"No problem, really", sagt Inna, "it’s like sneakers for me."

"Sure?" Frau Schwentners Gesicht verrät widerstreitende Gefühle. Dass die Gäste sich für ihre Aktionen entblößen, na gut. Aber müssen sie sozusagen außer Dienst so rumlaufen? Sie tritt von einem Fuß auf den anderen, mit der Straßenbahn ist es kompliziert, und Taxi ist für eine Grüne naturgemäß keine gute Option.

Später beginnt ein Interview-Marathon, der die gesamte österreichische Presse zwei Tage lang in Alarmbereitschaft hält. Vor allem die Fotografen. Sascha und Inna erzählen, wie jetzt, drei Monate vor Beginn der Fußball-EM , in Kiew massenhaft Massagesalons und Stripteasebars aufgemacht werden und wie Wohnungen zu Bordellen mutieren. Und sie erzählen, wie sie die EM verderben wollen, "wir wollen die Fußballfans am Flughafen empfangen und ihnen zuschreien, dass ukrainische Frauen keine Prostituierten sind, wir wollen aufs Fußballfeld rennen". Zum größten Teil aber geht es in den Gesprächen um nackte Oberkörper. Warum diese Art, zu protestieren? "Unsere Brüste sind unsere Waffen", sagt Sascha, "wir wollen zeigen, dass sie uns gehören." Immer wieder fällt der Begriff Primetime: "Busen sind jetzt in der Primetime in den Nachrichten zu sehen, nicht nur in erotischen Sendungen." Das soll also der Beleg dafür sein, dass die Femen-Frauen etwas erreichen. Ist sie das, die neue Revolution der Frauen: Titten zur Primetime? Ist das der Erfolg: dass Emma jetzt Nackte verkauft wie der Playboy ?

Wer sich im Internet über die Ukrainerinnen informiert, stößt auf viele Bilder und wenig Inhalt. "Wir haben keine Angst vor der Bilderflut", sagt Sascha. Die Fast-Food-Gesellschaft, an kurze Informationshäppchen gewöhnt, werde die knackigen Botschaften auf den Plakaten schon verstehen. Die Gruppe hat auch eine 63-jährige Aktivistin, sie protestiert ebenfalls nackt. Fotos gibt es nicht von ihr. Einmal gab es immerhin Bilder von einer außergewöhnlich dicken Aktivistin. Vielleicht wegen des Kuriositätenfaktors.

Es ist die junge, hübsche Nackte mit den Blumen im Haar – sie funktioniert. Ihretwegen sind die Medien da, auch die ZEIT. Das wissen Sascha und Inna natürlich. Bei der Pressekonferenz kommt jetzt ihr großer Moment. "Wir zeigen euch", sagt Sascha, "wie man einen Boobs’ Print macht." Sie zieht eine weiße Plastiktüte hinter dem Podium hervor und holt einen gelben und einen blauen Topf mit Plaka-Farbe heraus, zwei Pinsel und ein großes Stück Pappe. Dann – die Fotografen quittieren es mit Dauerfeuer – zieht Sascha ihr T-Shirt über den Kopf, und Inna beginnt, Saschas Brüste mit Farbe anzupinseln, eine Seite gelb, eine blau. Am Ende drückt Inna das Plakat gegen Saschas Busen. Fertig ist das Femen-Label! Die beiden überreichen das Kunstwerk nun der verlegenen Judith Schwentner. Sie, frauenpolitische Sprecherin einer Partei mit 50-Prozent-Quote, wird sich vor ihren Parteifreunden dafür rechtfertigen müssen. Zwei Frauen, die gegenseitig an den Brüsten rummachen. Besser hätte es der Playboy nicht hinkriegen können. (In der aktuellen Ausgabe zeigt der übrigens Bilder des ebenfalls ukrainischen Pop-Duos NikitA: zwei Frauen, die sich gemeinsam in erotischen Posen ablichten lassen. Ihr Running PR-Gag: Sie ziehen nackt durch die Straßen.)

Am Abend, bei einer Podiumsdiskussion, einigt man sich darauf, dass die Ukrainerinnen viel kämpferischer sind, als sie auf den von der Mainstream-Presse ausgewählten Bildern wirken. Die Grüne Schwentner beschließt, die Femen-Frauen zu mögen und für ihren Mut zu bewundern. Als Sascha und Inna die Zuhörerinnen einladen, mit ihnen oben ohne zu protestieren, will aber doch niemand mitmachen.

In den Boulevardzeitungen sieht man in den nächsten Tagen zwar viele Bilder der Aktivistinnen, aber keine Berichte über die entrechteten ukrainischen Prostituierten. Da sind die Busen-Aktivistinnen schon wieder abgereist. Wie berauscht von der Aufmerksamkeit, die sie bekommen, machen sie weiter, immer weiter. Oksana, die Ikonenmalerin, versucht in Moskau mit entblößtem Oberkörper, eine Wahlurne zu klauen. Inna und Sascha protestieren in Istanbul mit fliegenden Brüsten gegen häusliche Gewalt, ein Testballon für Aktionen in islamischen Ländern, ihr großer Traum. Im ukrainischen Fernsehen geht Sascha mit Fäusten auf einen Abgeordneten los, der sie als Prostituierte bezeichnet. Diese Frauen sind bereit, für die mediale Beachtung jeden Preis zu zahlen. Inna sagt: "Die Zeit, in der wir unsere eigene Geschichte schreiben können, ist kurz."

Schreiben Frauen so wirklich ihre Geschichte?

Das Bild einer nackten Frau ist stark. So stark, dass man darüber alles andere vergisst. Eine Frau, die sich auszieht, glaubt, mächtig zu sein. Doch es ist bloß die Macht des Bildes. Nicht ihre eigene. In Wirklichkeit erlaubt sie jedem, in ihr zu sehen, was er sehen will. Jeder kann auf nackte Haut projizieren, was ihm einfällt. Die Bilder reißen die Frauen mit – in einem Strom, dessen Ziel sie nicht bestimmen. Dessen Ziel sie nicht einmal kennen.