FeminismusDie neuen Nackten

Für den "Playboy" posieren oder oben ohne protestieren: Wenn Frauen sich heute ausziehen, halten sie sich für selbstbewusst und modern. Aber beherrschen sie das Spiel mit den Bildern wirklich? von 

"Unsere Brüste sind unsere Waffen": Femen-Aktivistinnen bei einer Protestaktion in Paris

"Unsere Brüste sind unsere Waffen": Femen-Aktivistinnen bei einer Protestaktion in Paris   |  © Kenzo Tribouillard/AFP/Getty Images

Die Frau, die an diesem Tag zur Königin wird, heißt Jessica. Sie ist 23 und sitzt auf einer Bierzapfanlage. Sehr bequem ist dieser Thron nicht, der Chrom ist kalt, und Jessica trägt kein Höschen. Dafür aber Stiefel bis zu den Oberschenkeln und ein Top, das nicht den üblichen Zweck eines Kleidungsstücks erfüllt, etwas zu bedecken. In der Münchner Bar Sehnsucht baumeln Büstenhalter von der Decke, das ist der Clou an dieser Kneipe: Für jeden BH, den ein weiblicher Gast dalässt, gibt es eine Runde Jägermeister. Jessica bewegt sich zu den Kommandos des Fotografen und der Fotoredakteurin. Sie öffnet den Mund, streckt den Kopf zwischen die alten BHs, in deren Fasern kalter Rauch hängt. Sie biegt die Wirbelsäule zum Hohlkreuz, dreht gleichzeitig die Beine zur Seite. "Mein Rücken kracht", sagt sie. "Wenn’s wehtut, sieht’s gut aus", sagt die Fotoredakteurin, lange, glatte Haare, Hornbrille, rein optisch mehr als anständig und auf gutmütige Art streng. In einem früheren Jahrhundert wäre sie vielleicht Gouvernante geworden.

Jessica Czakon, Tochter polnischer Eltern, ist in Berlin geboren und aufgewachsen, studiert Architektur in Kassel und hat bei einem Online-Casting des Playboys den Titel "Cybergirl des Monats" gewonnen. Ihr Preis: ein professionelles Nacktshooting. Mit einer Mercedes-S-Klasse ist Jessica vom Flughafen abgeholt worden, sie hat eine Nacht im Motel One spendiert bekommen und wird mit der S-Klasse wieder weggebracht. Noch drei Wochen, dann kommen ihre Fotos raus, online und später auch im Heft, dann ist die nackte Jessica eine öffentliche Figur.

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Viele werden es nicht beachten, aber auf den Fotos, seitlich unter Jessicas linkem Busen, wird ein Tattoo zu sehen sein. Sie hat sich einen Schriftzug in ihrer eigenen Handschrift stechen lassen. Ein Cicero-Zitat auf Latein: Dum spiro spero , solange ich atme, hoffe ich.

Worauf hofft Jessica?

So ein Shooting sei viel Muskelarbeit, sagt sie in einer Pause, in eine karierte Bluse gehüllt. Ansonsten sei es sehr angenehm, das Team habe ihr die Angst genommen. Der Fotograf, der lobt: "Das Profil ist immer ganz gut bei dir." Die Stylistin, die Jessicas Körper mit Olivenöl aus der Spraydose einsprüht, für ein bisschen Glanz. Die Redakteurin, die immer neue Dessous aus ihrer Reisetasche zieht, damit Jessica sie an- und möglichst lasziv wieder auszieht. Jessica wirkt zufrieden, erwartungsfroh. Sie glaubt, dass ihre Fotos an der Universität nicht lange unentdeckt bleiben. Diese Bilder, findet sie, "sind eine Chance für mich. Ich hoffe, man merkt sich mein Gesicht." Sie sagt tatsächlich "Gesicht". Und dann sagt Jessica noch einen Satz, der dauernd fällt, wenn man mit Frauen spricht, die sich öffentlich ausziehen: "Mein Körper, das ist nicht meine Privatsphäre."

Eine Befreiung von kulturellen Zwängen

Das Mädchen von nebenan wird entblättert, und zum Vorschein kommt eine Königin – das ist die Philosophie des Playboy -Gründers Hugh Hefner . Und das ist es, worauf Jessica hofft. Sie, die ehrgeizig ist und Architektin werden will, die Kunstausstellungen mag, gerade ein Psychologie-Sachbuch verschlungen hat und hofft, dass sie später einmal Beruf und Familie miteinander vereinbaren kann. Der Traum von der nackten Königin ist auch ihrer. 40 Jahre nach der Gründung des Playboys in Deutschland, einem Land, das von einer Frau regiert wird, ist er immer noch nicht aus der Mode gekommen. Immer noch träumen ihn junge Frauen, die etwas erreichen wollen und die viel mehr zu bieten hätten als ihre Brüste. Sie sagen, sich öffentlich nackt zu zeigen sei für sie Ausdruck von Selbstbewusstsein.

