Seit zehn Monaten lebt Ljubow Kowaljowa, Telefonistin aus der Provinzstadt Witebsk, Weißrussland , in einem Albtraum: Ihr Sohn Wladislaw, Elektriker in Minsk , war auf einer nächtlichen Party wegen Ruhestörung von Nachbarn angezeigt und auf die Polizeiwache gebracht worden. Nach einer Verhörnacht, bei der Wladislaw offenbar gefoltert wurde, hat ihn Diktator Alexander Lukaschenko im Fernsehen als geständigen Mittäter des Attentats auf die Minsker U-Bahn präsentiert: Er sollte mit seinem Kumpel Dmitrij am 11. April 2011 durch einen Sprengstoffanschlag 15 Menschen getötet und über hundert verletzt haben .

Wladislaw und sein Kumpel Dmitrij wurden zum Tode verurteilt . Am vergangenen Freitag fand Ljubow Kowaljowa einen knappen Vermerk der Staatsanwaltschaft in ihrem Briefkasten, der sie über die Hinrichtung ihres Sohnes unterrichtete. Das genaue Todesdatum und der Begräbnisort werden der Familie nicht bekannt gegeben. Nicht nur der Hingerichtete soll Opfer sein. Dieses System hält auch Strafen für die Angehörigen bereit. Sie sollen keinen Ort für würdiges Gedenken und Trauer haben.

Es war ein u ngewöhnlich schneller Vollzug der Hinrichtung nach einem Verfahren ohne Revision. Offenbar wollte Lukaschenko die wahren Hintergründe des Attentats verschleiern – denn nichts an dieser Geschichte ergibt Sinn. Weder war Kowaljowas Sohn je auffällig geworden, noch bewegte er sich in dunklen Kreisen. Er sollte Komplize des Elektrikers Dmitrij Konowalow gewesen sein, einem einfachen Mann aus dem Traktorenwerk in Witebsk. Dieser hatte durch das Internet eine junge Frau kennengelernt, mit der er sich in Minsk treffen wollte. Die beiden Freunde mieteten für drei Tage eine Wohnung und begannen eine große Sause. Das sollte ihnen zum Verhängnis werden.

Die Mutter von Wladislaw, Ljubow Kowaljowa, suchte trotz Drohungen durch den KGB Hilfe im Ausland. Ich traf sie in Straßburg . Eine schmale Frau, für die der Weg aus der Provinzstadt Witebsk eine Weltreise gewesen sein muss. Der ganze Körper gezeichnet von dem Schrecken, der durch Zufall in ihr Leben getreten war. Wie mancher, der sich in seiner letzten Not an den Europarat wendet, hatte sie das Gefühl, nichts mehr verlieren zu können.

Entlastungszeugen zum Schweigen gebracht

Das Regime, das der Mutter über Monate hinweg nur ab und an für zehn Minuten Zugang zu ihrem Sohn gewährt hat, bot ihr just für den Besuchstag im Europarat einen perfiden Deal an: Keine Reise nach Straßburg, und du darfst deinen Sohn für drei Stunden treffen.

Ihren Sohn beschrieb sie als schon gebrochen: die Gelenke schmerzend von den ständig zu tragenden Handschellen, auch in Haft. Als sie protestieren wollte, winkte er müde ab. Es war die Geste dessen, der schon zu zermürbt ist, um sich aufzubäumen.

Der Prozess gegen die beiden jungen Männer zeigte alle Züge eines Schauprozesses. Lange Zeit fand sich kein Anwalt, der den Mut hatte, den Angeklagten zur Seite zu stehen. Die Staatsanwaltschaft präsentierte manipulierte Videos von Überwachungskameras aus der U-Bahn. Diese zeigten eine dunkle Gestalt samt Aktenkoffer mit der mutmaßlichen Bombe. Nur: Ein beim Anschlag schwer verletztes Opfer bezeugte, er habe weder den Angeklagten noch die Aktentasche am Tatort gesehen.

Entlastungszeugen wurden zum Schweigen gebracht. Das gefällte Urteil stützte sich auf die Geständnisse von Angeklagten, die unter Folter erpresst worden waren. Noch im Prozess widerrief Wladislaw Kowaljow dieses Geständnis, obwohl ihm für diesen Fall vom KGB mit Erschießung gedroht worden war. Er sei geschlagen worden, und die Schreie seines Freundes Dmitrij aus dem Nachbarraum hätten ihn mit Schrecken erfüllt. Der war offensichtlich während des Verhörs schwer misshandelt worden.

Als Tatmotiv präsentierte die Staatsanwaltschaft die »Destabilisierung des Landes«. Die Fabrikarbeiter Dmitrij Konowalow und Wladislaw Kowaljow waren aber während des Prozesses nicht in der Lage, zu erklären, was »Destabilisierung« überhaupt bedeutet. Die Staatsanwaltschaft nutzte die Gunst der Stunde und bereinigte gleich noch zwei unaufgeklärte Anschläge von 2005 und 2008, die den beiden zugeordnet wurden. Damit waren diese Fälle abgeschlossen. Direkt nach dem Prozessende wurden alle Beweismaterialien vernichtet.