Der Aussteiger*:Irgendwann hatte ich die Nase voll . Da war ich seit zwei Monaten gar nicht mehr zur Ruhe gekommen. Ich bin irgendwo gelandet, hab den ganzen Tag gearbeitet, bin wieder abgeflogen. Manchmal habe ich vergessen, wo ich eigentlich war. Es gab keine Erholung, immer nur das aktuelle Projekt.

Der Aufsteiger: So ein Leben ist nichts Ungewöhnliches. Beratungsunternehmen folgen dem Prinzip "Client first". Den Spruch hört man mehrmals in der Woche. Der Kunde soll das Gefühl haben, dass er das Wichtigste ist. Dass die Dienstleistung für ihn unser oberstes Ziel ist.

Der Aussteiger: Das Bild, das die großen Beratungsunternehmen vermitteln, ist: Wir lösen komplexe Fragen, analytisch sind wir top, bei uns arbeiten nur die Besten der Besten. So funktioniert auch das Selbstverständnis der Berater: Wir sind hart, wir arbeiten hart, die Firma ist kein Ponyhof. Diese ganzen Klischees stimmen einfach nicht.

Der Aufsteiger: Als Berater sollte man durchaus mit einem gewissen Selbstbewusstsein auftreten . Als ich mit 27 Jahren bei McKinsey einstieg, war mein erster Kunde ein großes Pharmaunternehmen. Meine Kollegen und ich arbeiteten direkt mit dem Vorstand zusammen. Wir fühlten uns bärenstark. Hätte man uns gesagt, wir sollen helfen mit dem Forscherteam des Unternehmens, ein Krebsmittel zu erfinden – wir hätten geantwortet: Das schaffen wir. Das war natürlich Unfug.

Der Aussteiger: Bevor ich nach meinem BWL-Studium als Analyst angefangen habe, hatte ich schon ein Praktikum in dem Unternehmen gemacht. Ich wusste, worauf ich mich einlasse, ich wollte da trotzdem rein. Weil ich in kurzer Zeit sehr viel lernen würde. Weil sich der berühmte Name des Unternehmens in meinem Lebenslauf gut machen würde. Geld spielte auch eine Rolle. Aber noch mehr war ich fasziniert von der schnellen Arbeitsweise.

Der Aufsteiger: Als Dozent an der Universität München weiß ich, dass 80 Prozent der Top-Studenten aus meinen Vorlesungen und Veranstaltungen zu McKinsey wollen. Ich kann das verstehen: Die Themen sind wichtig, die Arbeit ist international, und jeden Morgen trifft man im Teamraum spannende Leute. Das Unternehmen fördert diesen Mythos natürlich. Von 100 Bewerbern werden fünf interviewt, und nur einer kommt rein .

Der Aussteiger: Erst war ich unsicher, ob die in mir überhaupt jemanden sehen, den sie einstellen können. Ich dachte: Bin ich nicht zu schlecht? Gehöre ich wirklich zu den Leuten, die die wollen? Als die Zusage kam, war ich dann schon stolz. Und hab reingehauen.

Der Aufsteiger: Das Phänomen des insecure overachievers – des unsicheren Überehrgeizigen – kennt jeder Berater: Man weiß nie genau, ob man das Richtige tut, ist ständig an der Grenze zur Überforderung. Deshalb machen alle immer ein bisschen mehr, als sie müssten.

Der Aussteiger: Schwer zu sagen, wie viel ich gearbeitet habe. Auf jeden Fall immer 60 Stunden. Ein paar Kollegen waren irgendwann komplett raus aus dem gesellschaftlichen Leben. Deshalb habe ich darauf geachtet, Geburtstagseinladungen einzuhalten, an den freien Tagen Freunde zu sehen oder die Familie.

Der Aufsteiger:  Selbst wenn es mal 60 Stunden werden, kann man sich das Wochenende locker freihalten. Unter der Woche arbeitet man immer im Team. Dann ist man oft unterwegs, viel Zeit geht fürs Fliegen oder im Zug drauf. Da schaut doch keiner auf die Uhr, wie lange er genau arbeitet.

Der Aussteiger: Ich hatte nie vor, Partner zu werden. Ich hatte nur die beiden nächsten Karrierestufen im Blick: Junior Consultant, dann Consultant. Doch um aufzusteigen, muss man die Anforderungen der nächsten Stufe schon im Jahr vor der Beförderung erfüllen. Man muss dem Partner immer signalisieren, dass man das kann. Dieser Gedanke begleitet einen, tagtäglich. Das ist so eine ständige Selbstreflexion im Hinterkopf.

Der Aufsteiger: Das schwierige an einer Beraterkarriere ist, dass man nach wenigen Jahren Teams führen muss. Das sind dann vier bis fünf Leute vom selben Schlag wie man selbst: High Performer . Denen was zu sagen kann schwieriger sein, als woanders viel größere Gruppen anzuleiten. Mich hat das herausgefordert. Und da unter den vielen Angeboten, die ich von Kunden bekommen habe, nichts Faszinierendes war, wurde ich nach viereinhalb Jahren Partner. 

Der Aussteiger: Networking ist ein ganz großer Begriff in der Branche, man ist ständig darauf konzentriert, mit allen und jedem Kontakt zu halten. Das Unternehmen gibt sich große Mühe, die Mitarbeiter auf Linie zu bringen. Durch regelmäßige Events, Get-togethers, Meetings ohne fachlichen Inhalt. In diesen Konferenzen geht es darum: Wo will das Unternehmen hin? Was müssen wir dafür tun? Dann werden irgendwelche Statistiken präsentiert, die die Qualität der eigenen Arbeit beweisen sollen. Manchmal sind die ganz schön abseitig. Aber dadurch wird die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen gestärkt.