Die deutschtürkische Schauspielerin Sila Sahin

Die deutschtürkische Schauspielerin Sila Sahin  |  © dpa

Als Sila Sahin , eine deutschtürkische Schauspielerin, sich 2011, im Thilo-Sarrazin-Jahr , für den Playboy auszog, wollte sie demonstrieren, dass das Klischee von der vermummten Türkin veraltet ist. Sie sagte: "Für mich sind diese Fotos eine Befreiung von den kulturellen Zwängen meiner Kindheit." Damit löste sie eine Medienwelle aus, die bis in die USA schwappte. Am Ende wurde Sila Sahin, eine Seriendarstellerin aus der RTL-Vorabendserie Gute Zeiten, schlechte Zeiten , in die Show des amerikanischen Late-Night-Talkers David Letterman eingeladen.

Etwas demonstrieren wollen auch die jungen, hübschen Aktivistinnen aus der Ukraine , die in den vergangenen Monaten international bekannt wurden, nachdem sie vor Dominique Strauss-Kahns Haus in Paris oben ohne im Zimmermädchen-Outfit protestiert hatten. Sie wollten ein Zeichen gegen Sexismus setzen. Sie gehen, immer mit blankem Busen, in aller Welt gegen alles Mögliche auf die Straße: gegen Armut, Magersucht, Wahlbetrug. In Kairo zog sich die junge ägyptische Bloggerin Aliaa Magda al-Mahdy aus Protest gegen das Patriarchat aus und musste danach untertauchen, Exil-Iranerinnen schickten ihr als Zeichen der Unterstützung ein Nacktvideo. Nacktheit scheint ein Kommunikationsmittel geworden zu sein, das Frauen für sich zu nutzen wissen, für ihre Selbstvermarktung, für ihre politische Botschaft. Frauen glauben, sie könnten sich der Medien bedienen, um das Bild ihres nackten Körpers mit einer neuen Bedeutung aufzuladen. Und mehr sein als nur nackt.

Kann das gutgehen? 

Die Playboy -Redaktion gehört zum Burda-Konzern und hat ihren Sitz im Münchner Arabellapark, in einem Gebäude mit dem Sex-Appeal eines Versicherungsbüros, bloß dass bei einer Versicherung keine Spitzenunterwäsche hinter Plüschsesseln auf dem Boden liegt wie hier in der Fotoredaktion.

Leserkommentare
    • gerd-h
    • 03. April 2012 16:54 Uhr
    49. [...]

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/kvk

    Antwort auf "Schöner Artikel."
  1. Ihre These: "In dem Moment, in dem sich Frau öffentlich nackt macht, wird sie auf diese Nacktheit reduziert."

    Ich denke nicht, daß man das so pauschal sagen kann.
    Wer seine Geliebte oder Familienangehörige nackt gesehen hat, wird sie auch nicht auf diese Nacktheit reduzieren. Entscheidend ist doch, ob die betreffende Person noch weitere bekannte bemerkenswerte Eigenschaften hat. Es gibt durchaus Personen, bei denen die vergangene mediale Nacktheit nur ein unbedeutender Aspekt unter vielen geblieben ist. Iris Berben, Madonna, Sophie Marceau und sicher noch viele andere, bei denen man nicht einmal weiß, daß sie einmal nackt aufgetreten sind.

    Im übrigen gibt es das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung: Wenn allgemein postuliert wird, nur dumme Frauen zeigten sich nackt in der medialen Öffentlichkeit, dann nehmen diejenigen, die dem Image der Dummheit entgehen wollen, eher davon Abstand -- und die, die es nicht tun, sind die Dummen. Schon erfüllt sich die Prophezeiung von selbst.

    Das führt im Extrem dahin, daß Frauen sich unerotisch gestalten, nur um nicht als dumm zu gelten.

    Und es ist in der Praxis so, daß nicht nur die Männer auf das gesellschaftlich akzeptierte Frauenbild einwirken (vermutlich noch am wenigsten, weil die meisten sich inzwischen genieren, zuzugeben, worauf sie stehen), sondern die zwischenweiblichen Konventionen mindestens ebenso stark. Wer erlebt hat, welche Abneigung Frauen gegen erotisch auftretende Frauen entwickeln können, weiß, was ich meine.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Acrux
    • 03. April 2012 18:17 Uhr

    "Das führt im Extrem dahin, daß Frauen sich unerotisch gestalten, nur um nicht als dumm zu gelten."

