Sascha, 24, sehr blond, sehr schlank, sehr geschminkt und sehr viel hübscher, als es der traditionelle westliche Feminismus erlaubt, sitzt mit einem Notebook auf den Knien auf einem Sofa zwischen Stofftieren und postet mit klackernden Fingernägeln irgendetwas auf Facebook. Oksana, 24, brünett und nicht geschminkt, mit sehr ebenmäßigem Gesicht, hockt im Schneidersitz auf einem ausgeklappten Sofa mit Minni-Mouse-Bettwäsche und zeichnet schlecht gelaunt zwei stilisierte Brüste in ein Skizzenheft. Inna, die dritte Schöne, blond wie Sascha, fläzt sich in einem Sessel und tippt auf einem ihrer beiden Handys herum, während sie das andere ans Ohr geklemmt hat. Gerade war das ukrainische Fernsehen da, die drei müssen gleich noch mal in die Stadt, die Fernsehleute wollen noch in einem Schuhladen drehen, "sie brauchen irgendeine Szene, die zu dem passt, was Frauen üblicherweise tun", sagt Sascha. Sie hält das nicht für ein Klischee, das nur Männern einfallen kann. Sie geht gern in Schuhläden.

Sascha, Inna und Oksana nennen sich topless activists . Das ist ihre Hauptbeschäftigung. Sascha und Inna haben studiert, Finanzwesen die eine, Journalismus die andere. Oksana ist Künstlerin. Sascha hat ihren Job aufgegeben, Inna hat ihn verloren wegen dem, was sie etwa einmal pro Woche tun: sich einen Blumenkranz ins Haar stecken und ihr Oberteil ausziehen. Wie Jessica aus Berlin bekommen sie dafür nichts – außer große Mengen der internationalen Währung Aufmerksamkeit.

Die Sache mit den Brüsten war Oksanas Idee. Oksana, die mit 13 ins Kloster gehen wollte, das Wunderkind, das mit acht schon auf einer Schule für Ikonenmalerei war. Oksana wurde Atheistin, als sie die Philosophie entdeckte. Sie trafen sich 2008, da waren die Aktionen ihrer Gruppe noch bekleidete Happenings für mehr Frauen- und Bürgerrechte in einem Macho-Staat. Sie gaben sich den Namen "Femen" , vom lateinischen femina , Frau. Oksana war für die Requisite zuständig. Sie hatten kein Geld, und Oksana dachte über etwas nach, das ein starkes Bild schaffen würde, ohne viel zu kosten. Auf dem Maidan, dem zentralen Platz von Kiew, dort, wo die Orangene Revolution losgegangen war, protestierten sie dagegen, dass es im Studentenwohnheim kein warmes Wasser gab. Sie wuschen sich im Brunnen, in Bikinis. Sie bekamen so viel Beachtung, so viel Presse wie nie zuvor. Da begriff Oksana.

Sascha war zunächst skeptisch, sie fand ihre Brüste zu klein, sie fürchtete, man würde sich lustig machen: Guck mal, die haben einen Jungen dabei. Die Sorge war unbegründet. Dreißig topless activists sind sie heute, Hunderte angezogene Aktivisten kommen dazu. Die Femen-Frauen haben ihr Hauptquartier im Kiewer Café Kupidon. Hier treffen sich jeden Tag alle Mitglieder, die Zeit haben und nicht gerade protestieren. Es könnte die Garderobe von Germany’s next Topmodel sein. Elegante Mäntel, Hüte, enge Hosen, High Heels, schöne Gesichter mit dramatisch geschminkten Augen, tiefe, starke Blicke. Und jede von ihnen hat irgendwas zu tippen, auf einem Handy, einem Notebook, einem iPad. Ein Mann sitzt auch dabei. "Ja, wir haben auch Männer", sagt Sascha, "im Hintergrund, als Berater, als Anwälte, als Denker. Wir Frauen wollen immer Harmonie, die Männer sagen uns, ihr müsst radikaler sein, deshalb sind sie wichtig. Außerdem holen sie uns aus dem Knast."

Im Kupidon diskutieren sie über die neuesten Nachrichten, beschließen die nächsten Aktionen. Sie verschicken ihre Fanartikel: Kaffeetassen mit dem Femen-Logo, Taschen mit Femen-Logo, T-Shirts mit einem Boobs’ Print, was irgendwie charmanter klingt als "Tittenabdruck". Ebenfalls im Sortiment: Brüste aus Gummi, Beate-Uhse-Ware. Man kann das für geschmacklos und idiotisch halten oder für einen Beweis, dass diese neuen Feministinnen Humor haben. Und dass ihnen jedes Mittel recht ist.

