Es gibt wenig, was Peer Steinbrück einschüchtert, und amerikanische Ökonomen gehören ganz sicher nicht dazu. Aber für einen Moment verschlug es ihm die Sprache, als er sich kürzlich bei einem Harvard-Besuch anhören musste, er, der Sozialdemokrat, vertraue dem Staat nicht genug. Die Regierung müsse mehr Geld ausgeben, statt zu sparen. Früher hätte man aus Amerika immer das Gegenteil gehört, beschwerte sich der mögliche Kanzlerkandidat.

So ändern sich die Zeiten: Sanierer und Liberalisierer haben so wenig zu melden wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Stattdessen schwillt ein Kümmerdiskurs an, besetzt den öffentlichen Raum und macht sich in den Parteien breit.

Schneller, als Steinbrück gucken kann.

Die historische Zäsur kündigt sich schon länger an, wurde aber von der Banken- und Staatenschuldenkrise hinausgezögert. Doch nun, seit es an den Finanzmärkten ruhiger ist, muss man nur hören, wie die Bundeskanzlerin mit den Chefs der großen Wirtschaftsverbände spricht: Ja, ja, sagte Angela Merkel vergangene Woche, als sie nach weiteren Wirtschaftsreformen gefragt wurde. Ja, ja.

Was ist ökonomisch richtig und zugleich gerecht? Was ist zu tun, damit es möglichst vielen im Land noch besser geht? Die Empfehlungen der Liberalisierer findet man nur noch im Archiv. Milton Friedman war gestern, schick ist es heute, sich in der Occupy-Bewegung auszukennen. Selbst Margaret Thatcher , Ikone aller Staatsgegner und Hassfigur ganzer Gewerkschafter-Generationen, ist im Kino nur noch als schwächelnde Demenzpatientin zu sehen.

Symptomatisch für den Wandel sind die Wortmeldungen des liberalen Ökonomen Wolfgang Franz . Er ist Chef der fünf "Weisen" und damit offiziell Berater der Bundesregierung . Franz war ein Vordenker für die rot-grünen Reformen am Arbeitsmarkt und bei den Renten , doch heute führt der Mann einen Abwehrkampf – zuletzt gegen einen gesetzlichen Mindestlohn . Einige Wirtschaftswissenschaftler springen ihm bei: sein designierter Nachfolger Clemens Fuest, Michael Hüther vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln und Hans-Werner Sinn vom Münchner ifo Institut. Vergeblich. Die CDU will den gesetzlichen Mindestlohn, die SPD sowieso, selbst einzelne FDP-Politiker sind neuerdings dafür. Niemand macht sich hingegen für unangenehme Strukturveränderungen stark. Wenn in Berlin von harten Sozialreformen gesprochen wird, sind Griechenland oder Portugal gemeint. Gerade erst sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble die lange angekündigte Reform der Mehrwertsteuer ab, die Subventionen abschaffen sollte, aber kurzfristigen Ärger mit Lobbygruppen bedeutet hätte.

Ein wesentlicher Grund dafür, dass keiner mehr auf die Liberalisierer hört, ist ihr Erfolg. Ohne ihn gäbe es die Kümmerdebatte nicht, und so widerspricht ihnen auch niemand aus Prinzip. Ihre Gegner sind geschickter, sie sagen: sanieren und reformieren – ja. Aber bitte nicht jetzt, bitte nicht mehr so.

Wie ließe sich auch bestreiten: Die deutschen Konzerne sind wettbewerbsfähiger denn je. Sie haben ihren Anteil an der globalen Industrieproduktion von 6,5 Prozent in den vergangenen zehn Jahren gehalten, während die anderen westlichen Staaten gegenüber den Schwellenländern deutlich zurückgefallen sind. Welches Verdienst den Liberalisierern dabei zukommt? Ein großes. Sie haben intellektuell die Auflösung der staubigen Deutschland AG vorbereitet, jener Wirtschaftsepoche, in der kein Manager dem anderen wehtat, weil man einander erst in die Aufsichtsräte berief und sich dann gegenseitig schützte.