Feminismus : Die neuen Nackten
Seite 6/6:

Schreiben Frauen so wirklich ihre Geschichte?

"No problem, really", sagt Inna, "it’s like sneakers for me."

"Sure?" Frau Schwentners Gesicht verrät widerstreitende Gefühle. Dass die Gäste sich für ihre Aktionen entblößen, na gut. Aber müssen sie sozusagen außer Dienst so rumlaufen? Sie tritt von einem Fuß auf den anderen, mit der Straßenbahn ist es kompliziert, und Taxi ist für eine Grüne naturgemäß keine gute Option.

Später beginnt ein Interview-Marathon, der die gesamte österreichische Presse zwei Tage lang in Alarmbereitschaft hält. Vor allem die Fotografen. Sascha und Inna erzählen, wie jetzt, drei Monate vor Beginn der Fußball-EM , in Kiew massenhaft Massagesalons und Stripteasebars aufgemacht werden und wie Wohnungen zu Bordellen mutieren. Und sie erzählen, wie sie die EM verderben wollen, "wir wollen die Fußballfans am Flughafen empfangen und ihnen zuschreien, dass ukrainische Frauen keine Prostituierten sind, wir wollen aufs Fußballfeld rennen". Zum größten Teil aber geht es in den Gesprächen um nackte Oberkörper. Warum diese Art, zu protestieren? "Unsere Brüste sind unsere Waffen", sagt Sascha, "wir wollen zeigen, dass sie uns gehören." Immer wieder fällt der Begriff Primetime: "Busen sind jetzt in der Primetime in den Nachrichten zu sehen, nicht nur in erotischen Sendungen." Das soll also der Beleg dafür sein, dass die Femen-Frauen etwas erreichen. Ist sie das, die neue Revolution der Frauen: Titten zur Primetime? Ist das der Erfolg: dass Emma jetzt Nackte verkauft wie der Playboy ?

Wer sich im Internet über die Ukrainerinnen informiert, stößt auf viele Bilder und wenig Inhalt. "Wir haben keine Angst vor der Bilderflut", sagt Sascha. Die Fast-Food-Gesellschaft, an kurze Informationshäppchen gewöhnt, werde die knackigen Botschaften auf den Plakaten schon verstehen. Die Gruppe hat auch eine 63-jährige Aktivistin, sie protestiert ebenfalls nackt. Fotos gibt es nicht von ihr. Einmal gab es immerhin Bilder von einer außergewöhnlich dicken Aktivistin. Vielleicht wegen des Kuriositätenfaktors.

Es ist die junge, hübsche Nackte mit den Blumen im Haar – sie funktioniert. Ihretwegen sind die Medien da, auch die ZEIT. Das wissen Sascha und Inna natürlich. Bei der Pressekonferenz kommt jetzt ihr großer Moment. "Wir zeigen euch", sagt Sascha, "wie man einen Boobs’ Print macht." Sie zieht eine weiße Plastiktüte hinter dem Podium hervor und holt einen gelben und einen blauen Topf mit Plaka-Farbe heraus, zwei Pinsel und ein großes Stück Pappe. Dann – die Fotografen quittieren es mit Dauerfeuer – zieht Sascha ihr T-Shirt über den Kopf, und Inna beginnt, Saschas Brüste mit Farbe anzupinseln, eine Seite gelb, eine blau. Am Ende drückt Inna das Plakat gegen Saschas Busen. Fertig ist das Femen-Label! Die beiden überreichen das Kunstwerk nun der verlegenen Judith Schwentner. Sie, frauenpolitische Sprecherin einer Partei mit 50-Prozent-Quote, wird sich vor ihren Parteifreunden dafür rechtfertigen müssen. Zwei Frauen, die gegenseitig an den Brüsten rummachen. Besser hätte es der Playboy nicht hinkriegen können. (In der aktuellen Ausgabe zeigt der übrigens Bilder des ebenfalls ukrainischen Pop-Duos NikitA: zwei Frauen, die sich gemeinsam in erotischen Posen ablichten lassen. Ihr Running PR-Gag: Sie ziehen nackt durch die Straßen.)

