Als Barack Obama in der vorvergangenen Woche über die Energiepolitik sprach, stimmte einfach alles. Der Präsident trug eine saloppe Windjacke und Cordhosen, seine Worte klangen hemdsärmelig, und hinter ihm war ein Stapel leerer Pipelinerohre zu sehen. Auch der Ort war hervorragend gewählt: Cushing im Bundesstaat Oklahoma. Hier kreuzen sich die großen Ölleitungen, die Nordamerika durchziehen.

Energie ist gerade Obamas Thema Nummer eins. Der Ölpreis ist in den vergangenen fünf Monaten um mehr als 30 Prozent nach oben geschnellt . Der Benzinpreis nähert sich vier Dollar pro Gallone – gut einem Dollar pro Liter. In den USA , wo die Leute extrem niedrige Ölpreise gewohnt sind, ist das ein Allzeithoch. Und jedes Mal, wenn der Konflikt mit dem Iran eine neue Eskalationsstufe erreicht, melden sich im Fernsehen aufgeregte Energieexperten zu Wort und versprechen noch viel härtere Zeiten. Der Wirtschaftssender CNBC strahlte gerade schon eine Sondersendung zum "Ölschock" aus.

Und doch: Energie ist vor allem Obamas Lieblingsthema, weil er seinen Landsleuten damit Hoffnung machen kann. Zwar leiden die USA derzeit mit dem Rest der Welt unter der angespannten Versorgungslage, aber der Präsident weiß um den Ausweg. Ziemlich unbemerkt rückt gerade ein amerikanischer Traum in greifbare Nähe: Bald schon könnte Amerika wieder unabhängig werden von ausländischen Energielieferanten.

Die Geologen haben in tiefen Schichten des Landes genug Öl gefunden, um noch welches zu exportieren – und die Techniker entwickeln die Maschinen, um es aus der Erde zu quetschen. Gelingt das alles, hat die Welt es mit einem anderen Amerika zu tun. Einer Supermacht, die sich nicht mehr mit Diktatoren im Nahen Osten und in Lateinamerika arrangieren muss. Die keine Kriege ums Öl zu führen braucht. Die in einer neuen Unabhängigkeit schwelgen kann, während die Europäer, grob gesagt, die Drecksarbeit der Nachschubsicherung selbst erledigen müssen.

Wenn, ja wenn die große Hoffnung auf Autarkie nicht trügt.

Hoch im Norden der USA, an der kanadischen Grenze, sitzt Scott Haugen in einem staubverkrusteten Kleinlaster und unterdrückt einen Fluch. "Wo bleibt mein Separator?", fragt der 45-jährige Mann mit dem kahlen Kopf und dem roten Bart in sein Funktelefon. Schon vor Stunden hätte der Lkw mit dem Gerät ankommen müssen.

Haugen arbeitet für Cornerstone Natural Resources, eine kleine Firma, die hier in North Dakota nach Öl bohrt. Scotts Aufgabe ist es, innerhalb von 72 Stunden die Bohrstelle auf dem winterlich kahlen Acker vorzubereiten, um das sogenannte Fracking vorzunehmen. Dabei werden Sand, Chemikalien und Wasser wie mit einem Hochdruckreiniger in den Untergrund eingespritzt, um Gestein aufzubrechen und an eingeschlossenes Öl heranzukommen. 3.000 Meter tief unter dem Präriegras liegt eine 360 Millionen Jahre alte ölhaltige Schieferformation. So ist das an sehr vielen Stellen in Amerika.

Die USA haben sich schon einmal als große Ölnation gefühlt. Sprudelnde Ölquellen galten zu Rockefellers Zeiten als so amerikanisch wie apple pie und Baseball. Doch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg reichte die heimische Förderung nicht mehr, mit dem explodierenden Verbrauch wuchsen die Importe, und am Ende warnte sogar der Ex-Präsident und Ölerbe George W. Bush , seine Nation sei "süchtig nach Öl".