    Und vielleicht australisch. In anderen Kulturen, auch schon in den vergleichsweise westlichen Kulturen Sued- und Mittelamerikas ist das anders. Der im Artikel dargestellte Standpunkt zu High Heels wuerde dort bestenfalls Kopfschuetteln hervorrufen. Gehoeren zum Standarddress fuer jede Frau in gehobener Taetigkeit, nicht weniger als Krawatte bei Maennern.

    Andereseits, so sehr auch auf die erotische Komponente beim _An_-ziehen geachtet wird, ziehen sich Frauen doch auch deutlich weniger oft fuer die Medien _aus_. Da besteht sicher ein Zusammenhang.

  2. ... wer erinnert sich später an das Thema (?)

  3. wer sich als Frau auszieht, MUSS akzeptieren, auch unter sexuellen Gesichtspunkten betrachtet und eingeordnet zu werden.

    Wenn man sich vor Kameras auszieht, gewährt man dem Rest der Menschheit das Recht, diese Bilder auch anzusehen. Wie bei jeder anderen Information, die man öffentlich zugänglich macht, kann darauf positiv oder negativ reagiert werden. Dies ist hinzunehmen, da insbesondere bei großen Printmedien von vornherein klar ist, was mit den Bildern passieren wird, und die gegenseitige Vereinbarung (Geld für Bilder) von beiden Parteien akzeptiert wurde. Alles andere würde die Freiheit der betrachtenden einschränken.

    Heutigen aufgeklärten Frauen ist es wohl schon zuzutrauen, sich vorab zu informieren, welche Konsequenzen dies nach sich ziehen könnte (abgesehen vom Zuwachs auf dem Konto).

    mfg

    • Acrux
    • 03. April 2012 18:17 Uhr

    "Das führt im Extrem dahin, daß Frauen sich unerotisch gestalten, nur um nicht als dumm zu gelten."

    Und vielleicht australisch. In anderen Kulturen, auch schon in den vergleichsweise westlichen Kulturen Sued- und Mittelamerikas ist das anders. Der im Artikel dargestellte Standpunkt zu High Heels wuerde dort bestenfalls Kopfschuetteln hervorrufen. Gehoeren zum Standarddress fuer jede Frau in gehobener Taetigkeit, nicht weniger als Krawatte bei Maennern.

    Andereseits, so sehr auch auf die erotische Komponente beim _An_-ziehen geachtet wird, ziehen sich Frauen doch auch deutlich weniger oft fuer die Medien _aus_. Da besteht sicher ein Zusammenhang.

    Antwort auf "re. "reduziert""
    • Nibbla
    • 03. April 2012 18:24 Uhr

    gehts glaub ich weniger um Nacksein, sondern um die Kleiderordnung. Ich glaub in der Burka sind sie da auch falsch angezogen ^^
    Jetzt kann man sich um Kleiderordnungen streiten. Je nach Tageslaune stören sie mich oder ist mir egal

  4. Sehr schöner Kommentar 2! Ich will den Grundwiderspruch feministischer Nacktheit noch einmal in meinen Worten ausdrücken:

    Weibliche Nackheit als Aufmerksamkeitserreger funktioniert genau deshalb, weil es ein auf Sexualität und damit Beziehung gerichtetes biologisches Signal ist. Eine neuere Richtung des Feminismus benutzt nun Nacktheit
    (a) um Aufmerksamkeit zu erregen und
    (b) behauptet gleichzeitig, dass dies nichts mit Sexualität oder Beziehung zu tun habe - und wer das anders empfinde entweder schmutzige Gedanken habe (Männer) oder prüde sei (Frauen). Dabei würde die Nacktheit, wäre es so wie behauptet, gar nicht funktionieren!

    Ein Double-Bind entsteht, der alle beschädigt zurücklässt:
    (a) Die Männer - wenn sie auf das Signal reagieren, sind sie Schweine, wenn nicht, Schlappschwänze - und dann
    (b) die Frauen, die sich nun wehren müssen, sie seien keine "sexuellen Objekte", obwohl die Wirkung dieser Nacktheit genau darauf beruht, dass sie sich als solche präsentieren.

    Frühere Gesellschaften haben sich geholfen, indem sie diese Art Nacktheit ächteten. Heute wird sie von Frauen als Kampfmittel oder für die eigene Karriere gebraucht (missbraucht?). Das ist geeignet, Männer zu demütigen, lässt aber (fairerweise) gelegentlich auch eine Frau verletzt und gedemütigt zurück.

    Was könnte helfen? Double Binds kann man nur brechen, indem man sie aufdeckt. Gedrucktes Sich-Schuldig-Fühlen von Männerseite hilft nicht; es spielt diesem Missbrauch von Sexualität nur in die Hände.

    Antwort auf "Das Dilemma"
  5. Bevor ich es vergesse: Vielen Dank der Autorin für diesen differenzierten, intelligenten, gut recherchierten Artikel!

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