ZDF-Mehrteiler "Titanic"Der letzte Untergang

Jetzt inszeniert auch das Fernsehen das Unglück der "Titanic" noch einmal – und zeigt eine Katastrophe, die nichts Erhabenes mehr hat.

Ein Komparse in dem ZDF-Mehrteiler "Titanic" sorgt als verzweifelter Kohlenschaufler im Bauch des Schiffes dafür, dass die Lichter nicht ausgehen.

Ein Komparse in dem ZDF-Mehrteiler "Titanic" sorgt als verzweifelter Kohlenschaufler im Bauch des Schiffes dafür, dass die Lichter nicht ausgehen.

In seiner Metapherologie unterscheidet der Philosoph Hans Blumenberg drei Arten von Metaphern: Die erste dient der Ausschmückung, die zweite entsteht aus Unklarheit, die dritte Form aber nennt er die »absolute Metapher«. Sie verweigert die Rückführung auf rationalen Diskurs und bloße Tatsachen. Das Modell einer absoluten Metapher ist in Blumenbergs Denken der Schiffbruch, ein grandioses Scheitern auf einer »Schifffahrt des Lebens«, von den Mythen der Frühantike bis in die Gegenwart, da man ihn sowohl als erschöpfte Metapher als auch als Metapher der Erschöpfung ansehen kann.

Die RMS Titanic war der zweite von drei Dampfern der Olympic-Klasse, und bei ihrer Jungfernfahrt galt sie nicht nur als das bequemste und größte Schiff der Welt, sondern auch als unsinkbar. Am 14. April 1912 schrammte sie kurz vor Mitternacht an einen Eisberg und sank innerhalb von weniger als drei Stunden. Von den 2200 Passagieren und Crew-Mitgliedern starben etwa 1500. Schuld an dieser Katastrophe waren vermutlich die Ignoranz des Kapitäns, unzureichende Ausstattung mit Rettungsbooten und Verständigungsprobleme mit den Schiffen, die zu Hilfe hätten kommen können. Der Untergang der Titanic führte zu weltweiten Sicherheitsbestimmungen, aber die Metapher dieses Schiffbruchs war stärker als jede Rationalisierung. Der Untergang der Titanic war die absolute Metapher vom Scheitern der bürgerlichen Gesellschaft geworden.

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Entscheidend war von Anfang an weniger der technische Aspekt der Katastrophe als der soziale. Unter den Opfern befanden sich die reichsten Männer der Welt, aber auch zahlreiche Auswanderer. Die Titanic war mithin ein Abbild der Klassengesellschaft und zugleich ein Abbild des Widerspruchs zwischen Alter und Neuer Welt. Doch was die Metapher stets beflügelte, war nicht nur die Größe, sondern auch die morbide Schönheit des Schiffes. Noch im Untergang war diese schwimmende Lichterbühne nicht nur dramatisch und eben »titanisch«, sondern auch schön. Und von dieser Schönheit handeln die Untergangsbilder bis heute, zuerst in Zeichnungen und Gemälden, etwa auf Willy Stöwers berühmtem Beitrag für die Gartenlaube, dann auch im Film, der die Metapher aktualisierte, wie es der jeweilige Zeitgeist verlangte.

James Camerons Film Titanic wurde 1997 zum globalen Megafilm. Die absolute Metapher verwandelte sich hier in eine Maschine zur paradoxen Produktion eines Paares, geschaffen durch die Opfergeste des Mannes aus der dritten gegenüber der Frau aus der ersten Klasse: »Das Herz einer Frau ist ein tiefer Ozean voller Geheimnisse. Aber jetzt wissen Sie, dass es einen Mann namens Jack Dawson gab und dass er mich gerettet hat, in jeder Weise.«

Das sind die letzten Worte von Rose als alter Frau in den Rahmeneinstellungen des Films. Sie verweisen auf einen neuerlichen Paradigmenwechsel der Metapher vom großen Schiffbruch. Denn in dieser Metapher geht es nicht nur ums Überleben, sondern auch ums richtige Sterben. Im guten Schiffbruch steckt ein Neuanfang. Der Schiffbrüchige, so er die Katastrophe überlebt, ist als Vertreter der politischen und geistigen Gesellschaft gescheitert und wird als Individuum wiedergeboren, wie Odysseus, wie Robinson Crusoe, wie Rose in Titanic.

Erinnern wir uns an ein wichtiges Dialogstück aus Camerons Titanic: »Du kannst mich nicht retten, Jack«, sagt Rose, und »Du hast recht, Rose, das kannst du nur selbst«, antwortet er. Es ist ein Übergang vom romantischen Begehren zur Selbstermächtigung in der Kreuzung zweier absoluter Metaphern: Liebestod und Schiffbruch. In jeder steckt das Gelingen als das, was in der anderen das Scheitern ist. So wurde Titanic die Antwort auf alles.

Nun, rechtzeitig zum hundertjährigen Gedenktag der Katastrophe, versucht das Fernsehen mit einer mehr oder weniger opulenten vierteiligen Serie die Metapher zu revitalisieren (die Serie heißt Titanic und beginnt am Karfreitag, 6. April, um 17.30 Uhr im ZDF). An Aufwand und Star-Power wollte sich die europäische Koproduktion mit dem Kino gewiss nicht messen. Eher ging es wohl darum, die eigenen Möglichkeiten in einem maßvoll budgetierten period piece einzusetzen. Ein geschickter Schachzug des Drehbuchs ist die Einteilung in Geschichten aus der ersten, der zweiten und der dritten Klasse und der Besatzung. Die Metapher vervielfältigt sich: Viermal werden Vor- und Nebengeschichten zur Katastrophe miteinander verzahnt, immer auf das Finale im Eismeer hin. Erzähltechnisch gesehen, könnte man sagen, man habe die Dramaturgie einer Soap-Opera über den Schiffbruch-Mythos gelegt. Statt die Metapher mit einer anderen zu kreuzen, wie es Cameron tat, fächert die Serie sie endlos auf.

Leserkommentare
  1. Habe den Vierteiler schon vorab auf EinsFestival gesehen,ist wirklich großes TV-Kino, realistischer als James Cameron's Film und mit guten Akteuren und interessanter Dramaturgie ausgestatter. Aus vier unterschiedlichen Perspektiven heraus werden die Geschehnisse beleuchtet und die zwischenmenschlichen Füllsel wirken authentisch. Echt empfehlenswert!

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