohl auch einige Millionen mehr als der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann , der zuvor vielen als Feindbild des gierigen Managers diente.

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise sagen viele: Solche Gehälter sind zu hoch. Die Occupy-Bewegung von der Wall Street bis Frankfurt zog gegen die vermeintliche Gier zu Felde. Und selbst der Verband der Familienunternehmer kritisierte nun zu hohe Managergehälter. Bezüge von 17 Millionen Euro seien unangemessen, würden Sitten und Gehaltsstrukturen verderben.

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Die höhere Entlohnung eines Chefs steht im richtigen Verhältnis zu seiner Leistung, argumentieren dagegen die US-Ökonomen Edward Lazear, Kathryn Shaw und Christopher Stanton. Gemeinsam beschreiben die Forscher, was sie Boss-Effekt nennen: Ein guter Chef beeinflusst die Leistung der Mitarbeiter, indem er sie motiviert und ihnen Neues beibringt. Während ein Mitarbeiter nur über seine eigene Leistung bestimmt, steigert ein guter Chef das Output des gesamten Teams.

Die Wissenschaftler haben die Leistung der Angestellten eines großen Dienstleistungskonzerns über vier Jahre hinweg untersucht. Mitarbeiter beurteilen, ob Kunden Anspruch auf Versicherungsleistungen haben. Andere arbeiten etwa als Kassierer. Bei diesen Jobs kommt es nicht auf Teamarbeit an. Zwar versuchen neue Mitarbeiter, ihren Arbeitseinsatz dem der anderen anzugleichen. Die Studie zeigt aber: Wirtschaftlich gesehen, ist das irrelevant.

Der Vorgesetzte beeinflusst die Leistung der Angestellten dagegen stark. Um Aufgaben schnell und komplett zu erledigen, müssen Mitarbeiter wissen, welche Schritte abzuarbeiten sind. Ändert sich etwas, liegt es am Chef, Informationen rasch weiterzugeben und zu erklären. Dann können Angestellte sich anpassen – und ihre Arbeitsleistung erhöhen. Die Firma steigert durch die höhere Leistung der Mitarbeiter ihre Produktivität.

Aber lässt sich der Wert eines Chefs genau beschreiben? Das Beratungsunternehmen Towers Watson versucht es. Es stellt jedes Jahr die Entwicklung der Direktvergütung und der Boni, die Dax-Unternehmen ihren Vorstandsvorsitzenden zahlen, dem Ergebnis je Aktie des Konzerns gegenüber. Bei Volkswagen beispielsweise stieg Martin Winterkorns Grundvergütung 2011 um neun Prozent, sein Bonus um 130 Prozent – das Ergebnis je Aktie kletterte um 118 Prozent.

Auch Lazear und Kollegen kommen zu einem eindeutigen Ergebnis: Ein Chef trägt 60 Prozent mehr zum Firmenerfolg bei als die direkten Untergebenen. Setzte die Konzernleitung auf einen zusätzlichen Chef, arbeitete das Team zwölf weitere Anfragen ab. Ein zusätzlicher Angestellter schaffte nur 7,5 Arbeitsaufträge mehr. Zudem komme es auf die Führungsqualitäten an: Ersetzte ein Chef, der zu den besten zehn Prozent zählte, einen schlechten Chef, erledigte das Team seine Aufgaben effizienter. Die Forscher folgern daraus, dass es völlig angemessen ist, wenn der direkte Vorgesetzte zwischen 50 und 100 Prozent mehr verdient als Angestellte. Entsprechend höher fällt der Boss-Effekt über mehrere Hierarchiestufen eines Konzerns aus.

Martin Winterkorn könnte dann völlig angemessene 17,4 Millionen Euro verdient haben. Allein im vergangenen Geschäftsjahr machte Volkswagen einen Betriebsgewinn von 11,3 Milliarden Euro, die Dividende will der Konzern von 2,20 Euro auf drei Euro je Stammaktie erhöhen. Jeder Mitarbeiter in Deutschland soll eine Prämie von 7.500 Euro erhalten.

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Leserkommentare
  1. "Bei Volkswagen beispielsweise stieg Martin Winterkorns Grundvergütung 2011 um neun Prozent, sein Bonus um 130 Prozent – das Ergebnis je Aktie kletterte um 118 Prozent."

    Wird hier nicht Ursache und Wirkung verwechselt? Die Boni und Gehälter der Vorstände steigen, wenn die Ergebnisse besser sind.

