Es ist etwas passiert mit dem Körper. Es ist üblich geworden, mit ihm zu handeln, als sei er eine Ware, die in endloser Stückzahl weltweit vertrieben wird. Frauen spekulieren mit ihm, sie investieren in ihn, er ist ihr Kapital. Es mag diese Entfremdung sein, die Nina Bott, Schauspielerin und Playboy -Covergirl vom Februar, sagen lässt: "Ein Nacktfoto ist für mich nichts Intimes. Intim ist für mich, wenn man mich mit meinem kleinen Sohn im Park fotografiert." Der Körper hat mit der Person offenbar nichts mehr zu tun. Die Frau zeigt ihre Hülle, aber nicht sich selbst. Deshalb sagt die Schauspielerin Ursula Karven im aktuellen Playboy : "Mein Körper ist mein Arbeitsmaterial." Da wäre es doch unklug, auf den Karrierekick zu verzichten, den so ein Nacktshooting verspricht. "Stimmt ja gar nicht", widerspricht die Agentin Fendel. "Mit einem Playboy -Shooting verbessert man die Auflage des Playboys , nicht die eigene Karriere."

In Fendels Augen sind Millionen von Google-Suchanfragen also – gar nichts?

"Natürlich steigern Sie die allgemeine Bekanntheit, natürlich kann eine selbst ernannte Schauspielerin, wenn sie auf dem Playboy -Cover war, ein paar Tausend Euro nehmen, wenn sie zu einer Shoperöffnung geht. Das kann sie sogar noch zwei, drei Jahre nach ihrem Auftritt. Aber sie hat mit diesen Bildern auch etwas anderes getan: Sie hat einen unsichtbaren Vertrag mit Milliarden potenziellen Betrachtern unterschrieben. Darin steht: Ihr dürft meinen Körper ansehen und mich darauf reduzieren."

Es ist der umgekehrte Nackter-Kaiser-Effekt: Den nackten Kaiser sieht das Volk angezogen. Die angezogene Frau sieht das Volk nackt. Diesen Blick muss man aushalten.

Auch Meret Becker muss das. Die Schauspielerin und Sängerin distanziert sich nicht von ihren Fotos, "ich mag die Pin-up-Ästhetik, ich bin Marilyn-Monroe-Fan", sagt sie. Sie erzählt aber auch, dass ihr Playboy -Auftritt noch nach 14 Jahren von Magazinen in Kurzbiografien erwähnt wird, während in solchen Texten nie auftaucht, dass sie die komplizierteste Schönberg-Partitur gesungen hat, mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Kent Nagano. Als der Playboy rauskam, erschien auch ihre CD, außerdem war sie schwanger. Berichtet wurde über ihr Baby, über die Fotos – aber so gut wie gar nicht über ihr Album. "In Fernsehinterviews wurde das, was ich über meine Arbeit zu sagen hatte, rausgeschnitten." Ein Erotikshooting hat eine große Wirkung, von der man sich im Zweifel wieder mühevoll emanzipieren muss. Das gelingt manchmal, wie bei Meret Becker, wie bei Iris Berben , deren Ruf als Schauspielerinnen nicht gelitten hat. Aber es gelingt nicht immer. Das Risiko ist groß.

Die Beispiele Andrea Sawatzki, 49, Simone Thomalla, 46, Ursula Karven, 47. Drei Frauen, die in die schwierigen Schauspielerinnen-Jahre gekommen sind und sehr viel in ihren Körper investiert haben: Arbeit, Verzicht, Geld, Schmerz. Jetzt können sie noch einmal zeigen, wie leistungsfähig ihr Äußeres ist. Wenn sie ehrlich sind, wissen sie: Die Nachfrage wird sinken, der Aktienkurs fallen. Irgendwann will die alternde Frau keiner mehr sehen. Das ist schlimm für jemanden, der von der öffentlichen Aufmerksamkeit lebt. Noch schlimmer ist es, dass das perfektionierte Bild ihres Körpers der realen Person Konkurrenz macht.

"Die Frauen müssen diesen idealisierten Bildern hinterherleben. Ich verbringe viel Zeit mit Schauspielerinnen. Ich weiß, wie grausam das ist", sagt Heike-Melba Fendel. "Ab Mitte 40 können sie nicht mehr gewinnen. Und berauben sich der Chance, in Würde zu altern." Gestern Nacht hat Fendel die Oscar-Gewinnerin Meryl Streep bewundert, die zeigt, wie eine Schauspielerin das schafft: in Würde altern. Eine Frau, die nie die Karte Nacktheit gespielt hat. Vielleicht auch, weil sie nie dem gängigen Schönheitsideal entsprach. Es hat sie in gewisser Weise unangreifbar gemacht.