Am Abend, bei einer Podiumsdiskussion, einigt man sich darauf, dass die Ukrainerinnen viel kämpferischer sind, als sie auf den von der Mainstream-Presse ausgewählten Bildern wirken. Die Grüne Schwentner beschließt, die Femen-Frauen zu mögen und für ihren Mut zu bewundern. Als Sascha und Inna die Zuhörerinnen einladen, mit ihnen oben ohne zu protestieren, will aber doch niemand mitmachen.

In den Boulevardzeitungen sieht man in den nächsten Tagen zwar viele Bilder der Aktivistinnen, aber keine Berichte über die entrechteten ukrainischen Prostituierten. Da sind die Busen-Aktivistinnen schon wieder abgereist. Wie berauscht von der Aufmerksamkeit, die sie bekommen, machen sie weiter, immer weiter. Oksana, die Ikonenmalerin, versucht in Moskau mit entblößtem Oberkörper, eine Wahlurne zu klauen. Inna und Sascha protestieren in Istanbul mit fliegenden Brüsten gegen häusliche Gewalt, ein Testballon für Aktionen in islamischen Ländern, ihr großer Traum. Im ukrainischen Fernsehen geht Sascha mit Fäusten auf einen Abgeordneten los, der sie als Prostituierte bezeichnet. Diese Frauen sind bereit, für die mediale Beachtung jeden Preis zu zahlen. Inna sagt: "Die Zeit, in der wir unsere eigene Geschichte schreiben können, ist kurz."

Schreiben Frauen so wirklich ihre Geschichte?

Das Bild einer nackten Frau ist stark. So stark, dass man darüber alles andere vergisst. Eine Frau, die sich auszieht, glaubt, mächtig zu sein. Doch es ist bloß die Macht des Bildes. Nicht ihre eigene. In Wirklichkeit erlaubt sie jedem, in ihr zu sehen, was er sehen will. Jeder kann auf nackte Haut projizieren, was ihm einfällt. Die Bilder reißen die Frauen mit – in einem Strom, dessen Ziel sie nicht bestimmen. Dessen Ziel sie nicht einmal kennen.

Kommentare

105 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Hervorragender Kommentar!

Vielen Dank dafür!

Besonders Punkt 7 bringt es auf den Punkt:

"7. Gleichzeitig gibt es aber Frauen, die diese Freiheit umdeuten in die Freiheit zu reizen und zugleich darüber zu bestimmen, ob sie Reizwirkung zulassen oder nicht. Der Mann als erotische Marionette."

Genau darum geht es: den Männern vorzuführen, sie seien triebgesteuerte Hammpelmänner. Das ganze ist eine brutale feministische Machterweisung und insofern finde ich diese Bilder von den Oben-ohne-AktivistINNEN aus Moskau und Paris unerotisch.

feminimus heute

ad 5) dass dies "der feminismus" fordert ist nicht richtig. es gibt durchaus differenziertere und progressivere ansichten dazu aus feministischer sicht.
die feministischen forderungen der liga alice schwarzer der 70er jahre (ohne deren bedeutung hier runterspielen zu wollen - schließlich bildeten deren forderungen und überlegungen die basis für tiefgreifende politische und gesellschaftliche veränderungen) haben sich längst umfassendst weiterentwickelt - schade, dass viele an ihrem alten "feindbild feminismus" festhalten.
feminismus heute (sofern man bei der vielzahl feministischer strömungen überhaupt von "der feminismus" sprechen kann - korrekter wäre wohl mehrheitlicher konsens innerhalb des feminismus) ist weder sexual- noch erotikfeindlich.

Jaja, "Der Feminismus"

Die Feminismen, forderdern doch auch immer nur von "Der Gesellschaft.

In 1500 Zeichen kann man doch die Vielfalt feministischer Strömungen eh nicht erfassen.

Inhaltlich gebe ich Ihnen ja vollkommen Recht, aber ist das hier umsetzbar?

Wo ja nicht einmal eine direkte, und besonders bei dem Thema mit seiner Zensuranfälligkeit, und beständige Kommunikation gegeben ist?

