Martenstein"Im Moment des Aussortierens gefallen sie mir plötzlich wieder"

Harald Martenstein über das Wegwerfen alter Kleidungsstücke von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Jedes Jahr im Frühling, oder fast jedes Jahr, oder, ehrlich gesagt, etwa alle fünf Jahre gehe ich an den Kleiderschrank und sortiere meine Garderobe. Es gibt drei Kategorien: »Kann bleiben«, »Geht gar nicht mehr« und »Geht eventuell«. Eigentlich kaufe ich niemals Textilien. Seltsamerweise ist der Schrank trotzdem voll.

Ich habe eine Quotenregelung: Dreißig Prozent sollen aussortiert werden. Was gar nicht mehr geht, sind Kleidungsstücke mit Löchern, Kleidungsstücke im Endstadium der Verfilzung und weiße Hemden, deren Kragen eine Farbe hat wie der Urin eines Leberkranken. Schwierig zu beurteilen sind Kleidungsstücke, die noch tadellos in Schuss sind, aber dem heutigen Modeideal nicht mehr entsprechen. Alle Moden kommen irgendwann wieder, das weiß man. Schwierig einzuschätzen sind auch Hosen, die nicht mehr passen. Vielleicht gelingt es mir eines Tages, wieder abzunehmen, was dann? Außerdem fallen mir immer wieder Textilien in die Hand, die trotz ihres Alters recht ansprechend aussehen, die passen und deren Zustand tadellos ist, die ich aber in den vergangenen fünf Jahren kein einziges Mal getragen habe.

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Vielleicht gefallen sie mir einfach nicht. Das wäre denkbar. Aber in dem Moment, wo es ums Aussortieren geht, gefallen sie mir plötzlich wieder. Es gibt Hemden, die mir seit fünfzehn Jahren immer wieder einige Sekunden lang gefallen. Dann tue ich sie in den Schrank zurück, woraufhin sie mir wieder fünf Jahre lang nicht gefallen.

Seit einiger Zeit besitze ich das Sommerhaus mit Garten. Es steht auch ein Kleiderschrank dort. Also schaffe ich die gesamte »Geht eventuell«-Kategorie in das Sommerhaus. In letzter Sekunde tue ich immer noch ein paar Stücke aus der »Geht gar nicht mehr«-Kategorie dazu, die Jeans aus dem Indienurlaub von 1981, so ausgeleiert, dass ich ruhig einige weitere Kilos zunehmen darf, den kulturhistorisch bedeutsamen Blazer, den ich trug, als ich meine erste Glosse im Lokalteil schrieb, über den Besuch des Dichters Thomas Mann in unserer Stadt, oder das Hemd, auf dem die Katze, die ich vor dem Kater hatte, der vor zwei Jahren an Altersschwäche gestorben ist, damals Junge gekriegt hat. Ich sage mir, dass ich diese Sachen bei der Gartenarbeit tragen werde. Ehrlich gesagt arbeite ich gar nicht so oft im Garten. Aber ich bin inzwischen so üppig mit Gartengarderobe ausgestattet, dass ich einen vollen Monat hindurch jeden Tag bei der Gartenarbeit etwas anderes anziehen könnte. Wenn ich aber im Dorf spazieren gehe, dann sehe ich aus, als ob ich Statist in einem Film über die Popgruppe Abba bin.

Die Psychologen sagen, dass es zwei Ursachen gibt. Eine Ursache ist die Vergangenheit des Menschen als Jäger und Sammler. Wir wollen Vorräte sammeln. Die zweite Ursache ist die Sehnsucht nach Geborgenheit. Alte, bekannte Dinge verschaffen uns die Illusion, die Welt sei übersichtlich, vertraut, die Welt sei unser Freund. Immer dann, wenn ich dies denke, fühle ich mich stark und gehe ins Internet. Ich trage mein grün-weiß gestreiftes Taucher-T-Shirt aus Ibiza , meine Schimanskijacke mit dem lila Futter und die wadenlange braune Breitcordhose, in der ich Examen gemacht habe. Im Internet, als Kommentar zu meiner Kolumne, schreibt ein gewisser Thomas aus Gotha, ich würde »die Denkweise des derzeitigen Bürgertums ziemlich exakt abschreiten«. Selten hat mich ein Lob so erfreut. Über Thomas Mann hat Alfred Döblin ja gesagt, er erhebe »seine Bügelfalte zum Kunstprinzip«. Könnte es tatsächlich sein, lieber Leser aus Gotha, dass ich der neue Thomas Mann bin?

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Leserkommentare
  1. Auf jeden Fall sind Sie unterhaltsamer als Thomas Mann ;-)

    • Kometa
    • 22. März 2012 10:36 Uhr

    Gibt's auch mal - als bursch(i)kose Alternative zur Ironie - den Th. M im Schiffschaukelbremserhemd?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    …als Liliom?

  2. …als Liliom?

  3. ... der "Kleidungsstücke mit Löchern, Kleidungsstücke im Endstadium der Verfilzung und weiße Hemden, deren Kragen eine Farbe hat wie der Urin eines Leberkranken" AUS dem Schrank holt, möchte ich nicht im Flugzeug sitzen (unter anderem ...).

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    aber saßen Sie schon mal... :(

  4. aber saßen Sie schon mal... :(

    Antwort auf "Neben einem, ..."
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    ;-)

  5. schon seit langem FAN von martensteins kolumnen. ("die gedanken sind frei"...zb etc..)
    obiges ZUTREFFENDE kann man dahingehend steigern :
    die mühsam aussortierten klamotten zusammengepackt, zur caritas marschiert, und dann, wenn die ausgewählten guten stücke ausgebreitet vor einem liegen (sind sie nicht schön?) - tja, dann wird gemurmelt : "was?? das wollt ich aber behalten...." u das ein oder andere teil schief grinsend wieder eingesammelt und in der ausgebeulten tasche zurück nach hause transportiert. alles schon erlebt.--!

  6. Wer heutzutage noch wärmende Bekleidung entsorgt,hat selbst
    schuld wenn er in den kommenden harten Wintern friert.
    Kosten für angenehme Wärme werden in der Zukunft immens
    zunehmen.Die Spekulanten reiben sich die Hände über den
    zu erwarteten Profit.

    Deshalb, Herr Martenstein, bewahren Sie ihre abgetragenen
    Fetzen Stoffe gut auf. Jedes Stück Kartoffelsack-Gabardine aus russischer Produktion hat einen größeren Wert als ein
    Schicki-Micki-Fetzen westlicher Kunststoffproduzenten.

    Nur mit erwärmten Fingern lassen sich gute Texte schreiben.

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    Ich hoffe, Sie haben genügend Konserven in ihrem Atombunker.

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Thomas Mann | Alfred Döblin | Frühling | Garten | Internet | Jeans
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