RusslandZu Fuß durch die Eiszeit

Wer über den Baikalsee in Russland wandert, dem wird die ganze Welt zu einer glitzernden, knackenden Fläche von Andrea Jeska

Mehr als 50 Kilometer geht es über das Eis des Baikalsees.

Mehr als 50 Kilometer geht es über das Eis des Baikalsees.  |  © Inken Reimers

Natürlich wusste ich, dass es hart wird. Sibirien ist schließlich kein Robinson Club und der Baikalsee kein mecklenburgisches Seenparadies mit Cafés in Ufernähe. Aber erst als Dmitri im Morgengrauen auf der Insel Olchon sagte, nun sei die Zeit gekommen; als Anton die Eisspikes in die Schuhe schlug und ihm beim Hämmern die blanken Hände weiß vor Frost wurden; als mir der erste Windstoß des Tages unter die Steppjacke, Fleecejacke, Wetterjacke, zwei Thermounterhemden ging – erst da wusste ich, »hart« ist vielleicht der falsche Begriff. Auch Kälte, Schönheit und Erschöpfung waren auf dieser Reise nicht mehr, wofür ich sie bisher gehalten hatte. Am Baikalsee verloren Wörter ihre bekannte Definition. Und wo was begann, warum was endete und wie sich was ineinanderfügte, ich wusste es irgendwann nicht mehr. Alles löste sich auf, auch die Zeit, aus dem Einzelnen wurde das eine.

Daheim hört sich so etwas immer gut an: »Ich überquere den Baikalsee. Zu Fuß. Mitten im Winter. Ja, wir wandern, und nachts zelten wir auf dem Eis.« Ich sagte nicht, dass ich den See nur in seiner Breite von 60 Kilometern und nicht in seiner Länge von 660 Kilometern überqueren würde. Und ich sagte auch nicht, dass wir nur zwei Nächte zelten wollten, denn das kam mir ein wenig mickrig für eine Expeditionsheldin vor.

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Eigentlich mag ich keine Kälte. Und eigentlich bin ich nicht scharf auf Russland , schon gar nicht auf Sibirien . Aber Baikal, das ist ein Sehnsuchtswort, es klingt so weich; und immer habe ich dabei den wackeren Klaus Bednarz im Ohr , den Baikal-Reporter schlechthin, der alte Mütterchen und wilde Burjaten, stoische Fischer und jeden, der nicht schnell genug wegrannte, unverdrossen fragte, ob im Sowjetkommunismus alles besser gewesen sei. Der dem Baikal-Winter und der steten Bedrohung durch Wodka-Übermaß widerstehen und noch dem ödesten Kaff Romantik abtrotzen konnte. Das wollte ich auch. Ich wusste ja nicht, dass ich mit einer Gruppe reisen würde, die dem Wodka nicht zugeneigt war, und dass sich auf dem ganzen langen Weg über das Eis weder Burjaten noch Fischer blicken lassen würden, die ich fragen könnte, ob unter Stalin, Breschnew, Jelzin oder einem anderen trunksüchtigen Greis alles besser gewesen sei. Andererseits wären solche Fragen keine gute Idee gewesen, denn wir reisten zum Zeitpunkt der Präsidentschaftswahlen, und auch unter den Fischern gibt es petzende Geheimagenten. Dann hätte man uns womöglich in einer der breiten Eisspalten versenkt, die den See durchziehen. Und in die bei Nacht – so wollen es die harten Baikal-Geschichten – ganze Lastwagen fallen, weil die Fahrer wahlweise müde oder besoffen sind.

Karte Russland Baikalsee
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Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Eine dieser Spalten kreuzte auch unseren Weg. Da waren wir gerade mal ein paar Stunden gelaufen. Wir hatten das grollende Donnern gehört, als sich die Spalte ein paar Kilometer entfernt auftat und sich dann gleich wieder mit einer dünnen Eisschicht tarnte. Der Hall waberte über den See und war so überall und nirgends, dass wir die Richtung, aus der er kam, nicht ausmachen konnten. Und hätten wir Dmitri nicht gehabt, wir wären wohl in die Spalte hineingetappt. Dmitri aber, der wackere Sibirier, wanderte sie auf der Suche nach einem Übergang ab, und als da keiner war, sagte er leichthin: »Man muss wohl springen.« Und also sprangen wir.

