Nur getroffene Hunde bellen. Getreu diesem Sprichwort schweigt der Autor eines kritisierten Werkes. Doch Julian Schütt hat in der vergangenen Ausgabe der ZEIT eine so gewaltige Keule gegen mich geschwungen, dass ich meiner Verwunderung Ausdruck verleihen muss. Welche Rechnung hat er mit mir zu begleichen? Wir sind uns noch nie begegnet. Der Populismus-Vorwurf, der im Zusammenhang mit unserem Buch Der Kulturinfarkt auch bei Schütt so schnell zur Hand ist, fällt auf die Absender zurück. Nichts ist populistischer, als jemandem Populismus vorzuwerfen. Ein richtiges Allzweckargument, nur ohne Unterlage. Denn man fragt sich, warum Schütt so viel Energie und Worte aufwendet, wenn an der Sache selbst nichts ist?

Der Kulturinfarkt ist kein diplomatisches Schreiben an seine Hoheit den Kritiker. Es arbeitet mit Vereinfachungen, es muss, wenn es nicht wissenschaftlich sein will, Ungenauigkeit in Kauf nehmen. Genau deshalb wird es in der Öffentlichkeit verhandelt und diskutiert. Ob die Frage, wie viel gebaute Kultur wir benötigen, den Kulturabbauern in die Hände spielt, kann dabei keine Rolle spielen. Legitim ist sie in jedem Fall. Vielleicht gibt es endlich neue Antworten darauf.

Hier tritt das erste große Vorurteil zutage, das Julian Schütt offenbar antreibt: Wer das Verteilungssystem kritisiert, ist in seinen Augen ein Kulturabbauer, ein Kulturfeind. Was, wenn er sich aber für eine Kultur interessiert, die sich nicht an der sozialen Repräsentation bemisst? Was, wenn er sieht, wie in Deutschland die Institutionen von innen her ausgehöhlt werden? Was, wenn er findet, es sei nicht Aufgabe des Staates, die Musik von Kaspar Ewald gegen jene von George Gruntz auszuspielen und deshalb vorschlägt, solche Entscheide an die Szene selbst zu delegieren? Wenn er findet, der Staat müsse mehr für Optionen anstelle von ästhetischer Vorauswahl sorgen? Die Position der Schweizerischen Volkspartei, bekannt als die Kulturabbauer-Partei, kann nicht der heimliche Negativmaßstab sein für die kulturpolitische Debatte in der Schweiz. Wer sich vor dieser Debatte fürchtet, hat schon verloren.

Das zweite Vorurteil zeigt sich im letzten Satz des Artikels von Julian Schütt: Kultur ist für ihn gleich öffentlich geförderter Kultur. Das ist der Ansatzpunkt von Der Kulturinfarkt : Der Staat muss ein Interesse haben an Kunst, die ihm entgegensteht. Dass diese besonders durch Förderung entstehe, diesen Nachweis bleibt uns Schütt schuldig. Die Praxis zeigt eher: Zu 99 Prozent ist sie apolitisch und sozial widerstandsfrei. Sperriges entsteht im subventionierten Bereich genauso wie im privaten Sektor, da gibt es auf internationaler Ebene zahlreiche Beispiele.

Das dritte Vorurteil betrifft Pro Helvetia. Die Stiftung kann nicht mehr Originalität und Experiment fördern, als ihr angeboten wird. Das wiederum ist eine Funktion der Förderraster. Ein sich selbst bestätigendes System also. Darüber darf man nicht öffentlich nachdenken? Wir seien überdies nicht föderalistisch genug? Geschenkt, Julian Schütt, alle Statistiken beweisen das Gegenteil, man muss sie nur lesen wollen.

Und ein Letztes: Pro Helvetia ist keine Firma, die vom Chef nach Belieben umgebaut werden kann. Das ist richtig so. Dennoch hat sie sich stark verändert in den letzten zehn Jahren. Tiefere Administrationskosten, klares Bekenntnis zur unabhängigen Produktion, erste Experimente für unternehmerische Existenzgründungen – das sind reale Fortschritte. Was der Chef überdies kann, ist in die Zukunft denken. Muss er sogar, wenn er sein Amt ernst nimmt. Dass er dabei einigen auf die Füße tritt, ist unvermeidlich. Wäre er nämlich ein Outsider, seine Stimme würde nicht gehört. Dabei weiß er, dass die Vision in der radikalen Form des Kulturinfarktes nicht umsetzbar ist. Aber sie wird ohne Zweifel zu vertiefter Reflexion führen auf allen Ebenen: Was brauchen wir? Und was fördern wir?