Mordserie in FrankreichEinfall des Bösen

Der Schrecken der Morde von Toulouse erfasst die ganze Stadt. Frankreich hält im Wahlkampf inne – beinahe. von 

Ein französischer Muslim betet in Andenken der Opfer vor der jüdischen Schule in Toulouse.

Ein französischer Muslim betet in Andenken der Opfer vor der jüdischen Schule in Toulouse.  |  © Gilles Bouquillon/Getty Images

Erik Seignier ist ein kumpelhafter Typ, irgendein Scherz fällt ihm immer ein. An diesem Montagabend nicht. Der gedrungene Mittfünfziger ist für die Sicherheitstechnik der jüdischen Schule Ozar Hatorah verantwortlich; er hat den ganzen Tag für die Polizei die Videoaufnahmen bearbeitet, die den Mörder von Toulouse zeigen. »Ja, auch die fürchterlichste Szene«, sagt er und macht eine Pause.

Und hebt noch einmal an: »Da hatte der Mann schon den Religionslehrer und seine beiden Kinder ermordet. Kaltblütig geht er ein paar Schritte weiter, packt mit der einen Hand die kleine Myriam an den Haaren, mit der anderen setzt er ihr die Waffe an die Schläfe und drückt ab.«

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Das war kurz nach acht Uhr morgens. Zu diesem Zeitpunkt wurde ein Freund Seigniers von seinem Sohn angerufen: »Papi, wir sitzen im Keller, es wird geschossen, wir müssen alle sterben!«

Die Mordwaffe war ein Colt.45 , ein schweres Gerät von großem Kaliber. »So ein Ding hat einen enormen Rückstoß«, sagt Seignier, »aber die Hand des Mörders blieb ruhig.«

Danach schoss der Täter noch einen Jugendlichen nieder, der nun um sein Leben ringt, ging zu seinem Motorroller zurück und fuhr davon. »Sie müssen sich das einmal vorstellen«, sagt Seignier, »da waren die Sträßchen im Viertel noch verstopft von Autos, die Eltern brachten gerade ihre Kinder zur Schule. Und trotzdem konnte der Mann fliehen, er kannte jeden Winkel.«

Die Schule liegt im Stadtviertel La Roseraie, das ist ganz hübsch und vor allem ruhig. Einfamilienhäuser, eine Rentnersiedlung. Just deshalb hatte die jüdische Gemeinde mitten im Viertel eine Schule eingerichtet, hinter Büschen und großen weißen Sichtblenden versteckt, an allen Ecken von Kameras überwacht. Pierre Bernard lehrt hier Mathematik. »Dies ist eine kleine, unauffällige Schule, nur 200 Schüler. Jedenfalls tritt die Gemeinde sehr leise auf, setzt sich nicht in Szene. Es hat sie trotzdem getroffen.« Nein, darüber, was er mit den Schülern bespricht, will er keine Auskunft geben, »und bitte stellen Sie mir keine persönlichen Fragen«. Jemand, der ihn kennt, sagt: »Pierre ist am Boden zerstört.«

Der 33-jährige Axel Fourdrinier unterrichtete an derselben Schule bis zum vergangenen Herbst Philosophie. »Die Eltern schicken ihre Kinder dorthin, damit sie geschützt sind«, berichtet er: »Vor Versuchungen der nichtreligiösen Welt und vor Anfeindungen aller Art. Da gibt es auch Schüler aus den Banlieues, denen die Eltern eine behütete Jugend bieten wollen, ohne Gewalt und Drogen.« Die Schule ist eben etwas Besonderes – und damit wider Willen doch exponiert. Seit der Untat ist die Straße, die zur Schule führt, schwarz von Polizeiuniformen. Ermittler gehen von Haus zu Haus. Die Nachbarn meiden die Straße. Über dem Viertel kreist ein Hubschrauber.

»Wir haben schon seit Jahren alle denkbaren Gefahrenlagen durchgespielt«, sagt Yvan Lévy, ein leiser Mann; er vertritt das jüdische Sozialwerk von Toulouse und gibt nun den Medienleuten, die aus aller Welt in großer Schar eingeflogen sind, mit Engelsgeduld Antwort. »Wir geben viel Geld für die Sicherheit aus, schließlich werden wir immer wieder bedroht. Aber so etwas, diese Kaltblütigkeit, das haben wir uns nicht ausdenken können. Das Geschehen ist auch in meinem Kopf noch nicht richtig angekommen, mir fehlt die Vorstellungskraft. Mit der kleinen Myriam habe ich kürzlich noch den Sabbat gefeiert.«

»Sie schießen auf die Juden«, sagt ein Mädchen. »Warum nur auf die Juden?«

Lévy steht in der großen Synagoge von Toulouse, in die am späten Montagnachmittag Juden und Nichtjuden sonder Zahl geströmt sind. »Schauen Sie sich um«, fügt er hinzu, »ich hätte Wut erwartet, sehen Sie hier Wut?« Nein, Ratlosigkeit. »Sie schießen auf die Juden«, sagt ein junges Mädchen, »warum nur auf die Juden?« Ein alter Mann spricht von Algerien , vom Krieg: »Da hatte ich das letzte Mal diese Angst.« Und ein Schüler meint, »ich glaube, dass wir uns noch nicht eingestanden haben, wie sehr wir verletzt sind und eigentlich auch wehrlos.«

Der Täter hat ganz Toulouse getroffen. Der Schrecken verbreitete sich über die Kinder, die Eltern, die Lehrer, über Handys und Facebook und das Fernsehen. Er hat jede Familie erreicht. Und wer ihn vergessen möchte, wird von den Parabolantennen der Fernsehwagen und den allgegenwärtigen Schlagzeilen in die Realität zurückgeholt, und von einem enormen Polizeiaufgebot, das an allen Bahnhöfen und in der Métro wacht, vor allen jüdischen und muslimischen Einrichtungen.

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