Feminismus : Die neuen Nackten
Seite 2/6:

Entscheidend ist, wer zu sehen ist

Im Büro des Chefredakteurs steht eine mannshohe Bunny-Leuchtskulptur, das weltbekannte Logo des Playboys . Florian Boitin hat jetzt eine schwierige Aufgabe: Er will belegen, dass die Frauen, die sich für sein Magazin ausziehen, alles andere als Häschen sind. Er sagt: "Wir propagieren ein selbstbestimmtes Frauenbild." Keine Frau müsse sich für den Playboy ausziehen, wenn sie es tue, dann weil sie sich gern so sehe und nicht weil irgendein Mann das wolle.

Der Herr der Nackten ist 44, ein angenehmer, unkomplizierter Typ. Er trägt Jeans und Feincord-Jackett, verwuschelte dunkelblonde Haare mit ersten grauen Strähnen, Dreitagebart, Ehering und einen kleinen, vertrauensbildenden Bauch. Er amüsiert sich darüber, dass jede Frau, die er kennenlernt, ihn beobachtet: Ist er ein Jäger? Könnte er ein berufliches Interesse an mir haben? Beurteilt er mich danach, ob ich es in sein Magazin schaffen könnte?

Er weiß, dass er kein Hugh Hefner ist.

Keine Zote, keine Anzüglichkeit wird man öffentlich aus dem Mund dieses Chefredakteurs hören. Im Kosmos des Playboys ist alles clean, professionell, die Fotoredaktion ist ausschließlich weiblich. Es ist kein von Männern gemachtes Frauenbild, das der Playboy zeigt. So einfach ist es nicht.

Wenn man in den Heften aus vier Jahrzehnten deutschem Playboy blättert, kann man gut nachvollziehen, wie die Haut der Frauen über die Jahre glatter wird, wie nacheinander Bikinistreifen, Achselhaare, Schamhaare verschwinden. Aber dazugekommen ist auch etwas, nur ist es unsichtbar: die vielen im "Front Office" wegretuschierten Narben der Schönheitsoperationen und die eliminierten Falten der abgebildeten Frauen, die heute ein paar Lebensjahre mehr hinter sich haben als früher.

Mit der Zeit sind die Bilder immer sauberer, beinahe aseptisch geworden. Man kann es schon fast wieder prüde finden: perfekte Bodys, die sich niemals gehen lassen. Das Gegenteil von Ekstase. Man kann sich diese Körper nicht schwitzend vorstellen – nicht mal die der Sportlerinnen (in der Regel aus Randsportarten), die treue Lieferantinnen von Erotikbildern sind. Sie haben trainierte Muskeln und kein Geld – eine Art modernes Proletariat, dessen körperliche Arbeit darin besteht, sich auszuziehen. Kanutinnen, Fechterinnen, Kitesurferinnen. Besonders stolz, sagt Boitin, sei er auf die Ausgabe mit den Frauenfußballerinnen zur WM 2011. Fünf Spielerinnen, die leicht bekleidet in einen See steigen. Das Heft verkaufte sich blendend – obwohl nicht mal eine der Frauen an der WM teilnahm.

Der Playboy setzt auf Prominente. Denn unbekannte Nackte gibt es überall, vor allem im Internet. "Wir können nicht mehr so tun, als würden wir Männern zum ersten Mal eine nackte Frau präsentieren", sagt Boitin. Heute ist viel entscheidender, wer zu sehen ist, als was .

Die meisten Frauen verstehen ein Playboy -Angebot als Kompliment

Das ist, nebenbei, auch der Grund, warum die Bild -Zeitung gerade unter großem Applaus das Seite-1-Girl abgeschafft hat. Nicht weil es dem modernen Frauenbild widerspricht, sondern weil die Nackte von nebenan nicht mehr zieht, wie man aus der Marktforschung weiß. Marion Horn, einzige Frau der Bild- Chefredaktion, sagt: "Für die Leserinnen war die Frau auf Seite 1 nie ein Kaufargument, auch für Männer ist sie schon lange nicht mehr so rasend interessant. Wir sind eine Kaufzeitung – was keinen Kaufimpuls auslöst, hat auf der Seite 1 nicht unbedingt etwas zu suchen." Nackte gibt es jetzt weiter hinten in der Bild, gern auch Vorab-Fotos von Prominenten, die sich für den Playboy ausgezogen haben.