    2 Leserempfehlungen
  2. ...moralisch sind solche Beträge nicht zu verteidigen - und mir ist klar das der Artikel im Wirtschaftsbereich und nicht "Zeitgeschehen" oder "Gesellschaft" steht.
    Wirtschaftlich betrachtet kann man solche Gehälter schon rechtfertigen, aber man muss(!) da eher langfristig denken.
    Eine Entscheidung die einem Manager heute Millionenboni bringt, kann das Unternehmen in drei oder fünf Jahren in echte Schwierigkeiten bringen.
    Aber dann ist der Bonus bereits bezahlt und der Manager erhält einen Bonus damti er das Unternehmen verlässt, während die "kleinen" Angestellten und Arbeiter den Schaden reparieren dürfen und der Steuerzahler darfs blechen - womit wir wieder bei der Moral wären.

    13 Leserempfehlungen
  3. Einen faden beigeschmack bekommt die Sache nur, wenn Manager ihre Firma in den Ruin treiben bzw. nur schlechte Ergebnisse vorweisen können, dann aber mit Millionenabfindungen verabschiedet werden.

    Mitarbeiter können auch negativ beeinflusst werden, der "Boss" Effekt wirkt auch in die andere Richtung.

    Im Fall Winterkorn sehe ich also kein Problem, ich respektiere diesen Mann und seine offensichtliche Leistung. Ich hoffe nur er macht nicht die gleichen Fehler wie Herr Wedeking.

  4. Genauso wie es sich lohnt Giftmüll einfach ins Meer zu kippen als teuer zu entsorgen.

    Die Aufgabe der sozialen Marktwirtschaft ist es eigentlich derartige Effekte zu bekämpfen die gut für einzelne aber schlecht für die Gesellschaft sind.

    Und wenn Einzelne sehr viel verdienen (und im allgemeinen nicht ausgeben weil sie eh schon genug haben) und andere sehr wenig ist das schlecht für die Gesellschaft, da immer mehr Geld in der Finanzwirtschaft landet und immer weniger Geld in der Realwirtschaft.

    Alles alte Schuhe, nur interessieren tut es keine Sau.

    12 Leserempfehlungen
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    • agaha
    • 23. März 2012 22:19 Uhr

    was Sie geschrieben haben. Und dann vielleicht noch als Ergänzung: makroökonomisch ist es sehr schlecht, wenn zuviel Geld in der Finanzwirtschaft landet, da das Geld, wenn es gespart wird, nicht mehr im Umlauf ist. Say argumentierte zwar, durch mehr Gespartes sinken die Zinsen auf Kredite und die Investitionen müssten dadurch wieder steigen, allerdings rechnete der Mann leider nicht damit, dass die Leitzinsen eines Tages ohnehin schon auf 1% runter sein könnten und Kredite so billig würden, dass dieser Effekt praktisch nicht mehr existent ist.

  5. Also ich finde Hernn Winterkorn äußerst sympathisch. "Jeder Mitarbeiter in Deutschland soll eine Prämie von 7.500 Euro erhalten." Für manchen sind das Zwei oder Drei Monatsgehälter.

    Was ich jedoch nicht weis ist, ob es für den einzelnen Mitarbeiter nicht besser wäre, befristete in unbefristete Verträge oder doch lieber eine Gehaltserhöhung in Betracht zu ziehen. Einmalig 7.500€ mehr auf dem Konto zu haben ist dennoch nicht zu verachten. Wobei da wieder das Wörtchen "soll" ist welches ein "kann sein, muss aber nicht" bedeuten könnte, aber ich will den Teufel nicht an die Wand malen.

  6. ...Eigentümer, Geschäftspartner, Kunden, Mitarbeiter, - der hat auch für sich ein wenig Glück verdient.

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    ja, ein wenig Glück verdient, aber nicht Gott auf Erden zu sein!

  7. "Die Occupy-Bewegung von der Wall Street bis Frankfurt zog gegen die vermeintliche Gier zu Felde."

    It's not over until it's over!

    Ist alles vorbei oder wie? Die Wall Street zwar nicht gezähmt, die Banken nicht in Schranken und die Managergehälter steigen wieder. Aber trotzdem schreibt die renovierte Zeit, dass Occupy tot ist. Die Revolution ist also zu Ende. Niedergeschlagen von Polizisten, von Konzernen, vom Geld was geflossen ist. Ist sie das?

    Und jetzt ist es sogar nur noch "vermeintliche Gier". Solche Studien werden von eben diesen gierigen Chefs auf ihren eigenen Wunsch gemacht und von ihnen finanziert. Schade, wenn das auch noch so gut klappt. Ich lass mich nicht veräppeln.

    4 Leserempfehlungen
  8. Das fände ich gerechtfertigt und jeder Sozialarbeiter Grundeinkommen von 100000 Euro pro Jahr.

    Ich mein das ernst!

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  • Schlagworte Martin Winterkorn | Volkswagen | Josef Ackermann | Aktie | Bonus | Chef
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