Mitten im Thüringer Wald liegt einer der dynamischsten Wirtschaftsräume Deutschlands: der Landkreis Sonneberg. Hier ist die Wirtschaft zwischen 2000 und 2009 um 41,6 Prozent gewachsen – mehr als doppelt so stark wie in Deutschland insgesamt. Hier deuten alle wirtschaftlichen Kennzahlen auf eine goldene Zukunft. Oder besser: fast alle.

Denn eines könnte den Aufschwung von Sonneberg stoppen. Der Wirtschaft kommen die Menschen abhanden. Im vergangenen Jahrzehnt hat die Region schon jeden neunten Einwohner verloren. Bis 2030 wird, Prognosen zufolge, auch noch ein Viertel der verbliebenen entweder gestorben oder weggezogen sein.

In Sonneberg lässt sich ein Problem beobachten, mit dem bald viele deutsche Regionen kämpfen werden: Die Unternehmen wollen ihre Betriebe ausbauen, aber sie finden kaum noch Mitarbeiter. Die Erfahrungen, die Thüringens Unternehmer heute schon mit dem Fachkräftemangel machen, können deshalb helfen, sich auf diese Zukunft vorzubereiten.

Die Chefs müssen sich dort etwas einfallen lassen . So wie Karl-Heinz Sladek, 52 Jahre, Geschäftsführer in Neuhaus am Rennweg. Sladeks Firma, die HPT Pharma Packaging, produziert Verpackungen für Medikamente. 2002 wurde das Unternehmen mit 60 Mitarbeitern gegründet, heute sind es dreimal so viele. In den vergangenen Jahren hat das Unternehmen pro Jahr drei bis fünf Millionen Euro investiert, gerade eröffnete es den dritten Reinraum für die sterile Produktion. »Wir haben wahnsinnig viel Geld in das Unternehmen gesteckt«, sagt Sladek, »jetzt müssen wir auf Teufel komm raus neue Leute einstellen.«

Und das wird immer schwieriger. Sladek bedrückt, was den Landrat und die Bürgermeister freut: Im Kreis Sonneberg ist die Arbeitslosigkeit auf 3,9 Prozent gesunken. Politiker sprechen von Vollbeschäftigung. Für Sladek bedeutet das hingegen: »Der Facharbeitermangel ist extremst.« Viele Unternehmer in Thüringen und im Nachbarland Sachsen beschweren sich darüber, dass sie mitunter monatelang nach Fachkräften suchen müssten. Habe es vor einigen Jahren noch Hunderte Bewerber auf einen Ausbildungsplatz gegeben, seien es heute nur eine Handvoll.

Davor hat Michael Behr schon lange gewarnt. Er hat den ostdeutschen Arbeitsmarkt jahrelang erforscht, zuletzt als Professor in Jena. Seit 2010 leitet er im Thüringer Wirtschaftsministerium die Arbeitsmarktabteilung. »In den nächsten fünf Jahren entscheidet sich, ob wir in einen demografisch-ökonomischen Teufelskreis oder in einen ökonomisch-demografischen Engelskreis geraten«, sagt Behr. Wir, damit meint er erst einmal Thüringen und Sachsen , die ostdeutschen Bundesländer , deren Industrie rapide wächst, während die Bevölkerung schrumpft. Wir, das seien aber in Zukunft fast alle deutschen Regionen, sagt Behr. »Ostdeutschland ist das Demografielabor des Westens.«

In Thüringen werden in den nächsten Jahren doppelt so viele Menschen in Rente gehen, wie Jugendliche im ausbildungsfähigen Alter nachrücken. Bis 2020 werden dem Freistaat 200.000 Fachkräfte fehlen, ein Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten heute – so haben es Demografieforscher errechnet. Das ist schlecht für Thüringens Industrie, die zwischen 2000 und 2010 um mehr als 40 Prozent gewachsen ist.

Bleibt das Problem ungelöst, droht ein Teufelskreis: Finden Unternehmen keine Fachkräfte, verlassen sie die Region, wodurch diese noch unattraktiver für Fachkräfte wird und die nächsten Unternehmen schließen. Doch Politik und Firmen könnten das Problem noch lösen, meint Behr – mit einer »ökonomisch-demografischen Vorwärtsstrategie«. Sein Vorschlag: Erstens Mitarbeiter besser aus- und fortbilden . Zweitens neue Arbeitskräfte aus anderen Regionen abwerben. Drittens Ältere, Frauen und Niedrigqualifizierte anlocken mit besseren Arbeitsbedingungen.