Die Eiskunstläuferin Kati Witt , angeheuert vom reichen US-Mutterblatt, verdiente mit ihrem Playboy -Shooting angeblich eine Million Dollar. Das ist 14 Jahre her. Totalausverkauf der Auflage, international. Das gab es zuvor nur bei Marilyn Monroe . Ein Cybergirl wie Jessica bekommt für ein Shooting – nichts. Jessica steht in der Nackten-Hierarchie ganz unten. Falls sie es schafft, ein Profi zu werden, ein echtes Playmate, würde Jessica als Hostess für Playboy -Events eingesetzt, wo sie im Bunnykostüm für gute Stimmung sorgen würde, für 500 Euro pro Abend. Geld, Glamour, Nähe zur Prominenz – das ist das Aufstiegsversprechen. Die moderne Aschenputtel-Variante: vom Nacktmodell zur Prominentengattin. Mirja du Mont, die Frau des Schauspielers Sky du Mont, war mal Playmate. Sie hat es geschafft. Veronika Skaf, die Frau des Schauspielers Heiner Lauterbach, auch.

Wenn man so will, ist es Florian Boitins Hauptaufgabe, Frauen dazu zu überreden, sich auszuziehen. Aber wie überzeugt man Frauen, die bereits prominent sind, davon, sich vor Tausenden Männern auszuziehen? Der Playboy -Chefredakteur schickt einen Blumenstrauß und einen Brief, ob man sich nicht mal treffen könne. Die meisten Frauen, sagt er, reagieren mit Neugier, "sie verstehen es als Kompliment", und das sei es ja auch.

Das Treffen ist entscheidend. Da muss er rauskriegen, welche Motivation sie treibt. Ist es die Eitelkeit? (Oft, sagt er.) Will sie zeigen, dass sie mit Jüngeren mithalten kann? (Frauen um die 40 denken meist: Wenn nicht jetzt, wann dann?) Will sie einen Film, eine CD, ein Produkt vermarkten? (Das hilft bei der Überzeugungsarbeit.) Macht sie es wegen des Geldes? (Selten, aber die Frauen testen natürlich ihren Marktwert.) 

Wenn er die Beweggründe der Frau kennt, ist es ein Kinderspiel. Plötzlich dreht sich das Gespräch schon darum, wie viel sie zu zeigen bereit ist, welches Image sie haben will. Boitins bestes Argument ist die Sicherheit. Die Frau zieht sich aus – aber während ein Paparazzo sie unvorteilhaft oben ohne auf einer Jacht abschießen würde, mit Zellulitis oder Hüftspeck, kann sie beim Playboy sicher sein, gut auszusehen. Sie glaubt, die Kontrolle zu haben. Sie wird in die Redaktion eingeladen, um die Fotos abzunehmen, die Bildauswahl zu besprechen, Retuschen, die PR-Strategie. Oft ist beim Shooting ein Fernsehteam von Bild dabei. Die Videos werden bei Bild Online, bei RTL, ProSieben, Vox laufen. Die Abdeckung der Society-Formate ist maximal. Alles für einmal ausziehen.

Kommentare

105 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Hervorragender Kommentar!

Vielen Dank dafür!

Besonders Punkt 7 bringt es auf den Punkt:

"7. Gleichzeitig gibt es aber Frauen, die diese Freiheit umdeuten in die Freiheit zu reizen und zugleich darüber zu bestimmen, ob sie Reizwirkung zulassen oder nicht. Der Mann als erotische Marionette."

Genau darum geht es: den Männern vorzuführen, sie seien triebgesteuerte Hammpelmänner. Das ganze ist eine brutale feministische Machterweisung und insofern finde ich diese Bilder von den Oben-ohne-AktivistINNEN aus Moskau und Paris unerotisch.

feminimus heute

ad 5) dass dies "der feminismus" fordert ist nicht richtig. es gibt durchaus differenziertere und progressivere ansichten dazu aus feministischer sicht.
die feministischen forderungen der liga alice schwarzer der 70er jahre (ohne deren bedeutung hier runterspielen zu wollen - schließlich bildeten deren forderungen und überlegungen die basis für tiefgreifende politische und gesellschaftliche veränderungen) haben sich längst umfassendst weiterentwickelt - schade, dass viele an ihrem alten "feindbild feminismus" festhalten.
feminismus heute (sofern man bei der vielzahl feministischer strömungen überhaupt von "der feminismus" sprechen kann - korrekter wäre wohl mehrheitlicher konsens innerhalb des feminismus) ist weder sexual- noch erotikfeindlich.

Jaja, "Der Feminismus"

Die Feminismen, forderdern doch auch immer nur von "Der Gesellschaft.

In 1500 Zeichen kann man doch die Vielfalt feministischer Strömungen eh nicht erfassen.

Inhaltlich gebe ich Ihnen ja vollkommen Recht, aber ist das hier umsetzbar?

