Fluglärmgegner in Frankfurt am Main © Arne Dedert/dpa

Diesen Mittwoch Woche könnte Deutschland die Globalisierung ein wenig zurückdrehen. Am 4. April entscheidet das Bundesverwaltungsgericht, ob am Frankfurter Flughafen nachts geflogen werden darf . Wahrscheinlich werden sich die Leipziger Richter für ein striktes Nachtflugverbot aussprechen. Ihr Urteil könnte weit über Frankfurt hinaus wirken. Die Anwohner hätten der Globalisierung einen kleinen Rückschlag versetzt.

Ohne Nachtflüge wird Deutschland im globalen Verkehr abgehängt , sagt die Luftverkehrswirtschaft. Fluglärm macht krank, sagen die Anwohner. So lauten die Argumente. Im Kern geht es um die Frage: Was wiegt schwerer, die Interessen der Wirtschaft oder das Wohl der Bürger? Die Zwänge der Globalisierung oder die Bedürfnisse nach einem menschenverträglichen Leben?

Es ist eine Frage, die nicht nur den Ausbau eines Flughafens betrifft. Sie stellt sich eigentlich bei jedem Großprojekt, bei fast jedem neuen Kraftwerk, fast jeder Bahntrasse, fast jeder Schnellstraße. Auch im Streit um den Stuttgarter Bahnhofsneubau taucht sie auf.

Im Mittelpunkt steht immer der gleiche Konflikt. Wobei der eigentliche Widerspruch in den Bedürfnissen des Bürgers liegt: Er will die Infrastruktur nutzen, aber ansonsten nichts von ihr mitbekommen. Er ist für die Energiewende, aber gegen das Windrad vor der Haustür. Er will am Fortschritt teilhaben, aber in Ruhe leben. Das ist die Ironie des Idylls.

Der Konflikt spitzt sich zu, aus zwei Gründen: Erstens haben die Bürger das Gefühl, die Globalisierung nötige ihnen immer größere Opfer ab. Sie empfinden Fortschritt zunehmend als Eingriff in ihre Lebenswelt, als Inbesitznahme ihrer unmittelbaren Umgebung. Ob diese Wahrnehmung eine reale Grundlage hat oder nur einem veränderten Lebensgefühl entspringt, ist zweitrangig. Was zählt, ist die Empfindung.

Zweitens sind die Aktivisten heute aufgeklärter, vernetzter und leichter zu mobilisieren als früher. Sie akzeptieren Sachzwänge nicht mehr. Darauf konnten sich Politiker und Wirtschaftsvertreter bei Großprojekten einmal berufen und deren Ziel gleich vorwegnehmen – das Fortkommen des Landes. Der Bürger gibt sich heute nicht länger mit Entscheidungen zufrieden, die angeblich alternativlos sind. Er ist nicht mehr staatstragend. Spätestens seit Stuttgart 21 weiß er, dass sein Protest nicht wirkungslos bleibt. Er kann Regierungen und Konzernen gefährlich werden. Und die Aktivisten sind willens, ihre Macht zu gebrauchen.

Das alles lässt sich nun beklagen: eine Wirtschaftsnation, die ihren Bürgern den Fortschritt zunehmend abtrotzen muss. Aktivisten, die sich dem Wandel entgegenstellen, weil sie selbst nichts mehr davon haben, die Wutbürger sein wollen, zuweilen auch saturiert und zukunftsvergessen sind. Und es stimmt ja, auch in Frankfurt gibt es Demonstranten, die erst gegen die neue Landebahn kämpfen, seit die Jets über ihre Vorgärten donnern. Für Fernreisen steigen sie gleichwohl ins Flugzeug.