RechtsextremismusUpdate für Nazis

Webdesign ohne Hakenkreuz – eine rechtsradikale Organisation verpasst Straßenschlägern und Skinheads im Internet ein neues Image von 

Unsterblichen-Aufmarsch in Bautzen

Unsterblichen-Aufmarsch in Bautzen  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

Ein Treffen hat der Mann abgelehnt, steht man aber unangemeldet vor ihm an seiner Haustür in einem Plattenbau im brandenburgischen Lübbenau, bleibt er überraschend gelassen. Ein schmächtiger junger Mann in Turnschuhen, schwarzer Hose, dunklem Pullover. Die Haare trägt er kurz. Nachbarn beschreiben ihn als unauffällig, ruhig, zuvorkommend. Das ist also Marcel Forstmeister, der Mann, der mit dem rechtsextremen Netzwerk Spreelichter gerade die Nazi-Propaganda im Internet neu erfindet. Er sehe sich als Puppenspieler, der im Hintergrund die Fäden zieht, sagt der Rechtsextremismus-Experte Dirk Wilking, Leiter der Mobilen Beratungsteams in Brandenburg. »Einer, der nicht gemocht, sondern später einmal bewundert werden will.«

»Herr Forstmeier, was ist das Ziel der Spreelichter?«

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»Zu den Spreelichtern kann ich nichts sagen, aber wenn Sie mir Ihre Nummer geben, rufe ich Sie am Abend an.« Das macht er tatsächlich – um zu sagen, dass er keinen Grund sehe, seine Person in den Vordergrund zu stellen. Man möge von weiteren Anfragen absehen.

Die Spreelichter sind der Internet-Ableger eines Bündnisses rechtsradikaler Gruppen, die südlich von Berlin agieren. »Eine technisch versierte Truppe, die ständig neue Ideen und Kampagnen entwickelt, und Forstmeier ist ihr Kopf«, heißt es beim Verfassungsschutz. »Sie sind zu allem fähig«, sagt der Rechtsextremismus-Experte Professor Hajo Funke. »Der ideologische Kern ist kein anderer als der der NSU« – jener Nazibande also, die als »Nationalsozialistischer Untergrund« über zehn Jahre lang unentdeckt mordend durch Deutschland zog.

Forstmeier selbst war im Jahr 2005 als Mitglied der Gesinnungsgemeinschaft Südostbrandenburg, einer Vorläuferorganisation der Spreelichter, bei einem Überfall auf einen Jugendklub in Cottbus dabei, drei Jugendliche wurden damals schwer verletzt. Das Verfahren läuft bis heute. Aus dieser Zeit ist Forstmeier eng bekannt mit Maik Eminger, dem Bruder von André Eminger, dem mutmaßlichen Produzenten der Paulchen-Panther-Videos des NSU. Maik Eminger gilt als einer der führenden Köpfe der Volkstod-Bewegung in Potsdam, die eng mit den Spreelichtern verbandelt ist.

Forstmeier ist 30 Jahre alt, er hat Informatik studiert und arbeitet jetzt in einer IT-Firma. In seinem Umfeld heißt es, er habe sich schon früh radikalisiert. In der Schule kam er nicht gut zurecht, er blieb einmal sitzen und wurde von seinen Mitschülern wegen seines Idioms als »der Sachse« verspottet. Einer, der ihn von früher kennt, sagt, dass er Probleme gehabt habe, Mädchen kennenzulernen. Schon mit 13, 14 habe er gegen Ausländer gewettert. Auf einer inzwischen verschwundenen Website für »germanische Partnerschaften« gab Forstmeier 2001 als Interessen »Kunst, Kultur und nationaler Freiheitskampf« an.

Vor seinem Studium war Forstmeier längere Zeit arbeitslos. Mit einem Bildungsgutschein des Arbeitsamtes absolvierte er einen Existenzgründer-Workshop. Eine ehemalige Mitarbeiterin erinnert sich an ihn als »graue Maus«, pünktlich, nüchtern, schüchtern, blass.

Seine Ausstrahlung zeigt sich im Internet. Dirk Wilking vom Mobilen Beratungsteam nennt Forstmeier einen »Methodenspezialisten für Propaganda«. Die erfolgreichste Form seiner rechtsextremen Online-Mobilisierung heißt »Die Unsterblichen«. Mal sind es nur ein paar wenige, mal mehr als 300, so wie 2011, als sie in die sächsischen Städte Bautzen und Stolpen einfielen – Männer mit weißen Masken, schwarz gekleidet, Fackeln in den Händen, auf Transparenten ihre Kernbotschaft: »Die Demokraten bringen uns den Volkstod«. Mehr als 20 solcher Flashmob-Aktionen hat es bundesweit seit Mai 2011 gegeben. Nach längstens 30 Minuten ist der Spuk vorbei – zumindest in der jeweiligen Stadt. Im Internet geht er dann erst richtig los. Auf der Seite der Spreelichter und verschiedenen anderen Plattformen erscheinen Videodokumentationen in HD-Qualität, professionell produziert, die wie Trailer zu kostspieligen Kinofilmen wirken. Die Musik ist heroisch, die Szenerie mystisch und bedrohlich, die Bilder erinnern an die Fackelmärsche der Nationalsozialisten durchs Brandenburger Tor im »Dritten Reich«. Es sind Menschenfängervideos, die zeigen sollen: Die Straße gehört uns. Wie in Werbeclips werden die Zuschauer zum Mitmachen aufgefordert: »Dein kurzes Leben mach unsterblich.«

Die Ermittlungsbehörden beschäftigen sich seit Monaten mit den rechten Flashmobs. Im Januar durchsuchte die Polizei in vier ostdeutschen Bundesländern insgesamt 44 Wohnungen mutmaßlicher »Unsterblicher«, Anfang März wurden bei einer weiteren Razzia in 17 Wohnungen in Hamburg und Niedersachsen Gas- und Schreckschusswaffen, Tränengaswurfkörper, Hakenkreuzfahnen und Masken sichergestellt. An den Internetserver der Truppe kommen die Ermittler nicht heran, er steht unerreichbar in der Schweiz. Die Firma Softronics, die den Server bereitstellt, sagt: »Solange die Betreiber nicht gegen die Vertragsbestimmungen verstoßen, und das tun sie nicht, haben wir keine Handhabe.«

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