Wo ja nicht einmal eine direkte, und besonders bei dem Thema mit seiner Zensuranfälligkeit, und beständige Kommunikation gegeben ist?

Der Double-Bind der Nacktheit

Sehr schöner Kommentar 2! Ich will den Grundwiderspruch feministischer Nacktheit noch einmal in meinen Worten ausdrücken:

Weibliche Nackheit als Aufmerksamkeitserreger funktioniert genau deshalb, weil es ein auf Sexualität und damit Beziehung gerichtetes biologisches Signal ist. Eine neuere Richtung des Feminismus benutzt nun Nacktheit
(a) um Aufmerksamkeit zu erregen und
(b) behauptet gleichzeitig, dass dies nichts mit Sexualität oder Beziehung zu tun habe - und wer das anders empfinde entweder schmutzige Gedanken habe (Männer) oder prüde sei (Frauen). Dabei würde die Nacktheit, wäre es so wie behauptet, gar nicht funktionieren!

Ein Double-Bind entsteht, der alle beschädigt zurücklässt:
(a) Die Männer - wenn sie auf das Signal reagieren, sind sie Schweine, wenn nicht, Schlappschwänze - und dann
(b) die Frauen, die sich nun wehren müssen, sie seien keine "sexuellen Objekte", obwohl die Wirkung dieser Nacktheit genau darauf beruht, dass sie sich als solche präsentieren.

Frühere Gesellschaften haben sich geholfen, indem sie diese Art Nacktheit ächteten. Heute wird sie von Frauen als Kampfmittel oder für die eigene Karriere gebraucht (missbraucht?). Das ist geeignet, Männer zu demütigen, lässt aber (fairerweise) gelegentlich auch eine Frau verletzt und gedemütigt zurück.

Was könnte helfen? Double Binds kann man nur brechen, indem man sie aufdeckt. Gedrucktes Sich-Schuldig-Fühlen von Männerseite hilft nicht; es spielt diesem Missbrauch von Sexualität nur in die Hände.

Schön beschriebenes Double-bind

Doublebind ist aus im erotischen Kreisel befindlicher weiblicher Sicht nicht wegzudenken, sondern wesentliches weibliches Machtinstrument, solange sowohl ökonomische als auch körperliche Überlegenheit männlich besetzt ist.
Dabei ist das Hantieren mit double-bind auch für die weibliche Seite immer ein zweischeidiges Instrumentarium: wirkmächtig und gefährlich zugleich will es klug dosiert eingesetzt sein.
Immerhin erzeugt ein Zuviel an double-bind regelmäßig Abneigung, Wut oder Gleichgültigkeit.

Der marktschreierische Druck auf junge Mädchen ist heutzutage enorm: Vermarkte dich selbst! Zeig augenblicklich her, was Du hast und was Du kannst! Bestimme selbst über Dich! Lass Dich (sexuell) nicht unterkriegen!
Bereits Grundschülerinnen wird heutzutage der Einstieg in die Welt der Sexualität über Abwehr derselben aufgezwungen.

Was haben sie persönlich von der Pseudomacht über einen Mann, der, behandelt wie ein Hund, vor dessen Schnauze mit der unerreichbaren Wurst gewedelt wird, ob ihrer Reize folgerichtig in Wut statt Entzückung gerät?
Oder von der konsekutiven Senkung der männlichen Reizschwelle, wenn nur noch stärkstes promiskuitives Geschütz ein erotisches Flämmchen zu entfachen vermag?

Ich habe meinen halbwüchsigen Töchtern jedenfalls geraten, auf diese seltsam widersprüchlichen Forderungen weiblich klug antizyklisch mit Verhüllung statt Entblößung zu reagieren.
Um damit das Lüpfen des Schleiers zum selbstgewählten Zeitpunkt selbstbestimmt in die Hand zu nehmen.

Macht - Ohnmacht

Sie schreiben: "Das ganze ist eine brutale feministische Machterweisung und insofern finde ich diese Bilder von den Oben-ohne-AktivistINNEN aus Moskau und Paris unerotisch."

Also: "Machterweisung = weibliche Macht = unerotisch.
Meinen Sie das wirklich? Wäre dann im Umkehrschluss: weibliche Ohnmacht = Unterwürfigkeit = "erotisch"?

Dann haben die Femen ja bei Ihnen erreicht, was sie wollen, nämlich die Ent-Sexualisierung der Frau. Sie finden sie "unerotisch", d.h., Sie nehmen die Femen nicht mehr als Sexualobjekte wahr, sondern als "mächtige" Menschen (Sie empfinden sie sogar als "brutal"!!!! Man lese und staune!)