Draußen vor der Tür laufen die Spitzel der Regierung auf und ab, manchmal kommen sie rein. Sascha war dreimal im Gefängnis. Einmal einen Tag, das zweite Mal zwei Tage, das dritte Mal drei. Nichts gegen das, was Inna erlebt hat, die nach einem Protest in Weißrussland vom Geheimdienst verschleppt wurde. Sie haben ihr und zwei anderen Frauen die Augen verbunden, sie mit Öl übergossen und gedroht, wir zünden euch an, wir vergewaltigen euch. Sie haben ihnen mit Messern die Haare abgeschnitten. In Innas kurzes Deckhaar sind jetzt Extensions eingeknüpft – Inna macht weiter. Morgen reisen sie und Sascha nach Wien , die österreichischen Grünen haben sie zu einer Diskussion eingeladen. Wenn ihnen eine gleichgesinnte Organisation ein Ticket bezahlt, fliegen die Aktivistinnen hin und nutzen die Gelegenheit für eine kleine Aktion. Sitzt der Gastgeber in der Schweiz – wunderbar, dann sorgen sie eben beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos für Aufruhr. Sitzt er in Italien, bietet sich die Fashion Week in Mailand für Proteste an. Jetzt also Wien. Nur: Wogegen ist man in Wien? Wie macht man diesen Besuch interessant für Journalisten, wie erschafft man das Bild, auf das alle warten? Brainstorming. Es wird ein langer Abend im Kupidon.

Als sie morgens um sechs am Flughafen von Kiew ankommen, haben Sascha und Inna zwei Stunden geschlafen. Aber sie sind bester Dinge, sie hatten doch noch eine Idee für Österreich.

Die Kombination von nackter Haut und Politik gab es schon mal. Die 68er hatten das Ausziehen zum revolutionären Akt erklärt. Am Ende mussten sie eingestehen, dass die Männer den Frauen und die Frauen sich selbst nur eingeredet hatten, dass es um Freiheit ging – in Wirklichkeit ging es um Sex. Das Busenattentat auf Theodor W. Adorno , bei dem drei Frankfurter Studentinnen sich vor dem Philosophen entblößten, war auch bloß ein Happening, das den Linken im Nachhinein peinlich war. Und in der Kommune 1 ging es eher polygam als politisch zu. Später, in den Achtzigern, gab es noch Cicciolina, die für die freie Liebe warb, ein Pornostar, der es ins italienische Parlament schaffte. Doch das ist nicht die Freiheit, die den Femen-Frauen vorschwebt. Genauso wenig wie die Freiheit der westlichen Feministinnen alter Schule, sich vom Schönheitsideal der Männer loszusagen. Pornografie und der Playboy sind für die Aktivistinnen Unterdrückung. Sie wollen ihren Körper zurückerobern, sagen sie. Aber sie bleiben doch den Symbolen der weiblichen Unterwerfung verhaftet.

Die Grünen haben Sascha und Inna in einem Hotel im jungen, coolen 7. Bezirk einquartiert. Judith Schwentner, Abgeordnete im Nationalrat und Frauensprecherin der österreichischen Grünen, wartet an der Rezeption. Sie ist gespannt auf diese neue Art von Feminismus : Geht das denn zusammen, Nacktheit und gegen Sexismus demonstrieren? "Von uns Grünen würde das jedenfalls keine machen", sagt Schwentner, als Sascha und Inna die Treppe herunterkommen. Maximaler clash of civilizations : wasserstoffblonde Haare bis zur Taille. Die Ukrainerinnen haben enge T-Shirts mit dem Femen-Logo angezogen, zwei Kreise, in der Mitte ein Strich – nur dass die Kreise heute rot-weiß gestreift sind wie die österreichische Flagge. Hautenge Jeans, die Augenbrauen schwarze Blockstriche, High Heels, mindestens zwölf Zentimeter. In Westeuropa sagt dieser Kleidungscode: Prostituierte! Judith Schwentner dagegen: Schmetterlingsbrosche am Revers, Wildleder-Schnürschuhe an den Füßen. Sie schnappt nach Luft.

Auf Innas High Heels deutend, bemerkt sie: "Es sind 20 Minuten Fußweg zum Grünen-Club, da müssen wir doch besser die Straßenbahn nehmen oder das Taxi."