ChinaEin zweigesichtiges Wesen

Chen Ping war ein Kommunist und Reformer, dann machte er ein Vermögen. Heute kämpft er für ein anderes China.

Szene in einem Juwelier in Nanjing im Osten Chinas

Szene in einem Juwelier in Nanjing im Osten Chinas

Die Stimme. Rauchig und leise. Er spricht langsam, als habe er alle Zeit der Welt. Man kennt das, woher nur, ach ja, Marlon Brando in Der Pate. Sollten sie irgendwann noch mal einen chinesischen Synchronsprecher suchen, Chen Ping wäre der Mann.

Man sieht ihm nicht an, dass Forbes ihn unter die 50 reichsten Chinesen rechnete. Die grobe Wollmütze, wie sie Matrosen an Bord eines Walfängers tragen. Das Hemd, offen bis zum dritten Knopf, hochgekrempelt an den Ärmeln. Die graugrüne Jacke im Militärstil.

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Er nennt sich selbst »ein zweigesichtiges Wesen«. Das eine Gesicht gehört einem Investor, der marode Firmen aufkauft, zerlegt, umstrukturiert und teurer weiterverkauft. »Das ist wie Bauklötzchenspielen«, sagt er. Das andere Gesicht gehört einem Intellektuellen mit einer Mission.

Chen leistet sich einen Fernsehkanal, mit dem er von Hongkong aus nach China sendet. Satellitenfernsehen ist in China untersagt und offiziell nur an ausgewählten Orten wie Luxushotels zu empfangen. Doch haben Millionen Chinesen Schüsseln montiert und empfangen I Sun, Chens Kanal. Oder sie können sein zweiwöchentlich erscheinendes iPad-Magazin herunterladen.

Chinas Reiche

Überall in China finden sich neue Reiche, die die wirtschaftlichen Freiheiten für sich nutzen konnten. Jene, die sich wie Chen Ping für politische Reformen einsetzen, hingegen trifft man selten. Lange Zeit glaubte man im Westen, dass der Kapitalismus automatisch auch Demokratie bringen würde. Denn wer wohlhabend sei und selbstbewusst, der werde doch irgendwann Mitbestimmung einklagen, dachte man, so wie es im 18. Jahrhundert die Amerikaner taten: No taxation without representation – keine Besteuerung ohne eine politische Vertretung.

Gewerkschaften

Doch die Demokratie in China blieb aus. Die chinesischen Unternehmer erhoben sich nicht, sondern arrangierten sich. Sie verhandeln mit den Repräsentanten des Regimes in Hinterzimmern. Oft fühlen sich die Unternehmer von den Mächtigen in der Partei sogar ganz gut vertreten: Es gibt keine unabhängigen Gewerkschaften, und es herrscht politische Stabilität. Der Wechselkurs der Währung wird künstlich niedrig gehalten, was der Exportwirtschaft nützt. Nicht wenige Unternehmer halten das für ideale Bedingungen.

Umverteilung

Unterdessen nimmt die Ungleichheit der Einkommen im Land weiter zu – und wird zu einem Politikum. Die Regierung veröffentlicht den sogenannten Gini-Koeffizienten – eine Maßzahl zur Darstellung von Ungleichverteilungen – mittlerweile nicht mehr. Während viele Chinesen in bitterer Armut leben, genießen die Reichen ein Luxusleben.

70 Millionen Menschen, sagt Chen, erreiche er in China. Mit einem solchen Publikum ließe sich Geld verdienen, aber das möchte Chen nicht. »Wenn du mit Medien Geld machen willst, musst du vor der Politik, dem großen Kapital niederknien. Ich will nicht knien, sondern stehen. Ich will Politik und Kapital kritisieren können.« Chen leistet sich seine Medien, weil er etwas zu sagen hat.

Er studierte Elektrotechnik und las abends Kant und Schopenhauer

Das Redaktionsgebäude im Westen Hongkongs. Der Blick aus dem Fenster geht auf Mietskasernen, ein Parkhaus und dahinter, wie ein Bild in Beton gerahmt, ein Stück Freiheit, Sehnsucht, Meer. Um den Tisch hat sich die Redaktion versammelt, junge Menschen aus China, Taiwan und Hongkong. An eine Tafel hat einer die Zeichen für »Gehirnwäsche« geschrieben und darunter »gegen Gehirnwäsche«. Ein junger Bärtiger sagt: »Sie zensieren unser iPad-Magazin also. Was können wir daraus lernen? Wie können wir die Zensur umgehen?«

Die Präsidentschaftswahlen in Taiwan sind in dieser Woche im Januar das große Thema. Im Internet veranstalten die Redakteure mit Usern ein Forum: Wie funktioniert eine Wahl? Wie werden Stimmen ausgezählt? Die Wahl in Taiwan stieß bei den Bloggern Chinas auf großes Interesse. Zum ersten Mal, so war ihr Eindruck, war das keine Schlammschlacht, die das Hässlichste der Demokratie zum Vorschein brachte, sondern ein fairer Wettkampf. Die unterlegene Herausforderin trat nicht hasserfüllt nach, sondern würdevoll zurück. »Warum?«, fragten viele Blogger, »können wir unsere Regierung nicht auch so auswählen?«

Leserkommentare
  1. In nur einem menschlichen Lebensalter haben wir bereits den Fall vieler brutaler Diktatoren und Potentaten miterlebt. Unter den ca. 200 Mitgliedern der UNO sind die Diktaturen und "Monarchien" jedoch bis heute in der Mehrheit, aber es werden fast jedes Jahr weniger. Das ist immerhin ein Hoffnungsschimmer.

  2. Diktatur,Unterdrückung und Paternalismus scheinen irgendwie doch nicht dazuzugehören. Herr Chen scheint irgendwie nicht mitgekriegt zu haben, daß Menschenrechte eine eurozentrische, neokolonialistische Verschwörung sind.

    (...) Gekürzt. Verzichten Sie bitte auf Unterstellungen. Die Redaktion/kvk

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