Jenseits des Leids der Opfer, das immer einzigartig und unermesslich bleibt, ist ein Verbrechen stets auch ein Symptom. Oft jedoch sagt die Deutung eines Symptoms mehr über den, der es interpretiert, als über das, was interpretiert wird. Das gilt auch im Fall der Verbrechen Mohamed Merahs, der in Montauban und Toulouse drei Soldaten, drei jüdische Kinder und einen Lehrer ihrer Schule ermordet hat.

Aufseiten der Rechten lässt sich beobachten, wie ihre beiden traditionellen Deutungen wieder auftauchen. Einerseits konzentriert sie sich auf die individuelle Verantwortung des Mörders und leugnet jede gesellschaftliche oder politische Erklärung. Die Untaten sind, Nicolas Sarkozy zufolge, »nicht zu rechtfertigen und nicht zu erklären« – das ist der alte populistische Sophismus, der Erklärung mit Rechtfertigung gleichsetzt. Andererseits kommt uns die Rechte mit dem Schreckgespenst des radikalen Islamismus und jener Fremden, die sich »nicht integrieren wollen«, um ein weiteres Mal neue repressive Gesetze zu fordern, einer unseligen, typisch französischen Neigung zur Gesetzesinflation folgend.

Doch auch auf der Linken tauchen zwei hergebrachte Interpretationen wieder auf: Zum einen ist für sie mit der mörderischen Untat das französische System der Integration gescheitert (die Schule, die Justiz, die Stadtpolitik, der Arbeitsmarkt), ohne dass allzu sehr nach dem eigentlichen Sinn dieses Integrationsgedankens gefragt wird: Was ist eine »integrierte« Gesellschaft? Ist nur sie erstrebenswert? Zum anderen sieht die Linke, ganz im Sinne ihres Wahlkampfs, in dem Verbrechen das Scheitern der xenophoben und repressiven Politik Nicolas Sarkozys.

Nicht viel Neues mithin, wie es scheint, nicht einmal viel spezifisch Französisches. Waren es nicht im Prinzip dieselben Positionen, die 1995 nach den Attentaten des algerischen Terroristen Khaled Kelkal in Frankreich aufkamen, 2004 nach den Terroranschlägen in Madrid und nach dem Mord an Theo van Gogh in Amsterdam, 2005 nach den Attentaten in der Londoner U-Bahn oder auch, wenngleich ideologisch anders gepolt, im vergangenen Jahr nach dem Massenmord im norwegischen Utøya? Die Wiederholung dieser unbeweisbaren, in sich abgeschlossenen Argumente führt letztlich zu nichts anderem als Allgemeinplätzen, die ebenso wahr wie traurig sind: dass der Hass auf andere, woher er auch kommen mag, hässlich ist und ein Mord an Kindern, jüdisch oder nicht, zutiefst böse.

Schließt man sich in diese argumentativen Zirkel ein, bleibt es unmöglich, in dem blutigen Verbrechen Mohamed Merahs ein zusammenhängendes klinisches Bild zu sehen, in dem mehrere Anzeichen einer spezifischen, soziopolitischen Krankheit ein Ganzes bilden. Stattdessen erscheint die Tat dann nur als monströse, singuläre Synthese einer Vielfalt unzusammenhängender Symptome.

Gewiss, ein solches Verbrechen ist Symptom eines radikalen Islamismus, der nicht nur in Frankreich zuschlägt, sondern in ganz Europa, den Vereinigten Staaten und noch viel mehr in der arabisch-muslimischen Welt. Doch die Mordtat erscheint ebenso als ferne Antwort auf den Nahostkonflikt, der sämtliche Beziehungen zwischen dem Okzident und dem Orient vergiftet – krankhaft, aber eben auch symptomatisch war es, dass Mohamed Merah vorgab, mit dem Mord an jüdischen Kindern »die palästinensischen Kinder« rächen zu wollen.

Ebenso zeigt seine Tat, wie das zerbricht, was der Historiker Gérard Noiriel den »französischen Schmelztiegel« nannte. Noiriel beschrieb damit Frankreichs Fähigkeit zur Aufnahme von Fremden im 20. Jahrhundert, namentlich durch die Industrialisierung, mithilfe der Schule und in der Armee. Vielleicht ist es gar kein Zufall, dass Mohamed Merah ein arbeitsloser Karosseriearbeiter war, der Schüler und Soldaten tötete, nachdem er in der Schule gescheitert war und es ihm verwehrt worden war, in die französische Armee einzutreten. So wenig wie es ein Zufall ist, dass der junge Mann in einer sich selbst überlassenen Vorstadt von Toulouse aufgewachsen war, ganz wie Khaled Kelkal in einer benachteiligten Vorstadt Lyons. Seit Jahren krankt Frankreich an einer diskriminierenden und verantwortungslosen Stadtpolitik, wie übrigens auch ein großer Teil Europas.