Arm sollen sie gewesen sein, die ersten Tempelritter. Noch haben sie nicht einmal ein Ordenskleid; erst später wird der weiße Umhang mit dem roten Kreuz zu ihrem Zeichen. Ihr Siegel zeigt zwei Ritter, die sich ein Pferd teilen – Sinnbild für ihre Bescheidenheit, aber auch für die Doppelgesichtigkeit des neuen Instituts. Denn die Templer versöhnen, wie der französische Historiker Alain Demurger 1985 schrieb, "das Unversöhnliche": Sie sind Mönch und Krieger. Zwar finden sich einzelne "Waffenbrüder" schon in den Reihen der rund zwei Jahrzehnte zuvor gegründeten Johanniter, die den Pilgern im Heiligen Land Unterkunft gewähren und sie medizinisch versorgen. Die Tempelritter aber sind der erste geistliche Orden, der sich ganz dem Kampf widmet, ein Bund heiliger Krieger. 1129 gibt er sich auf dem Konzil von Troyes eine Regel. Später verleiht ihm die Kurie weitreichende Privilegien: Die "Soldaten Christi" stehen nun unter Schutz und Schirm des Papstes. Sie haben eigene Priester, sind vom Zehnten befreit, ja dürfen ihn selbst erheben, und sie sind auch rechtlich allein Rom unterstellt.

Ihre Anziehungskraft ist groß. Überall in Europa treten kreuzzugsbegeisterte Adlige und Geistliche in den Ruhm verheißenden Orden ein. Könige geben Burgen und Ländereien, Bischöfe schenken Kirchen. Von Frankreich bis zur Iberischen Halbinsel, von England über die deutschen Lande bis Italien erwerben die Templer Grund und Boden und errichten Niederlassungen (Komtureien). Sie bauen Wein an und Getreide, sie züchten Vieh und unterhalten von der Mitte des 13. Jahrhunderts an sogar eine Mittelmeerflotte, um Krieger und Pferde zu verschiffen. Ohne diesen Rückhalt in Europa wäre der Orden rasch untergegangen – vernichtet im Kampf. Und ohne die Templer hätten sich die lateinischen Staaten nicht fast zwei Jahrhunderte lang im Vorderen Orient behaupten können.

Darüber hinaus betätigen sich die Templer als Bankiers und Schatzmeister. Sie arbeiten mit hoch entwickelten Buchführungstechniken. Und bald lassen sogar Könige ihre Finanzen von ihnen verwalten. Die englische Krone nimmt Kredite auf. Im festungsgleich bewehrten Pariser "Temple" lagert während des 13. Jahrhunderts der französische Staatsschatz. Auf dem Höhepunkt ihres Wirkens sind die Templer "Kirche in der Kirche und Staat im Staate", wie der israelische Historiker Joshua Prawer 1980 feststellte. Im 13. Jahrhundert zählen sie rund 7.000 Ritter und andere Mitglieder, besitzen mindestens 870 Burgen und weitere Niederlassungen.

Doch mit dem Erfolg wächst auch die Gefahr. Denn vielen wird der Orden zu mächtig. Tatsächlich beginnen einige Staaten, die Templer in die Schranken zu weisen, und verhindern, dass sie noch mehr Land erwerben. Auch ist Kritik zu hören: Hochmütig seien die Templer geworden, gierig nach Ruhm und Gold, der Erfolg habe sie ihre Ideale vergessen lassen.

Der Niedergang der Kreuzritter beginnt

Dann kommt das Jahr 1291 und verändert alles. Schon lange wankt die christliche Herrschaft in Outremer, nun holen die Muslime zum entscheidenden Schlag aus. Akkon fällt, die Hafenstadt und letzte Bastion. Die Templer verlegen ihren Sitz nach Zypern. Das Heilige Land ist verloren. Der Orden scheint überflüssig geworden.

Die Ritter des nach Templervorbild gegründeten Deutschen Ordens konzentrieren sich nun ganz auf ihre Territorien im Nordosten Europas, die zur Keimzelle des späteren Preußen werden. Die Johanniter, die wenige Jahre später Rhodos zu ihrem Stützpunkt machen, führen mit einer starken Flotte den Kampf gegen die Türken. Die Templer aber wollen nur eins: das Heilige Land zurückerobern.

Im September 1291 wird Jacques de Molay , ein Mann aus niederem französischen Adel, ihr Hochmeister. Die Nachwelt hat ihn mal als tragischen Helden gezeichnet, mal als einen Mann des Mittelmaßes, mal gar als Feigling, der den Herausforderungen, vor denen er stand, nicht gewachsen war.

Das Drama beginnt 1306. Die Versuche der Templer, im Heiligen Land wieder Fuß zu fassen, sind allesamt gescheitert. Der Kreuzzugsgedanke aber lebt fort. Noch einmal will man vereint losziehen. Papst Clemens V. bittet den Templer-Hochmeister und den Hochmeister der Johanniter, Fulko von Villarets, zur Beratung über einen neuen Kreuzzug zu sich nach Poitiers.

Molay ahnt nicht, in welche Gefahr er sich begibt, als er nach Frankreich aufbricht. Seltsame Gerüchte kommen dem Hochmeister dort zu Ohren. Die Templer seien Ketzer, Götzendiener und Sodomiten. Ein gewisser Esquieu de Floyran hat dies verbreitet. Zunächst ist er beim König von Aragon vorstellig geworden, doch der glaubte ihm nicht, schließlich kämpfen viele Templer auf der Iberischen Halbinsel weiterhin gegen die Mauren. Daraufhin verkaufte der Denunziant sein brisantes "Wissen" dem französischen König. Dessen Räte und Minister, allen voran Guillaume de Nogaret, wittern die Chance, den mächtigen, lästig gewordenen Orden zu zerschlagen, und beginnen eine Kampagne. Eifrig sammelt Nogaret "Beweise", rekrutiert Zeugen, infiltriert die Templergemeinschaft mit Agenten.

Zunächst plündert Philipp der Schöne die Juden aus

Molay ist entsetzt. Im vollen Vertrauen auf den Papst bittet er Clemens, eine Untersuchung zu eröffnen. Molay glaubt, ein päpstliches Verfahren könne den Orden von allen Verdächtigungen reinwaschen. Der Papst aber hat dem König nur noch wenig entgegenzusetzen. Die große Zeit, die große Macht der Päpste ist Vergangenheit. In der Gestalt Philipps des Schönen und seines expandierenden Reichs tritt stattdessen das Königtum mit neuer Kraft in Erscheinung. Philipp hat Frankreich zu einem Staat mit modernen Zügen geformt. Wirtschaft, Justiz und Verwaltung kommen mehr und mehr unter zentrale Kontrolle.

Wie er es mit dem Heiligen Stuhl hält, hat er der Welt im Jahr 1303 gezeigt: Als Papst Bonifatius VIII. gegen Philipps Politik aufbegehrt, lässt der König ihn als Häretiker diffamieren. Noch im selben Jahr stirbt Bonifatius, nachdem Guillaume de Nogaret versucht hat, ihn festzusetzen. Nachfolger Benedikt XI. amtiert nur wenige Monate, dann lässt Philipp den Bischof von Bordeaux zum Papst wählen: Clemens V., der von 1309 an in Avignon residiert.