Jedes Nacktbild ist ein Kontrollverlust. Wie mühsam es ist, die Kontrolle zurückzugewinnen, zeigt die Geschichte von Rike Schmid, einer von Fendels Klientinnen.

Rike Schmid, 32, ist gerade in der Vorabendserie Heiter bis tödlich zu sehen. In ihrer jungen Karriere ist sie überaus bewusst mit ihrem Körper umgegangen. Als ein Lifestyle-Journalist ihr bei einem Dreh riet: Du musst dich ausziehen, du musst was mit Bild machen oder mit dem Playboy , sonst sehe ich keine Chance, da hat sie das als Ansporn verstanden, gerade das nicht zu tun. Nackte Haut nur da, wo es künstlerisch sinnvoll ist, so lautete ihre Regel. Der folgt sie bis heute.

In dem Film Hitlerkantate hat sie eine Jüdin gespielt, die Schauspielerin werden will und es über die Aktfotografie versucht – ein verzweifelter Versuch, über den Körper einen Weg aus der Misere zu finden. So was kann man schlecht im Tweedkostüm darstellen. Es gab noch einen anderen Film, in dem sie sich mit freiem Oberkörper zeigte: Wir . Ein Mann und eine Frau haben eine Affäre, einmal sind sie nach dem Sex zu sehen. Schmid bat darum, dass beim Drehen dieser Szene keine Fotos gemacht werden. Ein Standbild aus dem Film landete trotzdem irgendwie im Internet, wo es sich verbreitete wie eine Epidemie. Server aus Panama zeigten es, bald tauschten sich Männer in Stammtischforen über die Größe von Rike Schmids Brüsten aus.

"Immer wenn ich jemanden kennenlernte, wusste ich: Der hat mich schon nackt im Internet gesehen", sagt Rike Schmid. Unangenehm, aber bald erfuhr sie, dass viele Schauspiel-Kolleginnen ähnliche Probleme hatten. Das stachelte sie an. Sie beauftragte einen Anwalt, der die Schmuddelseiten bei Internet-Suchmaschinen sperren ließ. Verlage forderte er auf, das Oben-ohne-Bild nicht mehr zu zeigen. Die meisten hielten sich daran, die Filmzeitschrift Cinema weigerte sich. Schmid ging durch zwei Instanzen und hat jetzt eine einstweilige Verfügung erwirkt. Im Sommer ist das Hauptsacheverfahren.

Sollte Rike Schmid recht bekommen, ist es damit nicht vorbei. Sie wird weiter darum kämpfen müssen, angezogen zu bleiben. Vor einiger Zeit wurde ihr ein Drehbuch angeboten, das ihr gefiel. Darin war auch eine Sexszene. Rike Schmid fragte, ob sie darüber mit dem Regisseur reden könne. Sie wollte wissen, warum er die Szene für notwendig hielt. Das ganze Angebot wurde zurückgezogen. Der Regisseur hatte sich aufgeregt. Was stellt die sich so an, die hat sich doch schon mal ausgezogen.

Rike Schmid sagt, sie sei "eher eine Feministin als keine". Es ist nicht einfach, Schauspielerin und Feministin zu sein. Sascha Schewtschenko und ihre Freundinnen sprechen das Wort Feministin stolz aus, ohne Fragezeichen in der Stimme. Und sie entkleiden sich pausenlos vor irgendwelchen Kameras, ohne zu zögern. Die Bilder ihrer Brüste sind weltweit verbreitet, Bild zeigt sie, Alice Schwarzers Emma . Sie sind ein Exportschlager aus der Ukraine.

Eine WG in einem runtergekommenen Plattenbau am Obolonski-Prospekt in Kiew . Der Putz fällt von den Wänden, bleierne Ödnis eines Kapitalismus ohne Kapital. An der Wand Fotos: hübsche junge Frauen Anfang 20 beim Ausgehen – Sonnenbrillen, Kussmünder, Eiswaffeln. Auf dem Fußboden Schmutzwäsche, auf dem Schminktisch Fläschchen, Döschen, Tuben. Die Zeit der großen Freiheit im Leben: Man ist erwachsen genug, um zu wissen, was man will, aber noch nicht zu erwachsen, um für etwas zu kämpfen, das man nicht bekommt.