Dmitri war unser Führer über das Eis. Ein schlaksiger 24-Jähriger aus Irkutsk mit wunderbarem Deutsch, der in so dünnen Klamotten den See bezwang, dass die älteren weiblichen Reisenden ihn stets mütterlich besorgt umgluckten. Wodka trank er nicht. Anton war auch aus Irkutsk, sah aber aus, als hätte er gelegentlich in den sibirischen Wäldern mit Bären gerungen. Er reiste mit dem Auto voraus, brachte schweres Gepäck, Zelte und Lebensmittel auf die Seemitte für uns Touristen: neun Deutsche, ein Pole. Eine Reise für Normalbürger mit sportlicher Grundeinstellung und Bereitschaft zu Komfortverzicht, hatte es in der Reisebeschreibung geheißen. Davon, dass die sibirische Kälte tatsächlich so ist wie in der einschlägigen Gulag-Literatur beschrieben, war nicht die Rede gewesen; und hätte ich vorher noch mal den alten Solschenizyn gelesen, hätte ich es mir fünfmal überlegt, mitzufahren.

Postsowjetische Hitze und natürliche Kälte

Begonnen hatte unsere Reise in Irkutsk . In Antons Wohnung verbrachten wir die erste Nacht und stöhnten über die Hitze in den Räumen. Das postsowjetische Heizsystem schien nur eine Stufe zu kennen: volle Pulle. Auf der Brücke über den Angara, den einzigen Ablauf des Baikalsees, spürten wir zum ersten Mal jenen Wind, der ins Mark geht und die Knochen schüttelt. Doch diese Begegnungen mit den sibirischen Witterungen waren noch gemildert durch die Möglichkeit der Flucht in heiße Innenräume. Erst auf Olchon wurde aus dem Geplänkel mit dem sibirischen Winter eine ernsthafte Beziehung, über deren begrenzte Dauer ich froh war.

Die Insel Olchon war der Ausgangspunkt unseres Fußmarsches über den Baikalsee; und wir fuhren dorthin über das Eis. Erst ließen wir Irkutsk, dann Dörfer, schließlich sämtliche Häuser hinter uns und mäanderten hügelauf und hügelab durch Birken- und Kiefernwälder. Die Einsamkeit machte uns still. Als wir schließlich die ins Eis eingelassenen Verkehrsschilder sahen, wurden wir wieder lebendig: Tempo 30! Vorsicht, Rutschgefahr! Überholverbot! Wir stiegen aus, und gleich pfiff uns der Wind so eisig an, dass wir überlegten, wie viele Schichten zusätzlicher Kleidung wir noch anlegen könnten. Vorsichtig, in Schuhen, die noch ohne Eisspikes waren, schlitterten wir voran, sahen Luftblasenketten, hielten uns Eisscheiben vors Gesicht, durch die wir Grimassen zogen.

Es war unsere erste Berührung mit dem Element, welches in den kommenden Tagen das einzige unter unseren Füßen, unter unserem Schlafsack, in unserem Blick wurde. Dort, auf dem See, war unsere Welt nur mehr eine glitzernde, krachende, knackende, singende, wimmernde Fläche. Mal war sie glatt und eben, ein Märchenspiegel, in den man nicht zu tief schauen sollte, weil er die Seele verschlingt. Mal hatten unsichtbare Kräfte das Eis zerbrochen und zu Verwerfungen aufgetürmt, zu Dreiecken, in schwachem Indigo schimmernd, ewig und zerbrechlich zugleich.

Leserkommentare
  1. ... vielen Dank!

    Ich war auch mal am Baikalsee, allerdings im Sommer. Beim Lesen werden trotzdem Erinnerungen wach...

    Eine Leserempfehlung
  2. Wirklich ein toller Artikel, der Lust auf eine große Wanderung über den Baikal macht. Hab mir zusätzlich auch nochmal die Fotos auf der angegebenen Homepage von www.knut-reisen.de angeschaut und bin nun vor Fernweh ganz hin und weg! Und für alle, die sich vor der Kälte fürchten: Der Baikal ist auch im Sommer wunderschön...

    Eine Leserempfehlung

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