Der Double-Bind der Nacktheit

Sehr schöner Kommentar 2! Ich will den Grundwiderspruch feministischer Nacktheit noch einmal in meinen Worten ausdrücken:

Weibliche Nackheit als Aufmerksamkeitserreger funktioniert genau deshalb, weil es ein auf Sexualität und damit Beziehung gerichtetes biologisches Signal ist. Eine neuere Richtung des Feminismus benutzt nun Nacktheit
(a) um Aufmerksamkeit zu erregen und
(b) behauptet gleichzeitig, dass dies nichts mit Sexualität oder Beziehung zu tun habe - und wer das anders empfinde entweder schmutzige Gedanken habe (Männer) oder prüde sei (Frauen). Dabei würde die Nacktheit, wäre es so wie behauptet, gar nicht funktionieren!

Ein Double-Bind entsteht, der alle beschädigt zurücklässt:
(a) Die Männer - wenn sie auf das Signal reagieren, sind sie Schweine, wenn nicht, Schlappschwänze - und dann
(b) die Frauen, die sich nun wehren müssen, sie seien keine "sexuellen Objekte", obwohl die Wirkung dieser Nacktheit genau darauf beruht, dass sie sich als solche präsentieren.

Frühere Gesellschaften haben sich geholfen, indem sie diese Art Nacktheit ächteten. Heute wird sie von Frauen als Kampfmittel oder für die eigene Karriere gebraucht (missbraucht?). Das ist geeignet, Männer zu demütigen, lässt aber (fairerweise) gelegentlich auch eine Frau verletzt und gedemütigt zurück.

Was könnte helfen? Double Binds kann man nur brechen, indem man sie aufdeckt. Gedrucktes Sich-Schuldig-Fühlen von Männerseite hilft nicht; es spielt diesem Missbrauch von Sexualität nur in die Hände.

Schön beschriebenes Double-bind

Doublebind ist aus im erotischen Kreisel befindlicher weiblicher Sicht nicht wegzudenken, sondern wesentliches weibliches Machtinstrument, solange sowohl ökonomische als auch körperliche Überlegenheit männlich besetzt ist.
Dabei ist das Hantieren mit double-bind auch für die weibliche Seite immer ein zweischeidiges Instrumentarium: wirkmächtig und gefährlich zugleich will es klug dosiert eingesetzt sein.
Immerhin erzeugt ein Zuviel an double-bind regelmäßig Abneigung, Wut oder Gleichgültigkeit.

Der marktschreierische Druck auf junge Mädchen ist heutzutage enorm: Vermarkte dich selbst! Zeig augenblicklich her, was Du hast und was Du kannst! Bestimme selbst über Dich! Lass Dich (sexuell) nicht unterkriegen!
Bereits Grundschülerinnen wird heutzutage der Einstieg in die Welt der Sexualität über Abwehr derselben aufgezwungen.

Was haben sie persönlich von der Pseudomacht über einen Mann, der, behandelt wie ein Hund, vor dessen Schnauze mit der unerreichbaren Wurst gewedelt wird, ob ihrer Reize folgerichtig in Wut statt Entzückung gerät?
Oder von der konsekutiven Senkung der männlichen Reizschwelle, wenn nur noch stärkstes promiskuitives Geschütz ein erotisches Flämmchen zu entfachen vermag?

Ich habe meinen halbwüchsigen Töchtern jedenfalls geraten, auf diese seltsam widersprüchlichen Forderungen weiblich klug antizyklisch mit Verhüllung statt Entblößung zu reagieren.
Um damit das Lüpfen des Schleiers zum selbstgewählten Zeitpunkt selbstbestimmt in die Hand zu nehmen.

Macht - Ohnmacht

Sie schreiben: "Das ganze ist eine brutale feministische Machterweisung und insofern finde ich diese Bilder von den Oben-ohne-AktivistINNEN aus Moskau und Paris unerotisch."

Also: "Machterweisung = weibliche Macht = unerotisch.
Meinen Sie das wirklich? Wäre dann im Umkehrschluss: weibliche Ohnmacht = Unterwürfigkeit = "erotisch"?

Dann haben die Femen ja bei Ihnen erreicht, was sie wollen, nämlich die Ent-Sexualisierung der Frau. Sie finden sie "unerotisch", d.h., Sie nehmen die Femen nicht mehr als Sexualobjekte wahr, sondern als "mächtige" Menschen (Sie empfinden sie sogar als "brutal"!!!! Man lese und staune!)