Im Büro des Chefredakteurs steht eine mannshohe Bunny-Leuchtskulptur, das weltbekannte Logo des Playboys . Florian Boitin hat jetzt eine schwierige Aufgabe: Er will belegen, dass die Frauen, die sich für sein Magazin ausziehen, alles andere als Häschen sind. Er sagt: "Wir propagieren ein selbstbestimmtes Frauenbild." Keine Frau müsse sich für den Playboy ausziehen, wenn sie es tue, dann weil sie sich gern so sehe und nicht weil irgendein Mann das wolle.

Der Herr der Nackten ist 44, ein angenehmer, unkomplizierter Typ. Er trägt Jeans und Feincord-Jackett, verwuschelte dunkelblonde Haare mit ersten grauen Strähnen, Dreitagebart, Ehering und einen kleinen, vertrauensbildenden Bauch. Er amüsiert sich darüber, dass jede Frau, die er kennenlernt, ihn beobachtet: Ist er ein Jäger? Könnte er ein berufliches Interesse an mir haben? Beurteilt er mich danach, ob ich es in sein Magazin schaffen könnte?

Er weiß, dass er kein Hugh Hefner ist.

Keine Zote, keine Anzüglichkeit wird man öffentlich aus dem Mund dieses Chefredakteurs hören. Im Kosmos des Playboys ist alles clean, professionell, die Fotoredaktion ist ausschließlich weiblich. Es ist kein von Männern gemachtes Frauenbild, das der Playboy zeigt. So einfach ist es nicht.

Wenn man in den Heften aus vier Jahrzehnten deutschem Playboy blättert, kann man gut nachvollziehen, wie die Haut der Frauen über die Jahre glatter wird, wie nacheinander Bikinistreifen, Achselhaare, Schamhaare verschwinden. Aber dazugekommen ist auch etwas, nur ist es unsichtbar: die vielen im "Front Office" wegretuschierten Narben der Schönheitsoperationen und die eliminierten Falten der abgebildeten Frauen, die heute ein paar Lebensjahre mehr hinter sich haben als früher.

Mit der Zeit sind die Bilder immer sauberer, beinahe aseptisch geworden. Man kann es schon fast wieder prüde finden: perfekte Bodys, die sich niemals gehen lassen. Das Gegenteil von Ekstase. Man kann sich diese Körper nicht schwitzend vorstellen – nicht mal die der Sportlerinnen (in der Regel aus Randsportarten), die treue Lieferantinnen von Erotikbildern sind. Sie haben trainierte Muskeln und kein Geld – eine Art modernes Proletariat, dessen körperliche Arbeit darin besteht, sich auszuziehen. Kanutinnen, Fechterinnen, Kitesurferinnen. Besonders stolz, sagt Boitin, sei er auf die Ausgabe mit den Frauenfußballerinnen zur WM 2011. Fünf Spielerinnen, die leicht bekleidet in einen See steigen. Das Heft verkaufte sich blendend – obwohl nicht mal eine der Frauen an der WM teilnahm.

Der Playboy setzt auf Prominente. Denn unbekannte Nackte gibt es überall, vor allem im Internet. "Wir können nicht mehr so tun, als würden wir Männern zum ersten Mal eine nackte Frau präsentieren", sagt Boitin. Heute ist viel entscheidender, wer zu sehen ist, als was .

Die meisten Frauen verstehen ein Playboy -Angebot als Kompliment

Das ist, nebenbei, auch der Grund, warum die Bild -Zeitung gerade unter großem Applaus das Seite-1-Girl abgeschafft hat. Nicht weil es dem modernen Frauenbild widerspricht, sondern weil die Nackte von nebenan nicht mehr zieht, wie man aus der Marktforschung weiß. Marion Horn, einzige Frau der Bild- Chefredaktion, sagt: "Für die Leserinnen war die Frau auf Seite 1 nie ein Kaufargument, auch für Männer ist sie schon lange nicht mehr so rasend interessant. Wir sind eine Kaufzeitung – was keinen Kaufimpuls auslöst, hat auf der Seite 1 nicht unbedingt etwas zu suchen." Nackte gibt es jetzt weiter hinten in der Bild, gern auch Vorab-Fotos von Prominenten, die sich für den Playboy ausgezogen haben.

Die Eiskunstläuferin Kati Witt , angeheuert vom reichen US-Mutterblatt, verdiente mit ihrem Playboy -Shooting angeblich eine Million Dollar. Das ist 14 Jahre her. Totalausverkauf der Auflage, international. Das gab es zuvor nur bei Marilyn Monroe . Ein Cybergirl wie Jessica bekommt für ein Shooting – nichts. Jessica steht in der Nackten-Hierarchie ganz unten. Falls sie es schafft, ein Profi zu werden, ein echtes Playmate, würde Jessica als Hostess für Playboy -Events eingesetzt, wo sie im Bunnykostüm für gute Stimmung sorgen würde, für 500 Euro pro Abend. Geld, Glamour, Nähe zur Prominenz – das ist das Aufstiegsversprechen. Die moderne Aschenputtel-Variante: vom Nacktmodell zur Prominentengattin. Mirja du Mont, die Frau des Schauspielers Sky du Mont, war mal Playmate. Sie hat es geschafft. Veronika Skaf, die Frau des Schauspielers Heiner Lauterbach, auch.

Wenn man so will, ist es Florian Boitins Hauptaufgabe, Frauen dazu zu überreden, sich auszuziehen. Aber wie überzeugt man Frauen, die bereits prominent sind, davon, sich vor Tausenden Männern auszuziehen? Der Playboy -Chefredakteur schickt einen Blumenstrauß und einen Brief, ob man sich nicht mal treffen könne. Die meisten Frauen, sagt er, reagieren mit Neugier, "sie verstehen es als Kompliment", und das sei es ja auch.

Das Treffen ist entscheidend. Da muss er rauskriegen, welche Motivation sie treibt. Ist es die Eitelkeit? (Oft, sagt er.) Will sie zeigen, dass sie mit Jüngeren mithalten kann? (Frauen um die 40 denken meist: Wenn nicht jetzt, wann dann?) Will sie einen Film, eine CD, ein Produkt vermarkten? (Das hilft bei der Überzeugungsarbeit.) Macht sie es wegen des Geldes? (Selten, aber die Frauen testen natürlich ihren Marktwert.) 

Wenn er die Beweggründe der Frau kennt, ist es ein Kinderspiel. Plötzlich dreht sich das Gespräch schon darum, wie viel sie zu zeigen bereit ist, welches Image sie haben will. Boitins bestes Argument ist die Sicherheit. Die Frau zieht sich aus – aber während ein Paparazzo sie unvorteilhaft oben ohne auf einer Jacht abschießen würde, mit Zellulitis oder Hüftspeck, kann sie beim Playboy sicher sein, gut auszusehen. Sie glaubt, die Kontrolle zu haben. Sie wird in die Redaktion eingeladen, um die Fotos abzunehmen, die Bildauswahl zu besprechen, Retuschen, die PR-Strategie. Oft ist beim Shooting ein Fernsehteam von Bild dabei. Die Videos werden bei Bild Online, bei RTL, ProSieben, Vox laufen. Die Abdeckung der Society-Formate ist maximal. Alles für einmal ausziehen.