Peter Raue"Wie Magneten gingen wir aufeinander zu"

Rechtsanwalt Peter Raue über den Augenblick, in dem er seinen leiblichen Vater und damit seine jüdische Identität kennenlernte. von Herlinde Koelbl

ZEITmagazin: Herr Raue, Sie haben erst mit 35 Jahren erfahren, dass der Vater mit dem Sie aufgewachsen sind, nicht Ihr leiblicher ist.

Peter Raue: Ja, als ich, um heiraten zu können, eine Geburtsurkunde benötigte, hat meine Mutter mir diese übergeben mit dem Bekenntnis, mein Vater sei Wolfgang Vrieslander – ihre große Liebe –, den sie nicht heiraten konnte, weil er »Halbjude« war mit »volljüdischen« Großeltern. Dessen Mutter, eine geborene Ephraimsohn, hat versucht, die Heirat ihres Sohnes mit meiner Mutter mit der Behauptung zu ermöglichen, sie sei ein Findelkind und mit den Ephraimsohns nicht verwandt. Meine Großmutter musste sich beim »Sippenforschungsamt« einer »anthropologischen Untersuchung« unterziehen – mit dem Ergebnis, dass sämtliche »signifikanten Merkmale auf jüdische Abstammung« hindeuteten. Der Vater wanderte aus nach Kanada , meine Mutter heiratete Carl Raue.

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ZEITmagazin: Was für ein Verhältnis hatten Sie zu Ihren Eltern?

Peter Raue

71, ist Jurist und Kunstliebhaber. 31 Jahre lang war er Vorsitzender des Vereins der Freunde der Nationalgalerie und holte in dieser Funktion auch die erfolgreiche MoMA-Ausstellung nach Deutschland. Als Anwalt beschäftigt er sich vor allem mit Urheberrechtsfragen. Raue ist seit 2006 zum zweiten Mal verheiratet – mit Andrea Gräfin Bernstorff – und hat zwei Kinder.

Raue: Ich hatte eine wunderbare, zugewandte Mutter und einen Vater, der kein gutes Haar an mir gelassen hat. Seine große Liebe war mein einziger Halbbruder, der genau so war wie er: sportlich, sehr gut aussehend, an Schulischem nicht interessiert. Der Carl-Vater hasste es, wenn er mich Bücher lesen sah (»Du tust schon wieder nichts«), wenn ich in der Schule Theaterfahrten organisierte (»Das ist doch reine Angeberei«), und wenn er unter dem Weihnachtsbaum mein Geschenk auspackte, kam regelmäßig – bevor das Papier beseitigt war – die Frage, ob er das umtauschen könne.

ZEITmagazin: Vielleicht hat Ihr Carl-Vater etwas in Ihnen gesehen, was er nicht hatte?

Raue: Lassen Sie mich es umgekehrt formulieren: In seinem leiblichen Sohn sah er sein Spiegelbild, in mir sah er nur den Fremden, den ersten Sohn seiner Frau. Auf meine Liebe und Nähe zu meiner Mutter war er eifersüchtig, gemeinsamen Mutter-Sohn-Stunden ist er misstrauisch, oft zornig begegnet.

ZEITmagazin: Sie müssen ein unglückliches Kind gewesen sein.

Das war meine Rettung
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Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen  |  © qsus/photocase

Raue: Ich hatte meine Bücher, mit 14 Jahren schon ein Theater-Abo, was mir natürlich meine Mutter geschenkt hatte, und konnte mich stundenlang in Museen aufhalten. Das war meine Welt. Aber ich war auch oft sehr einsam, geschützt und geliebt nur von meiner Mutter. Mein stets aggressiver Vater war mir fremd, und dennoch, oder gerade deshalb, hatte ich ein glückliches Leben, einen guten Beruf, mit den meisten Dingen, die ich tat, Erfolg: Ich wollte meinem Vater beweisen, was ich kann. Eigentlich habe ich nur promoviert, um seine Achtung zu erzwingen, dem Vater zu zeigen, dass ich der Taugenichts, den er in mir gesehen hat, nicht bin. Er war meine Triebfeder, solange er lebte.

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